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Marburg Brücke besteht Belastungstest
Marburg Brücke besteht Belastungstest
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21:00 12.08.2019
Weidenhäuser Brücke offen, aber trotzdem Innenstadt-Stau: Aufgrund eines Unfalls in der Biegenstraße ging es am Montagmorgen nur schleppend voran. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Zäh und zeitraubend: Der Verkehr schleicht in den Morgenstunden durch die Universitätsstadt, von einem besseren Verkehrsfluss der eineinhalb Jahre gesperrten und nun erstmals wieder geöffneten Brücke merken gestern Tausende Pendler und Sommerferien-­Ende-Schüler nichts. Auf der ganzen Strecke zwischen Universitätsstraße und Ketzerbach herrschte zur morgendlichen Hauptverkehrszeit Stop-and-go.

Grund: Ein Verkehrsunfall, ein Frontalzusammenstoß zwischen einem Lastwagen und ­einem SUV. Nach Ermittlungen der Polizei geriet der Fahrer eines Skoda Kodiac aus unbekannten Gründen auf dem Weg zur Universitätsstraße nach links in den Gegenverkehr.

Es kam zur Kollision mit einem entgegenkommenden Lastwagen. In der Folge war der Bereich zwischen Pilgrimstein und Wolffstraße ­vorübergehend, ab circa 6.40 Uhr gesperrt. Außerhalb der morgendlichen und nachmittäglichen Stoßzeiten lief der Verkehr nach städtischen Beobachtungen ­allerdings problemlos.

"Da hat man eine Chance vertan"

Rund um die Weidenhäuser Brücke hat es in den Nach-Eröffnungs-Stunden aber eigentlich nur ein Thema gegeben: die Verkehrsführung für Radfahrer. „Das Bauwerk ist sehr schön geworden, aber von der immer angekündigten Fahrradfreundlichkeit ist hier überhaupt nichts zu sehen“, sagt Elmar Happel (63) im OP-Gespräch.

Das sieht Leonie Sauer (24) genauso: „Da gibt die Stadt Millionen Euro aus, aber eine über optische Aspekte hinausgehende Verbesserung bleibt aus. Da hat man eine Chance vertan.“ Andreas Kaletsch (36) sagt: „Alle Welt redet über E-Bikes, E-Roller und was noch alles möglich sein kann, und hier wird das überhaupt nicht mitgedacht. Das ist doch totaler Murks.“

Wer sein Rad liebt, der schiebt? Das war auf den beiden Gehwegen der Brücke eher die Ausnahme. Der an die Nordseite angebaute Steg, der eigentlich für Fußgänger reserviert ist, diente gestern bereits Hunderten als Fahrradweg-Ersatz. „Einfach drüberfahren, das passt schon“, riet etwa ein Mann all jenen, die zweifelnd und schüchtern vor dem Steg standen.

Dass der Steg bald auch offiziell für Radfahrer freigegeben werde, davon zeigten sich viele überzeugt: „Wäre doch Quatsch, das so zu lassen, wenn die Realität die Regeln schon jetzt überholt“, sagt Happel. Schon in den Jahren vor der Brückensanierung forderten sowohl Kommunalpolitiker als auch Rad-Aktivisten die Öffnung des Stegs für Radfahrer.

Radfahrer nutzen die Fahrbahnen direkt auf der Brücke

Die Linie des Magistrats ist eine andere: Wegen nicht ausreichender Breite und dem Gefälle am Ende des Steganbaus auf der Weidenhausenseite, wurde eine Radbefahrbarkeit bislang abgelehnt – nicht zuletzt wegen Bedenken des Behindertenbeirats, der folgenreiche Konflikte zwischen Rad- und Rollstuhlfahrern, aber auch Probleme mit Kinderwagen fürchtet.

Ein gemeinsamer Geh- und Radweg – wie das Bürgern auf dem Steg-Anbau vorschwebt – muss laut Rechtslage innerorts aber eine Mindestbreite von 2,50 ­Meter haben. Eine Freigabe des Stegs sieht die Stadt auf OP-Anfrage daher als „nicht möglich“ an.

Viele Radfahrer nutzen aber auch die Fahrbahnen direkt auf der Brücke, eingeklemmt zwischen Stadtbussen, Lkw und Autos. „Komfortabel ist das natürlich nicht, aber ich fühle mich auch nicht besonders unsicher. Wenn man immer den direkten Weg haben will, muss man sich eben mit den Gegebenheiten arrangieren“, sagt Michael Lang (51).

Das sieht Studentin Theresa Bünger (20) anders: „Ich fühle mich unwohl, unsicher und werde das Befahren der Brücke künftig eher meiden. Das ist zu eng, eine falsche Bewegung und man kommt sprichwörtlich ­unter die Räder.“
Büngers Kritik ist das, was etwa Vertreter der Bürgerinitiative Verkehrswende und Klima-Aktivisten von „Fridays for future“ umtreibt.

