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Marburg Wenn Papa möchte, aber nicht darf
Marburg Wenn Papa möchte, aber nicht darf
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08:54 08.09.2019
Ulrich Severin (links) mit einem Vater, der mit Hilfe des Vereins Väteraufbruch um den Kontakt zu seinem Sohn kämpft. Trotz Gerichtsurteil wird ihm der Kontakt von der Mutter oft verwehrt. Quelle: Katja Peters
Marburg

Kylian Mombo* wollte immer Kinder. Seit fünf Jahren hat er einen Sohn und ganz viel Stress. Wegen des Studiums aus Kamerun nach Deutschland gekommen, lernt er auf einer Party Marie* kennen. Sie verstehen sich, lachen viel und landen im Bett. Ein One-Night-Stand mit Folgen, denn Marie wird schwanger. Beide wollen das Kind, aber keine Beziehung.

Während der Schwangerschaft gab es regelmäßigen Kontakt, die beiden Eltern verabreden ein gemeinsames Sorgerecht. Kylian freute sich auf sein Kind, nimmt sich eine Wohnung in Marburg, um immer vor Ort sein zu können. Bei der Geburt darf er dann nicht dabei sein, hält seinen Sohn erst eine Woche später im Arm. Sein Wunsch, den Jungen taufen zu lassen, lehnt die Mutter ab. Für den gläubigen Christ ein Stich ins Herz.

Väteraufbruch

Der Marburger Verein Väteraufbruch berät Väter in der Trennungsphase und auch darüber hinaus. Im Mittelpunkt steht dabei immer das Wohl des gemeinsamen Kindes und der Austausch mit dem Partner. Der Verein gibt Hilfestellungen bei Problemen mit dem kooperationsunwilligen Elternteil und unterstützt bei Behördengängen oder Gerichtsverhandlungen.

Jeglicher Kontaktversuch seinerseits wird von Marie geblockt. Er holt sich Hilfe beim Jugendamt des Landkreises. Die Mitarbeiterin unterstützt ihn, wo sie nur kann. Es wird ein Umgangsrecht verabredet, an das sich die Mutter nicht hält. Immer wieder kommen Ausreden, Unterstellungen, werden lange verabredete Besuchs-Termine kurzfristig abgesagt.

„Sie hat überall erzählt, dass ich mein Kind entführen wolle, zurück nach Afrika gehen will“, erinnert er sich und schüttelt mit dem Kopf. „Ich habe ein Stipendium, studiere hier in Deutschland, will mir eine Zukunft aufbauen und natürlich für meinen Sohn da sein“, sagt der 30-Jährige.

Zwei Jahre kämpft er um ­jede Minute, die er seinen Sohn im Arm hält. Zwei Jahre Kampf, die ihn in eine schwere Lebenskrise stürzen. „Ich wollte stark sein, für mein Kind, habe mich aber total schwach und als Versager gefühlt“, berichtet er von seinem damaligen Gefühlschaos. Er vernachlässigt das Studium, fängt an zu trinken. Kylian ist alleine in Deutschland. Seine Mutter hatte er mit neun Jahren verloren, wuchs bei seiner Großmutter auf. Mit ihr hat er regelmäßig Kontakt. Aber helfen kann sie ihm auch nicht. Niemand aus seiner Heimat kann ihm helfen. Aber er will für seinen Sohn da sein, ihm ein Vorbild sein. Sein Glaube hilft ihm und er fängt wieder an, mehr Sport zu treiben.

Kontakt nur mit Begleitperson vom Amt

Zusammen mit dem Jugendamt klagt er das Sorgerecht vor dem Familiengericht ein und erfährt die ganze Wahrheit über Marie. Sie lebt seit längerem in einer Partnerschaft. Wieder unterstellt sie Kylian, dass er das Kind entführen wolle. Das Gericht hört sich die Argumente beider Eltern an und entscheidet auf ein gemeinsames Sorgerecht. Es stellt sich außerdem heraus, dass Marie an einer Depression leidet und deswegen keine sichere Bindung zu ihrem Kind aufbauen kann. Sie hat Angst, das Kind an Kylian zu verlieren, dass ihr Sohn den ­Vater besser findet, als sie.

