Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Treffpunkt Friedhof
Marburg Treffpunkt Friedhof
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 14.10.2020
Der idyllisch gelegene Friedhof am Barfüßertor in der Marburger Oberstadt. Quelle: Uwe Badouin
Anzeige
Marburg

25 Friedhöfe gibt es in Marburg. Einer der ältesten, schönsten und kulturhistorisch bedeutendsten liegt am Rande der Oberstadt: Der im Jahr 1575 eröffnete Friedhof am Barfüßertor ist ein Idyll. Angelegt wurde er damals als Entlastung des Kirchhofs rund um die Pfarrkirche, der insbesondere in den Zeiten der Pest zu klein geworden war. Noch rund 100 alte Gräber sind auf dem Friedhof geblieben – Renaissancegräber wie das des Schultheißen Conradus Pletsch (1550 - 1597) und seiner Familie, Barockgräber wie das Conrad Lincker und seiner Familie aus der Mitte des 17. Jahrhunderts oder wunderschöne Eisenkreuze wie das des Marburger Theologen und Philosophen von Karl Wilhelm Justi (1767 – 1846). Über die Jahrhunderte wurden auf dem Friedhof prominente Marburger Familien und Gelehrte beigesetzt.

So ist der Friedhof am Barfüßertor auch ein Ziel für kulturhistorisch interessierte Besucher der Stadt wie ein Ehepaar aus Potsdam. Mehrere Tage hat die Familie Marburg besucht. Eine wunderbare Stadt, lautete ihr Fazit. Bis sie den Friedhof besuchten. In einer E-Mail an die OP macht der Mann seinem Ärger „über einen skandalösen Missstand“ Luft. Gleich am Eingang zum Friedhof entdeckt er einen alten Grabstein, auf den ein Schmierfink „vermutlich mit einem Edding-Stift“ ein Strichmännchen mit Hoden und Penis gemalt hat, das auf die Grabstelle uriniert. „Das geht doch gar nicht, das ist ja Grabschändung. Und das auf einem historischen Friedhof“, sagte er der OP.

Anzeige

Die Familie hat den kleinen Friedhof an einem Sonntag besucht. Vermutlich sei dort am Vorabend gefeiert worden. Leere Pizzaschachteln, Fast-Food-Verpackungen, Alkohol-Flaschen, leere Dosen hätten herumgelegen. „Der Friedhof wird wohl von Stadtstreichern und Alkoholikern gern genutzt, worauf übervolle Papierkörbe und Unrat im Bereich der Sitzbänke am Tor verweisen“, vermutet er. Seine Frau ergänzt: „Bei uns in Potsdam gibt es auch Graffiti-Schmierereien. Auf Friedhöfen habe ich das aber noch nicht gesehen, nicht mal in Berlin.“

Tatsächlich scheint der alte Friedhof inzwischen zumindest an manchen Tagen zu einem Treffpunkt Jugendlicher geworden zu sein. Bei einem Ortsbesuch am Montagnachmittag hielten sich zwei Gruppen auf dem Gelände auf. Schüler auf der einen Bank, junge Erwachsene auf der zweiten. Der Friedhof ist ja auch einfach schön, von der Straße nicht einsehbar und wunderbar ruhig. Und alles wäre in Ordnung, wenn die Menschen nur ihren Müll mitnehmen würden.

„Durch die Corona-Krise sind in diesem Sommer noch mehr Menschen als sonst noch öfter und länger im Freien unterwegs und halten sich tagsüber sowie abends bis spät in die Nacht mehr im Freien auf. Deshalb sind auch alle innerstädtischen öffentlichen Flächen noch mehr frequentiert, viele Menschen gehen dort spazieren, sitzen zusammen, feiern“, teilte die Stadt Marburg auf OP-Anfrage mit.

Auch die Friedhöfe der Stadt Marburg seien öffentliche Grünflächen, die als solche in diesem Jahr noch mehr genutzt werden. „Allerdings gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Marburger Friedhöfe wegen Corona zu Partyorten werden“, so das Presseamt. Das gelte auch für den Friedhof an der Straße Barfüßertor. Er sei seit jeher ein vielgenutzter Ort, weil er mit seinen historischen Grabsteinen, den großen alten Bäumen, der schönen Natur, der zentrumsnahen und dennoch geschützten Lage zum Verweilen einlade und insbesondere im Sommer stark frequentiert sei. Besonders die beiden Bänke nahe des Eingangs am Barfüßertor würden tagsüber gern von Schülerinnen und Schülern der gegenüberliegenden Schule aufgesucht. Auch in den Abend- und Nachtstunden würden sie häufig genutzt, mit mehr oder minder sichtbaren Folgen am Morgen danach. Deshalb gingen bei der Stadt hin und wieder Beschwerden wegen Ruhestörung oder Verschmutzung auf dem Friedhof ein, allerdings dieses Jahr nicht auffallend häufiger als in Vorjahren. Mit Beginn der kühlen Jahreszeit nehme das normalerweise wieder ab.

Der Friedhof wird regelmäßig vom DBM gereinigt. „Wir werden uns anschauen, wie sich die Lage entwickelt und dann je nach Situation entscheiden, ob wir für die Reinigung beim Sommer-Rhythmus bleiben oder auf den Winterturnus umstellen können“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel.

Das Groß der historischen Grabsteine auf dem Friedhof ist denkmalgeschützt. Bei Beschädigungen oder Verschmutzung kümmert sich die Stadt um eine Beseitigung.

Von Uwe Badouin

13.10.2020
Marburg Corona-Fallzahlen - Inzidenz liegt bei 43,8
13.10.2020
Marburg Corona-Ausbruch - Seidel produziert wieder
13.10.2020