Künftig sollte auf der Brücke Tempo 30 gelten

Einige der 200 Teilnehmer malten bei einer Demonstration am Sonntag kurz vor der Verkehrsfreigabe der Brücke mit Kreide Parolen wie „Autos stinken“ auf den Asphalt, fordern einen verstärkten Fahrradfokus in der Innenstadt (OP berichtete). Wie es auf der Weidenhäuser Brücke weitergeht, wird auch die Kommunalpolitik beschäftigen.

Die Linke fordert in einem Antrag an das Stadtparlament „umgehend Fahrradstreifen in beide Richtungen auf der Weidenhäuser Brücke zu markieren“. Dafür solle die bestehende Doppelspur genutzt werden, so dass der Autoverkehr jeweils einspurig geführt werden würde. Zudem solle künftig auf der Brücke Tempo 30 gelten.

„Die verkehrspolitische Regelung des gesamten Bereichs vom Rudolphsplatz über die Brücke bis hin zum Erlenringcenter wird den Implikationen der Klimadebatte und den Vorgaben des Beschlusses zum Klimanotstand in keiner Weise gerecht“, heißt es von Henning Köster, verkehrspolitischer Sprecher der Linken-Fraktion.

Für den Radverkehr sei es zwischen dem stark frequentierten Rudolphsplatz und der Einmündung nach Weidenhausen und in Richtung Erlenring „zu gefährlich“. Wie die Stadt auf OP-Anfrage mitteilt, sind die drei Brücken-Fahrspuren jeweils etwa drei Meter breit. Der Gehweg auf der Südseite misst laut Planungsunterlagen etwa 2,35 Meter und der Steganbau weniger als zwei Meter.

Weidenhäuser Brücke ist eine der wichtigsten Pendlerstrecken

Ein baulicher Radweg muss hingegen eine Breite von zwei Metern, mindestens 1,50 Metern plus 50 Zentimeter Sicherheitsabstand zur Fahrbahn haben. Auch die schmalste ­Alternative, ein Schutzstreifen, eine von der Autofahrspur mit gestrichelten Linien abgetrennte Spur, muss mindestens 1,50 Meter breit sein – und die danebenliegende Fahrbahn 2,25 Meter.

„Wenn wir einen weiteren Radweg hätten anbauen wollen, hätten wir die Brücke noch einmal um drei Meter verbreitern müssen und dann hätte man von der historischen Brücke nichts mehr gesehen“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) schon angesichts der bei der Demo geäußerten Kritik. Er verwies auf die drei wenige hundert Meter entfernten Lahn-Querungen, die für Radfahrer und Fußgänger reserviert seien.

Aber: Der Verzicht auf eine zweite Fahrspur stadteinwärts für motorisierten Verkehr wäre laut OB Spies in Zukunft durchaus „vorstellbar“ – zugunsten von zwei Schutzstreifen, die aber von Autos überfahren werden dürften. Voraussetzung: Die Errichtung eines Verkehrsknotenpunkts auf dem Parkplatz der alten Universitätsbibliothek, der das Verkehrsaufkommen auf der Weidenhäuser Brücke – eine der wichtigsten Marburger Pendlerstrecken – sinken lasse.

Stadt weist Kritik der fehlenden Fahrradfreundlichkeit zurück

Im bundesweiten Fahrradklima-Test des ADFC hat sich Marburg im Vergleich zu 2012 in den vergangenen Jahren zwar verbessert, gewann zwischenzeitlich auch den „Aufsteiger“-Preis des Verbands. Allerdings: Die Abstimmungs-Teilnehmer gaben 2018 vor allem den Kategorien „Breite der Radwege“ und „Konflikte mit Kfz“ miese Noten.

Eine Mehrheit der damals rund 300 Befragungs-Teilnehmer empfindet Radfahren als Stress, speziell das Fahren im Mischverkehr. Außerordentlich positiv seien hingegen das Rad-Leihsystem „Nextbike“ und die für Radler in Gegenrichtung gestattete Befahrung von Einbahnstraßen.

Die Kritik fehlender Fahrradfreundlichkeit weist die Stadt zurück. So sei etwa am angrenzenden „Am Grün“ eine Fahrspur zugunsten einer Radverkehrsanlage weggenommen worden, die über den Rudolphsplatz fortgeführt wird. Ebenfalls neu sei die Linksabbiegespur für Radfahrer vom Rudolphsplatz in Richtung Oberstadt. Daneben steht eine Ausweitung der mit Ampelschaltungs-App Sibike an. Im städtischen Radwege-Entwicklungsplan ist außerdem der Bau weiterer Verbindungen vorgesehen, unter anderem soll – so forderten es zuletzt die Jusos – ein Nord-Süd-Schnellradweg kommen.     

von Björn Wisker