Hilfe und Unterstützung findet der Vater beim Verein Väteraufbruch in Marburg. Für den Vereinsvorsitzenden Ulrich Severin ist Kylian kein Einzelfall. Der Verein betreut viele Väter, die ihre Kinder trotz Gerichtsurteil nicht sehen dürfen. Ulrich Severin hört zu, findet Lösungen, hilft bei der Kommunikation. „Auch wenn die Fronten verhärtet sind. Wenn es um das gemeinsame Kind geht, dann sollten die Eltern an einem Strang ziehen“, sagt der Experte.

Für Kylian ist das Urteil ein großer Erfolg. Es gibt ihm wieder Kraft. Stundenweise sieht er seinen Sohn an den Wochenenden, wenn Marie es zulässt. Sie fordert, dass immer eine Begleitperson dabei ist, Kylian nie allein mit dem gemeinsamen Kind ist. Die Mitarbeiterin hält sich im Hintergrund, folgt den beiden aber auf Schritt und Tritt. Eine komische Situation, aber Kylian tut alles, um Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Nach zwei Jahren, der Junge ist mittlerweile vier Jahre, können die beiden nun alleine los.

Da es noch immer sehr schwierig ist, mit Marie zu reden, treffen sich die Eltern nun regelmäßig in der Erziehungsberatungsstelle an der Hans-Sachs-Straße. Ulrich Severin hilft im Vorfeld der Besprechungen. Was muss abgesprochen werden, wie kann dies deeskalierend passieren. Zusammen mit einer Mitarbeitern werden die Termine festgelegt, an denen Kylian seinen Sohn sehen darf.

Aber noch immer ist er abhängig von Maries Gemütszustand, muss immer damit rechnen, dass Termine kurzfristig abgesagt werden. Seine Bitten, dass er den Sohn öfter und länger sehen darf, mit ihm ein ganzes Wochenende verbringen darf, werden noch immer abgelehnt.

Der Verein Väteraufbruch hält eine Wohnung vor, das Väterbüro, in der Väter, die von außerhalb kommen, übernachten können. Der Student lebt jetzt in Köln, pendelt immer nach Marburg. Denn die eigene Wohnung in der Universitätsstadt musste­ er aus finanziellen Gründen aufgeben. Aber er will mit seinem Jungen Alltag erleben.

Verein Väteraufbruch fungiert als Mediator

Wenn er ihn am Samstag um 10 Uhr von Marie geholt hat, dann spielen sie Fußball oder gehen in der Stadt spazieren, mittags kochen sie zusammen im Väterbüro. Französisch darf Kylian dann nicht sprechen. Marie will das nicht, er hält sich daran. „Mein Sohn freut sich auf mich. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich ihn abhole. Dann kommt er die Treppen runter gelaufen, ­direkt in meine Arme.“ Wenn er ihn nach sechs Stunden wieder zurückbringen muss, dann kann der Fünfjährige das nicht verstehen. Auch er will mehr Zeit mit seinem Papa verbringen, will Kylians neue Freundin kennenlernen, abends auf der Couch mit ihm kuscheln. „Das sagt er mir jedes Mal.“

Nach der Nacht bei Marie holt Kylian seinen Sohn am Sonntag wieder um 10 Uhr ab. „Vorher durfte ich ihn alle zwei Wochen einen Tag sehen. Als ich um mehr Zeit gebeten habe, hat Marie entschieden, dass ich ihn alle vier Wochen zwei Tage sehen darf“, sagt Kylian achselzuckend. Dabei hat er laut Gerichtsbeschluss uneingeschränktes Besuchsrecht.

In den vier Wochen gibt es keinen Kontakt zwischen Vater und Sohn. Marie will das nicht. Auf Nachfrage von Kylian berichtet sie in wenigen Sätzen wie es dem Jungen geht. „Wir dürfen nicht telefonieren, schon gar nicht per Video sprechen“, kann der Vater solche Entscheidungen nicht nachvollziehen. „Ein normaler Umgang, das wird wohl dauern“, ist er sich sicher.  „Dabei will ich doch nur da sein, wenn mein Sohn mich sehen will.“ Aber er streitet nicht mehr, will nur, dass es seinem Kind gut geht.

Mit dem Verein Väteraufbruch will er nun versuchen, dass das Verhältnis zu Marie sich verbessert. Die lebt mittlerweile ­getrennt von ihrem Partner. In gemeinsamen Treffen mit dem Vereinsvorsitzenden Ulrich Severin als Mediator sollen die ­Eltern lernen, Stresssituationen zu meistern und die richtigen Schritte für die zukünftige lebendige Eltern-Kind-Beziehung gehen.

* Namen von der Redaktion geändert.
von Katja Peters