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Marburg Trucker mit Herz sorgen für Weihnachtsstimmung
Marburg Trucker mit Herz sorgen für Weihnachtsstimmung
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08:00 27.12.2021
Die Lkw-Fahrer Marcel Braun (links) und Ralf Kalabis-Schick (rechts) überraschten den gestrandeten Kollegen Valeriu Lupalov aus Moldavien am Messeplatz mit Weihnachtsgeschenken und warmem Essen.
Die Lkw-Fahrer Marcel Braun (links) und Ralf Kalabis-Schick (rechts) überraschten den gestrandeten Kollegen Valeriu Lupalov aus Moldavien am Messeplatz mit Weihnachtsgeschenken und warmem Essen. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg

Ein kleines Weihnachtswunder für gestrandete Trucker – das war am Sonntag das Ziel zahlreicher Lkw-Fahrer aus dem Landkreis und darüber hinaus, die die Kollegen auf den Rastplätzen der Region mit Weihnachtsgeschenken überraschten.

„Frohe Weihnachten, Merry Christmas!“, ruft Ralf Kalabis-Schick auf dem Marburger Messeplatz zum wiederholten Mal zu einer Fahrerkabine hinauf. Seine Kollegen reichen einen Beutel voller Geschenke hinterher, dann folgt eine Portion frischer Nudelsalat samt warmer Bockwurst. Die Beschenkten können es noch nicht so ganz glauben – dutzende Lkw stehen in Reihe, viele Fahrer stammen aus Osteuropa und fallen sichtlich aus allen Wolken, als der kleine Pkw-Konvoi der deutschen Kollegen bei ihnen Halt macht. An Bord diverse Weihnachtsüberraschungen und warmes Essen.

Überrascht steigt Fahrer Valeriu Lupalov aus seinem Lkw. So ganz kann der Moldavier noch nicht verstehen, was hier gerade passiert, als er von den lachenden Kollegen eine Geschenketüte in die Hand gedrückt bekommt. „Für dich, zu Weihnachten“, sagt Kalabis-Schick und grinst. Die Sprachbarriere wird fix per Sprach-App über das Handy überwunden. Es wird klar, worum es den Besuchern geht, um Solidarität und ein wenig Festtagsstimmung für die Fernfahrer-Kollegen, die hier gerade festsitzen.

Über Weihnachten haben die meisten Lkw-Fahrer wie üblich am Wochenende Fahrverbot, viele schaffen es vor dem Fest nicht mehr nach Hause; sie sind gezwungen, die Weihnachtstage in ihrem Wagen zu verbringen. Fern vom eigenen Zuhause und den Familien eine einsame Angelegenheit, die es dutzendfach auf allen Rastplätzen der Republik gibt.

Die Standheizung liefert zwar Wärme in der langen Wartezeit, die heimischen Kollegen wollen zusätzlich noch das Herz erwärmen: „Die Jungs tun mir unheimlich leid, sie müssen hier weit von Zuhause stehen. Wir wollen zeigen, dass aneinander gedacht wird, es ist eine Bestätigung und Wertschätzung für die Fahrer“, sagt Kalabis-Schick.

Das freut die wartenden Kollegen besonders: „Das ist toll, vielen Dank“, teilt Lupalov lächelnd per Smartphone mit und streckt den Daumen nach oben – das universelle Zeichen der Zustimmung verstehen alle auf dem Platz. Und das wird dem deutschen Trucker-Trupp an diesem Tag noch mehrmals gezeigt.

Der Messeplatz war nur die erste Station der langen Tour quer durch Mittelhessen, die Lkw-Fahrer aus Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus – von Korbach bis Bad Endbach oder vom Edersee – auf sich nahmen.Es sind gut vernetzte Kollegen von Kalabis-Schick und Teil der Gruppe „Lkw-Fahrer stehen zusammen“, die über die sozialen Netzwerke regelmäßig Aktionen für den guten Zweck initiiert.

Breites Unterstützernetzwerk führt zum Erfolg

Die Idee für die weihnachtliche Geschenke-Aktion stammt von Fahrer Marcel Braun, der zahlreiche Kollegen, Firmen und Spender mit ins Boot holte: „Mein erster Gedanke war, ein paar Kleinigkeiten zu verschenken – aber daraus ist so viel mehr geworden, die anderen haben sofort mitgemacht“, freut sich Braun.

Die Beutel wurden gespendet, ebenso kiloweise Obst oder Nikoläuse und andere Gaben, „die Firmen und viele andere haben super mitgemacht“, lobt Braun. Seine Mutter kochte alleine 30 Kilogramm Nudelsalat samt Würstchen, die Fahrer-Kollegen sammelten untereinander Geldspenden und kauften weitere Geschenke dazu.

Zwei Dutzend Fahrer, Firmenchefs und weitere Helfer trafen sich schon am Sonntagmorgen, um gemeinsam 300 Geschenkbeutel vorzubereiten, bei der Transportfirma Kress bei Goßfelden entstand regelrecht eine Packstation: Lebkuchen, Schokoweihnachtsmänner, Getränke, Zahnbürsten, Mandarinen, Äpfel, Donuts und andere Leckereien samt Weihnachtskarten in einem Dutzend verschiedener Sprachen wurden von vielen Händen eingetütet. „Es ist einfach faszinierend, wie viele sich hier beteiligen und was es immer noch für einen Zusammenhalt gibt“, lobt Geschäftsführer Sven Kress.

Mit den voll gepackten Wagen ging es den ganzen Tag kreuz und quer über die Park- und Rastplätze der Region. Jeder Lkw-Fahrer wurde reich beschenkt, „das ist gerade an Weihnachten sehr schön“, freute sich Viktor Zelenjak aus Slowenien, der von den Kollegen an einem Parkplatz an der B 3 überrascht wurde.

Viele strahlende Gesichter und zum Dank heulende Lkw-Hupen bestätigen Kalabis-Schick und sein Trucker-Team einmal mehr, so dass sie auch künftig mit neuen Aktionen weitermachen wollen. Ihn schmerzt dabei, dass Lkw-Fahrer in der Gesellschaft bei vielen Menschen keinen guten Stand haben, unter Klischees leiden: „Wir sind eben keine tätowierten Voll-Assis, die alle mal im Knast waren“, spricht er offen ein verbreitetes Vorurteil an.

Dem begegnen er und seine Kollegen mit immer neuen sozialen Projekten, wollen zeigen, „dass dieses Bild einfach falsch ist, auch darum machen wir weiter“.

Von Ina Tannert

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