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Marburg Assistenzärzte klagen an
Marburg Assistenzärzte klagen an
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15:15 24.10.2021
Trübe Aussichten am UKGM Marburg: Nun haben auch die Assistenzärzte der Kinderklinik einen Brandbrief wegen Überlastung geschrieben.
Trübe Aussichten am UKGM Marburg: Nun haben auch die Assistenzärzte der Kinderklinik einen Brandbrief wegen Überlastung geschrieben. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Doch dieser Weckruf wird nun noch einmal lauter: Die Assistenzärzte der Kinderklinik haben einen zweiseitigen Brandbrief an die UKGM-Spitze geschrieben – um darüber zu informieren, dass sie am Rande ihrer Leistungsfähigkeit seien.

„Seit langem arbeiten wir sowohl auf den pädiatrischen und neonatologischen Intensivstationen als auch auf den Peripheriestationen über das geplante Maß hinaus, um die Patientenversorgung aufrecht zu erhalten“, heißt es. Die Folge: Überlastung – und letztlich eine nicht mehr adäquate Versorgung der kleinen Patienten.

Keine Zeit für eine kindgerechte Behandlung

Die Ursache für diese Überlastung ist – wie an anderen Stellen im Klinikum auch – der Personalmangel. So ist es Usus, dass Ärzte aus der Kinderklinik auch in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) Dienste übernehmen. In diesem Monat sehe es jedoch so aus, dass im Regeldienst an zwölf Tagen der Arzt oder die Ärztin für die ZNA auch für mindestens eine weitere Station zuständig sei – trotz gestiegenen Patientenaufkommens in der ZNA. Die Konsequenz: Entweder sei dann kein Arzt auf der Station der Kinderklinik – oder die Patienten in der Notaufnahme müssten länger warten.

Das führe nicht nur zu Stress bei den Eltern, bei Pflegepersonal oder Ärzten. „Zusätzlich werden wir in solchen Situationen der adäquaten Versorgung unseren kleinen Patienten nicht gerecht“, so die Ärzte. „Wir haben keine Zeit, Behandlungen kindgerecht zu erklären oder vor Eingriffen und Untersuchungen Angst zu nehmen. Durch Zeitmangel, Multitasking und dauerhafte Ermüdung verletzen wir die Rechte unserer Patienten hinsichtlich ihres Rechts auf Information, Mitbestimmung und bestmögliche Gesundheit“ – das sei sogar ein Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention.

Adäquate Versorgung nur durch enormen Einsatz

Nachts und an Wochenenden verschärfe sich diese Situation teilweise noch. Denn alleine im Oktober und November müssten sowohl die Notaufnahme als auch die pädiatrischen Peripheriestationen in 14 Diensten durch den Arzt der pädiatrischen Intensivstation mit versorgt werden.

Die Bedingungen seien also schlecht. Dennoch seien alle Patienten „durch uns stets adäquat und mit hohem Niveau versorgt“ worden. Und zwar nur wegen des enormen Einsatzes jedes Einzelnen und durch die oberärztliche Unterstützung. Das führe dazu, „dass Kollegen durch die Arbeit krank werden, was an einer Arbeitsstelle im Gesundheitssektor nicht billigend in Kauf genommen werden darf.“ Auch komme die Weiterbildung zu kurz – so habe es dieses Jahr keine eigentlich vorgesehene Rotation in die Kinderradiologie gegeben.

Zwar verstehe man, dass sich die Geschäftsführung sowohl wirtschaftlichen Zwängen als auch der problematischen Abrechnung im Gesundheitswesen beugen müsse. Doch biete man eine universitäre Versorgung auf Spitzenniveau, „auf die wir als Assistentinnen und Assistenten in der Kinderklinik stolz sind“. Es sei die Frage, ob man diese Spitzenversorgung verlassen wolle. „Denn darauf steuert aktuell alles hin“, schreiben die Ärzte.

„In manchen Bereichen, wie zum Beispiel in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes, haben wir dieses Niveau bereits verlassen und wir fürchten, weitere Kompetenzen zu verlieren.“

Durch das gerade begonnene Wintersemester befürchtet die Ärzteschaft sogar noch eine weitere Verschlimmerung. Denn sie sind auch für die Studierenden der Medizin zuständig – für deren Ausbildung fehle ebenfalls die Zeit, das sei nur mit erneuten Überstunden möglich. Und Zeit für Forschung bleibe nur „durch über das Maß hinaus gehendes Engagement einzelner Kollegen“.

Daher fordern die Assistenzärzte der Kinderklinik eine transparente, vorausschauende und gesunde Personalpolitik, „die es uns erlaubt, unseren Patienten gerecht zu werden“. So müssten beispielsweise Stellen von Kolleginnen, die aufgrund von Schwangerschaft nicht mehr arbeiten dürften, zeitnah besetzt werden. Zumindest dieses Problem ist der UKGM-Spitze nicht unbekannt – doch hat sich offenbar erneut, wie schon im Fall des Personals auf der chirurgischen Station, nichts getan. Denn laut den Assistenzärzten sei dieser Punkt bereits durch ein Gespräch vor knapp zweieinhalb Jahren – im Juni 2019 – zugesichert worden.

