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Marburg Mieten für Studi-Buden bleiben stabil
Marburg Mieten für Studi-Buden bleiben stabil
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09:59 27.09.2019
Die Zahl der Neubauwohnungen, wie hier in der Friedrich-Ebert-Straße ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Ein Grund, wieso die durchschnittlichen Mietpreise nicht weiter steigen? Quelle: Foto: Thorsten Richter
Marburg

Verkniffen ist ihr Blick, als sie vor der Haustür den Blick gen Dachgeschoss richtet. Augenblicke bevor sie sich die Altbau-Wohnung in der Uferstraße ansieht, steht Kira Seidler die Skepsis ins Gesicht geschrieben. „Auf den Fotos sah das irgendwie schöner aus“, sagt sie beim Blick auf den bröckelnden Putz der Fassade und die Aufkleber-Flut an den Straßenlaternen rings herum.

Ein Internet-Inserat preist die Wohnung, die sie sich an diesem Spätseptember-Tag anschauen wird, als „zentral gelegen und top ausgestattet“ aus – keine Lüge, die Lage ist angesichts der Nähe zu Universitäts-Bibliothek und der Phil-Fak für die angehende Sozialwissenschafts-Studentin ideal. Die Ausstattung besteht neben Küchentechnik und Waschmaschine aus einer etwas abgewetzten Schlafcouch, zwei Sesseln mit 80er-Jahre-Charme sowie einem Schreibtisch. „Das ist schon okay, gerade für den Anfang erspart mir das den Möbelkauf und einen großen Umzug“, sagt die 20-Jährige im OP-Gespräch.

Der Knackpunkt: Für die 35 Quadratmeter will der Vermieter 380 Euro Miete haben – für Seidler kommen dann die Nebenkosten hinzu, Strom und Internet etwa. Um die 450 Euro werden es monatlich, wenn sie das Campusviertel-Apartment nimmt.

Hintergrund

Das Stadtparlament fordert vom Land Hessen, dass in der Universitätsstadt ein Mietendeckel eingeführt werden soll. Sinn: die Mieten in Marburg für einen bestimmten Zeitraum praktisch einzufrieren. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hält das für ein „sinnvolles Instrument“.

Und dennoch tut sich auf dem Marburger Wohnungsmarkt ­etwas, ist seit einigen Monaten eine Trendwende erkennbar. Die Nettokaltmiete­ für Marburger Studentenwohnungen betrug sowohl im Jahr 2017 als auch 2018 und im ersten Halbjahr dieses Jahres 320 Euro – also plus minus null Prozent bei der Mietpreisentwicklung. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Mietkosten für Wohnungen bis 40 Quadratmetern und Ein- bis Zwei-Zimmerapartments in den 68 größten Studentenstädten durch den Online-Immobilien-Dienstleister Immowelt.de. 90.000 Wohnungsinserate flossen nach Unternehmensangaben in die aktuelle Erhebung ein.

Ähnliche Resultate gibt es für das ganze mittelhessische Gebiet und die angrenzenden Regionen. Demnach liegt der Mieten-Median in Gießen nun bei 330 statt 350 Euro pro Monat, in Kassel unverändert bei 270 statt 280 Euro. In Fulda sind es im Vergleich der vergangenen drei Jahre jeweils etwa 350 Euro – nur im nahegelegenen Siegen gibt es einen deutlichen Sprung von 250 auf 290 Euro.

Auch wegen Preisen: WGs beliebt wie eh und je

Und so sieht es in einigen mit Marburg in Bezug auf Einwohner- und Studentenzahlen vergleichbaren Städten aus: In Tübingen sanken die Kleinapartment-Mieten um drei Prozent auf 370 Euro, in Erlangen stiegen sie um drei Prozent auf 380 Euro. In Göttingen liegen sie konstant bei etwa 330 Euro. Die Studienautoren sprechen bei Städten mit gleichbleibenden Mietpreis-Durchschnitten wie Marburg, Göttingen oder auch Münster – wo es wie in Tübingen Preissenkungen gab – davon, dass der Markt „seinen ­Zenit wohl erreicht“ habe und Mieter „nicht bereit sind, noch mehr zu bezahlen“.

Ein Grund für die Entwicklung in Marburg ist nach Einschätzung von Immobilienexperten die anhaltende Bautätigkeit in Marburg. 1.600 Wohneinheiten, vor allem Eigentumswohnungen und Häuser, sind laut Stadtplanung alleine zwischen den Jahren 2013 und 2017 entstanden. 2.000 weitere sind entweder seitdem im Bau oder deren Bau ist genehmigt. Dazu kommen in den nächsten zwei bis sechs Jahren die Wohngebiete am Oberen Rotenberg (rund 200 Wohnungen) und Hasenkopf (Platz für bis zu 900 Bewohner).

Ein Platz in einer Marburger Wohngemeinschaft kostete laut Erhebungen aus den vergangenen Jahren im Schnitt 335 Euro – allerdings nicht kalt, sondern warm. Trotz bis zuletzt steigender Zimmerpreise auch im WG-Sektor ist die Kostenersparnis in der Stadt im Vergleich zum Wohnen in einer Singlewohnung deutschlandweit mit am höchsten, sie liegt – in den vergangenen Jahren nur leicht schwankend – zwischen 16 und 20 Prozent. Konkret: Pro Quadratmeter kostete ein WG-Zimmer rund neun Euro, während für Single-Apartments etwa elf Euro fällig wurden.

Kira Seidler hat sich letztlich für eine andere Wohnung entschieden. Am Wochenende zieht sie in den Marbacher Weg – 30 Quadratmeter für 320 Euro, womit sie preislich genau im Durchschnitt liegt.

von Björn Wisker