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Marburg Spaziergänge brechen soziale Isolation auf
Marburg Spaziergänge brechen soziale Isolation auf
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11:00 06.02.2022
Trauerberaterin Gertrud Rücker (Mitte) mit ihren ehrenamtlichen Helferinnen Hildegard Heiser (links) und Christina Mißbach während einer Tour 2019. Das Foto machte Herbert Schildwächter, ein Teilnehmer des Trauerspaziergangs, der 46 Jahre verheiratet war. Er sagt, dass ihm sein Hobby Fotografieren auch dabei helfe, seine Trauer zu verarbeiten.
Trauerberaterin Gertrud Rücker (Mitte) mit ihren ehrenamtlichen Helferinnen Hildegard Heiser (links) und Christina Mißbach während einer Tour 2019. Das Foto machte Herbert Schildwächter, ein Teilnehmer des Trauerspaziergangs, der 46 Jahre verheiratet war. Er sagt, dass ihm sein Hobby Fotografieren auch dabei helfe, seine Trauer zu verarbeiten. Quelle: Herbert Schildwächter
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Natur, Bewegung, Gemeinschaft. Das klingt doch ziemlich gut. Gerade jetzt in der Pandemiezeit. Für Menschen, die in der zurückliegenden Zeit einen Partner oder eine andere wichtige Bezugsperson durch Tod verloren haben und darüber noch sehr unglücklich sind und trauern, können diese drei Begriffe auch Startpunkt für eine erste Unternehmung sein.

Das Besondere dabei: Es handelt sich um eine Veranstaltung, bei der Trauer nicht als Hindernis, sondern als Anlass für die Unternehmung gesehen wird. Es handelt sich um das einmal im Monat stattfindende Angebot der Trauerberatung der Johanniter. Da es sich um einen Spaziergang handelt, konnte das Angebot bisher immer stattfinden.

Diplom-Pädagogin Gertrud Rücker, Leiterin der Trauerberatung der Johanniter, sagt: „Trauer macht nicht nur traurig, sondern sehr oft auch einsam, gerade jetzt in der Pandemie.“ Und selbst wenn Trauernde wissen, dass ihnen ein Spaziergang guttun würde, fühlen sie sich oftmals noch nicht in der Lage, ihre Trauer einfach zur Seite zu wischen und eine gute Miene aufzusetzen. Verstellen hilft eigentlich auch nicht weiter in der Trauer und Trauerbewältigung. Da kommt also ein Trauerspaziergang gerade recht. Hier kommen nur Menschen zusammen, die aufgrund eigener Trauer die anderen Menschen sehr gut in ihren Stimmungsschwankungen verstehen können, die bereit sind, auch mal über ihre Trauer zu sprechen oder einfach nur zuhören wollen, wie andere mit ihrer Trauer umgehen, die aber auch mal andere Themen zulassen.

Besondere Atmosphäre beeindruckt

Während des rund ein- bis anderthalbstündigen Spaziergangs ist eigentlich alles erlaubt: Weinen und Lachen, vielleicht sogar beides gleichzeitig. Die besondere Atmosphäre zwischen den Teilnehmern der vergangenen Trauerspaziergänge hat Gertrud Rücker sehr beeindruckt. „Man weiß so viel über Trauer und Trauerarbeit, und doch lernt man in der Praxis noch viel hinzu und entdeckt Wege, die Trauernden enorm helfen. So ein Weg ist tatsächlich der Spaziergang, wenn es geht, durchaus auch mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken danach.

„Wir haben seit Juni vergangenen Jahres bis jetzt alle acht Spaziergänge im Botanischen Garten auf den Lahnbergen stattfinden lassen können. Obwohl wir mit dem Wetter öfter Pech hatten, waren die Spaziergänge sehr gut besucht. Die Leute hatten sich zu sehr darauf gefreut, als sich vom Wetter abschrecken zu lassen, sie kamen in wetterfester Kleidung und mit Regenschirm, und jedes Mal war es für alle ein gutes Erlebnis“, sagt Rücker. Die Gemeinschaft von durchaus sehr unterschiedlich alten Menschen, die sich zudem nicht kennen, aber viel Verständnis füreinander aufbringen, wurde von vielen als Befreiung aus der sozialen Isolation empfunden. Einige fanden auch endlich eine Möglichkeit, in einem doch offenen, aber auch gleichzeitig geschützten Raum über ihre Trauer zu sprechen.

Pandemiebedingt nur zehn Menschen pro Gruppe

„Trauer ist und bleibt individuell. Wir haben Personen, die schon länger dabei sind, die diese Tage nicht missen wollen, die sie gerne längerfristig in ihren Terminplan einbauen. Es entstehen sogar Freundschaften zwischen den Teilnehmern“, berichtet Rücker. Einige bringen sich auch aktiv ein und geben während des Spaziergangs für andere Impulse zum Nachdenken und Diskutieren. Schon ein gelesenes Gedicht kann da von unschätzbarem Wert sein.

Vor der Pandemie war der Spaziergang eigentlich nur ein untergeordnetes Element der Trauerberatung. Die Treffen fanden immer in einem Café statt. Jetzt ist der Spaziergang ein tragendes Element. Wobei auch Personen, die nicht so gut zu Fuß sind, sich trotzdem gerne anschließen können. Die Wege im Botanischen Garten sind fest, gut geeignet für Rollstuhl und Rollator.

Termine 2022 Trauerspaziergang

Der Trauerspaziergang findet bis März von 14 bis 16 Uhr statt. In diesen Monaten ist im Botanischen Garten der Eintritt frei. Von April bis Oktober findet er von 15 bis 17 Uhr statt. Ob die Veranstaltungen dann wieder mit Cafébesuch stattfinden, hängt jeweils von der aktuellen Pandemielage ab. Der nächste Spaziergang am Mittwoch, 9. Februar, geht von 14 bis 15.30 Uhr und findet unter der 2G-plus-Regel ohne Cafébesuch statt. Anmeldungen bitte bis zum 7. Februar bei Gertrud Rücker, Telefon 0 64 21 / 96 56 25, oder per E-Mail unter gertrud.ruecker@johanniter.de .

Die Termine 2022 lauten: 9. Februar, 9. März, 6. April, 11. Mai, 22. Juni, 13. Juli, 7. September, 5. Oktober, 2. November und 7. Dezember. Am 10. August ist von 17 bis 19 Uhr ein Trauerbistro vorgesehen. Weitere Infos im Internet unter www.johanniter.de/mittelhessen unter dem Seitenlink Trauerberatung.

Pandemiebedingt werden die Personen je nach Nachfrage in bis zu drei Gruppen aufgeteilt, sodass immer nur zehn Menschen beisammen sind. Und noch etwas fällt Gertrud Rücker auf. Es kommen mehr männliche Trauernde, der Aspekt der Bewegung scheint sie mehr anzusprechen als nur ein Café. Wobei dies im Botanischen Garten nach dem Spaziergang auch dankbar angenommen wird. Café-Betreiberin Kerstin Wolzenburg steht dabei, wann immer es geht, sehr gerne für diese Gruppen zur Verfügung.

Der Regionalvorstand der Johanniter, Marco Schulte-Lünzum, unterstützt das Angebot der Trauerberatung. „Gerade jetzt während der Pandemie ist es gut und wichtig, dass Unterstützungsangebote für Trauernde angeboten werden.“

Der nächste Spaziergang findet übrigens schon am Mittwoch (9. Februar) statt (siehe Infokasten).

Von Götz Schaub