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Marburg Treppauf, treppab: Bewegung macht fit
Marburg Treppauf, treppab: Bewegung macht fit
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16:35 24.06.2021
Der Treppenanstieg in der Engen Gasse zieht sich. Am Ende wird’s anstrengend.
Der Treppenanstieg in der Engen Gasse zieht sich. Am Ende wird’s anstrengend. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Treppauf, treppab geht es unentwegt in der Marburger Oberstadt. Nicht nur die Marburger der Gegenwart wissen davon ein Lied zu singen. Schon Märchensammler Jacob Grimm schrieb in den Erinnerungen an seine Marburger Studienzeit Anfang des 19. Jahrhunderts: „Ich glaube, es sind mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern“. Und in der Gegenwart schrieb eine Userin auf dem Ausflugsportal Tripadvisor: „In der Marburger Altstadt sollte man schon gut zu Fuß sein, es gibt, gefühlt,30 000 Treppen“.

Nach Darstellung der städtischen Homepage sind es von der Lahn über die Oberstadt bis hin zum Schloss rund 109 Höhenmeter, zwei Aufzüge, 400 Treppenstufen und jede Menge Sehenswertes.

Auf jeden Fall gibt es mittlerweile gefühlt mehr Aufschriften auf den Treppenstufen als wohl in den meisten anderen deutschen Städten. So liest man beispielsweise an der Zwingli-Treppe, die vom Hauptportal der Lutherischen Pfarrkirche eine Ebene höher führt, den wohl von dem namensgebenden Reformator Ulrich Zwingli stammenden Spruch „Gott allein ist der Fels, auf dem jeder Baum ruhen muss“. Diese Treppenstufen zu ersteigen ist jedenfalls nicht unanstrengend, denn dazu muss man die Knie ganz schön anheben.

Auf dem Weg von der Barfüßerstraße mitten in der Marburger Oberstadt hoch zum Marburger Schloss kann man eine ganze Abfolge von Treppen überwinden. So gibt es beispielsweise am Ende der Wendelgasse eine steinerne Wendeltreppe, die es in sich hat.

Es erscheint einsichtig, dass das Treppensteigen eine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Allerdings sollte man die Dosis langsam steigern und sich nicht zu viel zumuten, erfuhr OP-Reporter Manfred Hitzeroth bei einem speziellen Treppentest.

Er verglich beim „OP-Treppentest“ zwei ganz besonders anstrengende Treppenrouten, die gewissermaßen in der Rangliste der anspruchsvollsten Marburger Treppen ganz oben stehen könnten: Die Schlosstreppe und die im Volksmund „Asthma-Treppe“ genannte Treppe in der „Engen Gasse“ die vom Pilgrimstein bis hoch zur Wettergasse führt. Als besondere Herausforderung setzte er sich das Ziel, beide Strecken jeweils von unten nach oben ohne Zwischenstopp in einem Stück anzugehen.

Strecke 1 Schlosstreppe: Es handelt sich um die letzten mehr als 80 Stufen der Ludwig-Bickell-Treppe, die sich am Ende der Treppenstrecke befinden, die in der Ritterstraße oberhalb der Zwingli-Treppe begonnen hat. Vor allem viele Touristen nutzen normalerweise die Treppe. Wer hier am Startpunkt angekommen ist, sieht ganz oben am Ende einer langen steil aufsteigenden Gerade den überdimensionalen Aschenputtel-Schuh vom Brüder-Grimm-Pfad.

Testbericht: Auch wenn die Treppe auf den ersten Blick sehr furchteinflößend wirkt, geht es eigentlich erst gleichmäßig gut. Erleichternd kommt hinzu, dass ungefähr nach jeweils 12 Treppen ein Treppenabsatz installiert ist, an dem man sich ein wenig erholen kann. Richtig gemein wird es allerdings bei den letzten Stufen, die extrem kraftraubend sind. Jetzt noch die letzten Reserven mobilisieren. Und mithilfe dieser letzten Kraft: Endlich geschafft, allerdings im Schweiße des Angesichts.

Fazit: Vor allem aufgrund der letzten Meter war es richtig anstrengend, aber weniger schlimm als vorher befürchtet.

