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Marburg Keine Umarmung – das schmerzt
Marburg Keine Umarmung – das schmerzt
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12:57 10.05.2020
Quelle: Symbolfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Am 10. Mai ist Muttertag. Ein Tag der Freude. Aber das Leben kennt keinen Tag der Freude allein, es geht weiter und bringt völlig unterschiedliche Situationen.

Und so gibt es auch am Muttertag viele Menschen, die diesen Tag erstmals ohne ihre Mutter erleben, weil diese verstorben ist. Als Außenstehender mag man vermuten, dass es Angehörigen, die geliebte Menschen im Lockdown verloren haben, vielleicht einen „Tick“ schlechter geht, weil sich selbst diese Ausnahmesituation bestimmten Regeln unterwerfen muss.

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Im Anschluss schildert eine uns bekannte Frau, die ihre Mutter verloren hat, was sie in dieser Zeit fühlt, was ihr fehlt sowie wo und wie sie Kraft tankt:

Genug Zeit zum Abschied nehmen – eigentlich

Bezeichnenderweise in der Karwoche, der Woche vor Ostern, habe ich meine Mutter im Alter von nur 68 Jahren verloren. Mit einer niederschmetternden Diagnose lebte sie – wider aller Prognosen – noch erstaunlich lange erstaunlich gut. Viel Zeit, in der man sich gemeinsam auf den Abschied hätte vorbereiten können, sollte man meinen.

Aber dennoch trifft einen der Verlust dann plötzlich wie ein harter Schlag, genau dahin, wo es besonders weh tut – mitten ins Herz. „Man sieht die Sonne untergehen und ist doch erschrocken, wenn es dann auf einmal dunkel ist“, zitiert mir eine Bekannte einen schönen Trauerspruch und trifft den Kern damit recht gut, wie ich finde.

Alle Ablenkungen sind gestrichen

Plötzlich ist es dunkel. Und plötzlich ist sie da, die große persönliche Ausnahmesituation. Noch dazu mitten in der Corona-Krise, in Zeiten des Lockdowns. Ein Land fährt runter, um die Gesellschaft zu schützen und verhängt ein Kontaktverbot, schließt die Läden und vieles mehr, dabei fahren meine Trauergefühle doch gerade hoch – und zwar von 0 auf 100. Ich sehe mich in vielerlei Hinsicht mit einer nie dagewesenen Situation konfrontiert, fühle mich ein Stück weit überfordert.

All das, was mir gerade gut tun würde, ist erstmal auf absehbare Zeit gestrichen: kein Kino, um sich abzulenken, kein Fitnessstudio, um sich auszupowern, keine Treffen mit Freunden, wo man mal die Seele baumeln lassen, gemeinsam weinen und sich trösten könnte. Kein Gottesdienst. Nichts dergleichen.

Keine Umarmungen am Totenbett

Eine persönliche Ausnahmesituation in der Ausnahmesituation. Mir fehlen die sozialen Kontakte, die Umarmungen, der feste Händedruck meiner Mitmenschen, die tröstende Hand auf der Schulter schmerzlich, ich spüre diese Sehnsucht geradezu körperlich.

Es ist die womöglich skurrilste Situation meines bisherigen Lebens, mit lieben Verwandten gemeinsam auf Abstand am Totenbett meiner Mutter zu stehen und sich nicht mal in den Arm nehmen zu dürfen. Verkehrte Welt!

Umarmungen werden plötzlich virtuell, ich lese per Whats-App immer wieder von Freunden, Nachbarn oder Bekannten den Satz „Fühl dich mal ganz fest gedrückt!“ – ja, das versuche ich, aber es substituiert nun mal nicht das unübertroffene Original.

Ein unsägliches Timing

Ich bekomme viele Trauerkärtchen als Zeichen der Anteilnahme. Eine schöne Geste, die mir gerade viel gibt, denn auch wenn mir ein solcher Verlust natürlich nie wirklich „gepasst“ hätte – das Timing gerade zur Corona-Zeit ist unsäglich. Schlimmer geht nimmer.

Zu all der seelischen Belastung kommt die Sorge, wie das nun alles vonstatten gehen soll. Bestattung, Trauerfeier. In unserer Gemeinde sind derzeit fünf Beteiligte erlaubt, das wären gerade mal mein Vater, meine drei Geschwister und ich.