Wie genau die Lösung der Probleme aussehen könnte, davon gibt es eine recht genaue Vorstellung: Durch eine Mindestbesetzung von 34 VK-Stellen ohne Aktivzeiten – gelöst durch Neueinstellungen und vorausschauende und nachhaltige Planung. Der Personalpolitik des UKGM stellen die Assistenzärzte ein desaströses Zeugnis aus. Man blicke „mit Sorge“ auf die Entwicklung in der Chirurgie – also dorthin, wo kürzlich nahezu das gesamte Pflegepersonal der Station 235 gekündigt hat. „Uns allen machen die aktuellen Zustände extrem zu schaffen und keiner von uns empfindet seine Arbeit noch als motivierend, sinnstiftend und gut leistbar.“

UKGM sagt „alles in unserer Macht stehende“ zu

Thomas Steiner von der UKGM-Pressestelle schreibt auf Anfrage der OP: „Wir sind unseren Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar, dass sie die Patientenversorgung zu jeder Zeit medizinisch auf einem sehr hohen Niveau gesichert haben. Wir sagen ihnen zu, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, um sowohl die Patientenversorgung wie auch die Aufgabenwahrnehmung im Bereich Lehre und Forschung sicherzustellen und um dauerhafte Überlastungen zu vermeiden.“

So liefen derzeit Berufungsverhandlungen zur Nachbesetzung der Stelle von Professor Rolf Maier als Klinikleiter. Auch habe man in den vergangenen Monaten ärztliches Personal gewinnen können. Gleichwohl gestalte sich die Personalgewinnung, insbesondere von speziell weitergebildeten Ärzten mit der Zusatzbezeichnung Neonatologie, schwierig. Man habe auch ein Konzept erarbeitet, wie die „geforderte Weiterbildung in der Kinderklinik I gesichert werden kann“, so Steiner. Die aktuelle Stellenzahl liege in den Kliniken bei 31,8 VK-Stellen, sie solle Ende Dezember auf 33 steigen.

Von den geforderten 34 VK-Stellen ohne Aktivzeiten ist man dann jedoch weiterhin entfernt. Denn: Im Stellenplan für die Kinderklinik sind zwar diese 34 VK-Stellen vorgesehen – jedoch mit 1,4 Stellen als Aktivzeiten.

Patienten warten stundenlang auf Aufnahme

Wer am Montagmorgen am UKGM zur stationären Aufnahme einbestellt war, rieb sich verwundert die Augen: Mehr als 100 Menschen saßen vor der zentralen Patientenaufnahme mit dem wohlklingenden Namen „StAR-T“ in der Nähe des Haupteingangs, eine Nummer in der Hand, und warteten auf ihren Aufruf. Und warteten, und warteten, und warteten.

Die ersten Patienten waren, so berichteten sie, für 7.30 Uhr bestellt worden und saßen um 11 Uhr noch immer im Wartebereich. Zunehmend ungeduldig, denn die Zahl der vor einem wartenden Menschen wurde einfach nicht kleiner. Ein Patient, schwer gehbehindert, versuchte, sich an der Schlange vorbeizuschmuggeln, um sich in einer von zwei, zwischenzeitlich drei Kabinen seine Aufnahmeunterlagen aushändigen zu lassen. Er wurde von einer wütenden Menge deutlich drauf hingewiesen, dass er noch nicht „dran“ sei.

Einer älteren Patientin nutzte wenig, dass sie auf einen unmittelbar bevorstehenden Untersuchungstermin verwies – auch sie musste warten. Während des Vormittags waren mindestens vier der Aufnahmeplätze nicht besetzt.

Am frühen Nachmittag hatte sich die Zahl der Wartenden auf unter 20 reduziert. Ein Teil der Mitarbeitenden verabschiedete sich in den Feierabend, andere blieben notgedrungen. Eine Mitarbeiterin sagte, sie mache hier in der Patientenaufnahme weiter, es sei ja sonst niemand da.
Kliniksprecher Frank Steibli bat für die Vorkommnisse um Entschuldigung.

„Es besteht aktuell eine große Nachfrage nach Behandlung am Uniklinikum Marburg, worüber wir uns einerseits sehr freuen“, sagte er. „Andererseits sind auch unsere Kolleginnen und Kollegen im Moment verstärkt von infektbedingten Ausfällen betroffen, die in die Zeit der Herbstferien fallen, so dass urlaubsbedingte Abwesenheiten hinzukommen.“

Von Andreas Schmidt und Till Conrad

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