Strecke 2 Asthma-Treppe“/Enge Gasse: Am Pilgrimstein geht es los: Der Startpunkt befindet sich ungefähr in der Mitte zwischen dem Eingang zum Parkhaus Pilgrimstein und dem Oberstadtaufzug. Oben angekommen ist man in der Fußgängerzone der Oberstadt in der Wettergasse. Von unten sieht man das Ziel aber erst noch nicht, weil die Gasse unterwegs einige Wendungen macht. Viele Studierende, aber auch andere Marburger nutzen die fast nur mit Treppen ausgestattete Gasse als „Diretissima“ in die Oberstadt.

Testbericht: Es lässt sich erst einmal ganz gut und echt locker an. Zwar wirkt der Weg ein wenig eng, aber es ist viel weniger steil als auf der Schlosstreppe. Aber dann kommt unweigerlich die Atemnot. Spätestens nach drei Vierteln der Strecke kommt der OP-Tester ins Keuchen und würde eigentlich auf Höhe der Gaststätte/Kneipe „Die Pause“ dringend eine Pause einlegen, womit der Kneipenname hinreichend erklärt wäre. Ab da ist aber für den Test der „Autopilot“ angesagt. Und der hilft dabei, auch dieses Ziel ohne Unterbrechung zu erreichen.

Fazit: Ein Königreich für eine Pause! Ansonsten ist die „Asthmatreppe“ die spezielle Marburger Extremtreppe, die für die Lungen richtig fordernd ist, allerdings wegen der geringeren Steilheit auch knieschonender wirkt.

Schnelles Treppensteigen als Sport ist sicher nicht jedermanns Sache und wohl auch nicht unbedingt im Sinne der Aktion „Marburg geht doch“. Allerdings mit Bedacht ausgeführt kann es richtig Spaß machen. Und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies weiß um den gesundheitsfördernden Aspekt des Treppensteigens. „Gesünder leben, länger leben, sich wohlfühlen“, zählt Spies die Vorteile auf. Jede erklommene Treppenstufe könne drei Sekunden mehr Lebenszeit bringen, zitiert er eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Wer Lust hat, Marburger Treppen zu entdecken, kann das im kommenden Jahr bei „Marburg 800“ machen. Für September ist ein Treppenlauf geplant, bei dem möglichst viele Treppen in ganz Marburg erkundet werden sollen, erläutert Susanne Hofmann, Fachdienstleiterin Gesunde Stadt.

„Marburg. Geht doch!“

Die Idee für die Kooperation zwischen der Gesunden Stadt, der Philipps-Universität und den Stadtwerken Marburg entstand in einem Projekt-Seminar der Uni über „Kreativität und Innovation im regionalen Ökosystem“. Das Projekt hat den Titel „Marburg. Geht doch“

„Treppensteigen ist eine ideale Möglichkeit, im Alltag das Herz-Kreislauf-System zu trainieren, den Rücken zu stärken oder die Ausdauer zu verbessern“, meint Isabell Boyde, die das städtische Projekt für die „Gesunde Stadt“ mit entwickelt hat. „Schon 3000 zusätzliche Schritte pro Tag genügen, um das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu reduzieren.“

Das Treppensteig-Projekt soll dazu beitragen, dass sich Menschen mehr bewegen. Die Stadtwerke als Betreiber des Oberstadt-Parkhauses am Pilgrimstein haben das Parkhaus als ersten Ort zur Umsetzung des Treppensteig-Projekts zur Verfügung gestellt. „Zum einen wird durch das Treppensteigen die Gesundheit der Menschen gefördert und zum anderen können möglicherweise Aufzugfahrten und damit Energie und letztendlich CO2 eingespart werden“, erklärt Christoph Rau, Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg Consult GmbH.
„Stärke Dein Herz – nimm die Treppe“ oder „Verbrenne Kalorien, nicht Elektrizität“: Das sind nur zwei der 20 Sprüche, die sich die studentischen Macher des Projekts ausgedacht haben.

Um die Marburger am Parkhaus zum Treppensteigen zu motivieren, sollen die motivierenden Schilder, Grafiken und Sticker am Parkhaus Pilgrimstein Anreize schaffen. Gleichzeitig markieren richtungsweisende Fußabdrücke auf dem Boden den Weg zur Treppe. Immerhin 196 Stufen sind es von ganz unten durch das Treppenhaus auf eine mittlere Ebene und dann ganz hoch zur Wasserscheide.

Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) freut sich, dass die von ihr mit angestoßene Aktion nun anläuft. „Treppen steigen ist eine gute Möglichkeit, etwas Sport im Alltag unterzubringen“, meinte sie. Ein weiterer Ort für Motivationsplakate könnte demnächst auch die „Asthmatreppe“ sein.

Von Manfred Hitzeroth