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Marburg „Trotz, Verzweiflung und Wut“
Marburg „Trotz, Verzweiflung und Wut“
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20:23 24.03.2021
Ausgeclickt: Besuche nach Anmeldung im Einzelhandel ist erst einmal wieder passé.
Ausgeclickt: Besuche nach Anmeldung im Einzelhandel ist erst einmal wieder passé. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Von der kommenden Woche an ist das Shopping-Modell „Click and Meet“ erst einmal wieder Geschichte. Die Corona-Pandemie zwingt den Einzelhandel erneut in einen Quasi-Lockdown, allenfalls können Kunden zuvor bestellte Ware abholen. Die OP sprach mit dem heimischen Einzelhandel und Stadtmarketing-Experten über die neue Situation und die Erfahrungen der zurückliegenden Wochen.

Hannelore Wachtel, Vorsitzende des Verkehrsvereins Kirchhain, sagte, dass sich am „Click and Meet“-Modell in den vergangenen knapp zwei Wochen rund 80 Prozent der vom Lockdown betroffenen Kirchhainer Einzelhändler beteiligt hätten. „Jetzt verfallen wir wieder in eine Phase, die uns definitiv zu Boden zwingt“, sagt Wachtel. Das zuvor praktizierte „Click and Collect“-Modell – also die Abholung nach Bestellung außerhalb der Geschäftsräume – sei für viele logistisch nicht so gut zu realisieren gewesen, sagt die Kirchhainerin: „Der Rückschritt zu diesem Verfahren ist ernüchternd und perspektivlos.“ Die blanke Existenzangst geht also auch in der Kirchhainer Geschäftswelt um, und Hannelore Wachtel sagt ein wenig resigniert: „Wir wissen nicht, was die Pandemie noch alles mit uns macht.“

Die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen

Verunsicherung herrscht auch in der Stadtallendorfer Geschäftswelt. Stadtmarketing-Geschäftsführerin Corinne Diho sagte gestern, dass sie nur wenige Rückmeldungen im Zusammenhang mit „Click and Meet“ von Stadtallendorfer Einzelhändlern bekommen habe: „Aber das wenige Feedback war positiv – die Leute waren froh, dass sie überhaupt aufmachen durften.“ Diho berichtet von einem Fall, in dem ein Einzelhändler eigentlich am kommenden Montag ein neues Geschäft eröffnen wollte: „Jetzt eröffnen sie noch schnell diese Woche, um noch ein bisschen Umsatz mitzunehmen.“ Jan-Bernd Röllmann, Geschäftsführer von Stadtmarketing Marburg, spricht von sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit dem „Click and Meet“-Modell. So hätte einige der kleineren Geschäfte durchaus nennenswerte Umsätze gemacht, andere allenfalls zehn Prozent der normalen Umsätze erzielt. „Für die größeren Einzelhändler ist das Modell schwieriger, weil da die Betriebskosten entsprechend höher sind.“ Eines sei klar, sagt Röllmann: „Click and Collect, Click and Meet – das sind Dinge, die für eine gewisse Zeit möglich, aber eben nicht auskömmlich sind.“

Die Stimmung unter den Marburger Einzelhändlern beschreibt der Stadtmarketing-Geschäftsführer als „Mischung aus Trotz, Verzweiflung und Wut“: „Da gibt es die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen und es verfestigt sich der Eindruck, dass die Politik keinen Plan hat.“ Röllmann vermag nicht abzuschätzen, wie viele Einzelhändler letztlich auf der Strecke bleiben werden, und er sagt: „Alle Prognosen zu diesem Thema müssen sich in der Realität bestätigen.“ Wer akut vor dem Aus stehe, komme mit seinen Problemen nicht zum Stadtmarketing: „Wir werden erst nach der Pandemie und dem Lockdown sehen, wer wieder aufmacht.“

Der Marburger Kaufhaus-Inhaber Peter Ahrens zog gestern eine eher positive Bilanz des „Click and Meet“-Geschäfts, obwohl auch er sagt: „Das ist alles nur ein stückhafter Ersatz.“ Immerhin rund die Hälfte der Kundschaft, die Ahrens sonst bei normalem Geschäft hatte, hätten Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, nach Voranmeldung shoppen zu können: „Die Akzeptanz wuchs von Tag zu Tag und wir haben ,Click and Meet’ begrüßt – es ist mir unverständlich, warum es nicht weiter praktiziert werden kann.“

Robert Lippmann, Geschäftsführer des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK), sagte gestern: „Der HIHK kritisiert das Ende von Click and Meet ab dem 29. März.“ Click and Meet sei sicher nicht die Rettung für den Einzelhandel, räumt Lippmann ein: „Aber für viele Betriebe im stationären Handel ein Funken Hoffnung, die Möglichkeit, sich selbst zu helfen und für etwas Umsatz in dieser schweren Zeit zu sorgen.“

Kleines Licht am Ende des Tunnels

Ähnlich sieht man das beim Handelsverband Hessen mit seinen mehr als 7 000 Mitgliedsunternehmen: „Für viele Händler, die nunmehr fast 100 Tage lang keinem Regelbetrieb nachgehen konnten, war ,Click and Meet’ ein kleines Licht am Ende des Tunnels.“ Durch die Wegnahme von Click and Meet ab dem 29. März werde dem Handel eine jüngst eröffnete Hilfe zur Selbsthilfe wieder genommen. „Dieser Schritt ist insofern schwer nachvollziehbar, als dass der stationäre Handel nach aktueller Kenntnislage kein Infektionstreiber ist und nur ein geringes Ansteckungsrisiko birgt“, heißt es in einer Presseerklärung des Verbandes.

So sieht es auch Rainer Schmidt, Vorsitzender des Gladenbacher Gewerbevereins. Die Entscheidung, „Click and Meet“ zu streichen, habe er wie einen Schlag ins Gesicht empfunden. Denn das Geschäftsmodell wurde gut angenommen, war für die Einzelhändler ein kleiner Lichtblick.

Er verstehe zwar, dass die Bundesregierung reagiere, wenn die Infektionszahlen steigen, aber sie tue es nicht logisch, meint der Schuhhändler. „Wo ist denn die Gefahr?“, fragt Schmidt. Der Handel mache, was möglich sei, habe funktionierende Hygienekonzepte und stünde nun wieder vor dem Nichts. „Ich verstehe es nicht und die Kunden auch nicht“, sagt der Gewerbevereinsvorsitzende.

Empfindlich trifft der neuerliche Lockdown auch Heike Franz, in deren Sportgeschäft gerade der Räumungsverkauf angelaufen ist. Der laufe auch unter „Click and Meet“-Bedingungen sehr gut, werde nun aber abrupt beendet. Laut Heike Franz und auch Rainer Schmidt war das Modell „Click and Collect“ lange nicht so gut. Trotz der Kehrtwende der Entscheidungsträger halten Gladenbacher Geschäftsleute an ihrem Vorhaben fest, ihre Läden diesen Samstag bis 20 Uhr geöffnet zu halten – „auf freiwilliger Basis“, wie Schmidt betont.

Von Carsten Beckmann und Gianfranco Fain

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