Keine Begleitpersonen, kein erweiterter Familienkreis, keine Nachbarn, die gerne offiziell Abschied nehmen würden und meiner Mutter die sprichwörtlich „letzte Ehre erweisen möchten“. Kommt Zeit, kommt Rat – die gewünschte Feuerbestattung gibt uns zumindest ein erweitertes Zeitfenster. Na, dann warten wir mal auf bessere Zeiten!

Trauerberatung hat ein offenes Ohr

Zum Glück habe ich einen Mann und zwei Jungs, mit denen ich all diese Gefühle der Trauer, meine Sorgen und Nöte und dieses tiefe Bedürfnis nach Nähe und „sich drücken wollen“ auch in dieser Corona-Zeit teilen und ausleben darf!

Ich fühle mich gesegnet und denke gerade jetzt und mit viel Mitgefühl an all jene, die vielleicht ganz allein dastehen mit ihrer ohnmächtigen Trauer und nicht um die zahlreichen Angebote wissen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Gertrud Rücker vom Fachbereich der Trauerberatung hat weiterhin für alle Betroffenen ein offenes Ohr und ist für Trauernde da. Gerade habe ich mich wieder ganz persönlich davon überzeugen können.

Jeder TV-Spot ist ein Stich ins Herz

Da ich mein Herz auf der Zunge trage, wenn ich spüre, dass ich Menschen tiefes Vertrauen entgegenbringen kann, habe ich ihr von meiner derzeitigen privaten Situation berichtet, ihr erzählt, wie präsent meine Mutter tagtäglich in meinem Leben ist, wie ich das Gefühl habe, mit ihr nach wie vor zu kommunizieren, nur halt anders, und wie hart manche Alltagssituationen gerade sind:

Der Muttertag steht vor der Tür und dies wird medial omnipräsent beworben. Für mich beim Lesen von E-Mail-Betreffzeilen, in der Radiowerbung oder beim Fernsehspot immer wieder ein kleiner Stich ins Herz und die schmerzhafte Erkenntnis: „Du hast jetzt keine Mutter mehr“.

Mal wieder echte Briefe schreiben

Nein, ich habe jetzt keine Mutter mehr, zumindest keine, die man mal eben anrufen oder auf ’nen Sprung besuchen kann, aber ich habe beschlossen, mir von nun an selbst eine gute Mutter zu sein und mich gut um mich und mein Seelenleben zu kümmern.

Dazu gehört auch, mir Hilfe zu suchen, wenn ich sie benötigen sollte oder wohltuende Angebote wahrzunehmen. Und sei es derzeit erstmal nur telefonisch oder per E-Mail – oder ich schreibe einen guten alten Brief, wie früher, als es noch keine Social-Media-Kanäle zur zwischenmenschlichen Kommunikation gab.

Den Weg mit Gleichgesinnten gehen

Einer der ersten Schritte auf meiner ganz persönlichen Trauerreise ist dieser Artikel, mit dem ich die aktuelle Situation einer Trauernden in Zeiten von Corona schildern möchte. Eine Botschaft ist mir wichtig: Trauer ist individuell ausgestaltet, sie wird subjektiv empfunden und ist nicht messbar, es gibt auch keine Prognose über die Länge des Weges oder die Dauer, die sie in Anspruch nimmt.

Nur eines steht fest: Man muss diesen Weg nicht allein gehen, sondern darf ihn mit Weggefährten teilen, Gleichgesinnten, die gerade Ähnliches erleben oder ausgebildeten Trauerbegleitern, die einem unterstützend zur Seite stehen. Ist das nicht für uns alle ein Segen?

Trauer in Zeiten von Corona – Abschied ohne Nähe

Der Verlust eines nahestehenden Menschen ist stets sehr schmerzhaft. Dabei ist es egal, ob man den geliebten Menschen plötzlich und unvorhergesehen, durch Krankheit oder im hohen Alter verliert. Während den Einschränkungen der Corona-Pandemie fehlen oftmals Ansprechpartner für Trauernde, die Zuhören und einfach für sie da sind.

Das Angebot der Johanniter für Trauernde: Der Trauerspaziergang, geplant für den 13. Mai, wird auf einen anderen Zeitpunkt verschoben. Anstatt des Spaziergangs bietet Gertrud Rücker, Diplom-Pädagogin und Trauerbegleiterin ein Beratungstelefon am gleichen Tag von 16 bis 18 Uhr an. Trauerberatung ist nach Terminabsprache (auch per Skype möglich). E-Mail: gertrud.ruecker@johanniter.de; Telefon: 06421/965625 von Dienstag bis Donnerstag.  

Von Götz Schaub

10.05.2020
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08.05.2020
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