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Marburg Erschwerter Abschied in der Pandemie
Marburg Erschwerter Abschied in der Pandemie
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16:00 07.06.2021
Doris Heckmann vom Kirchenvorstand der Gemeinde Cölbe zündet am 18. April 2021 in der Friedhofshalle in Cölbe eine Kerze an.
Doris Heckmann vom Kirchenvorstand der Gemeinde Cölbe zündet am 18. April 2021 in der Friedhofshalle in Cölbe eine Kerze an.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Trauer, Tod und Sterben haben in der Corona-Pandemie aus traurigem Anlass vermehrt Aufmerksamkeit erhalten. Doch gleichzeitig ist es für viele Menschen wegen der Corona-Vorgaben auch sehr viel schwieriger geworden, sich adäquat von ihren sterbenden Angehörigen zu verabschieden, und das gilt nicht nur für „Corona-Tote“.

Als ein Beispiel nennt die Marburger Trauerforscherin und Psychologin Judith Gonschor den Fall einer Mutter, die ihre sterbende Tochter wegen der Zugangsbeschränkungen nicht im Krankenhaus besuchen durfte. So konnte sie sich von ihr nicht so verabschieden, wie sie es eigentlich wollte. Sie ist eine der Patienten, die an einer anhaltenden Trauerstörung leiden – der „Prolonged Grief Disorder“ (Progrid). Dies ist eine besonders intensive Form der Trauer, die mindestens ein halbes Jahr nach einem Verlust anhält und mit so schweren körperlichen und psychischen Folgen einhergeht, dass sie massiv den Alltag beeinträchtigen.

Die Mutter, die jetzt immer noch um ihre Tochter trauert, hat nach Angaben von Gonschor auch mit schweren Schuldgefühlen zu kämpfen. Sie glaube, ihr Kind im Sterben alleingelassen zu haben – obwohl eigentlich die höheren Umstände in Form der Pandemie dazu führten, dass sie in der Sterbephase nicht am Krankenbett der Tochter in der Klinik sitzen konnte.

„Rituale fallen weg, die Halt geben“, erläutert Gonschor. Besonders in der dunklen Jahreszeit seit November erschwerte in den vergangenen Monaten der „verschärfte Lockdown“ das Trauern um einen geliebten Menschen. Zu den wichtigsten Trauerritualen zählt ansonsten die Beerdigung, die zuletzt meist nur noch im engsten Familienkreis möglich war. Generell helfe dabei den Hinterbliebenen sonst die emotionale Unterstützung in der Trauergemeinschaft durch nahestehende Menschen – also auch durch Freunde und Bekannte. Doch auch weitere Trauerrituale wie Beileidsbesuche fielen größtenteils den strengen Kontaktbeschränkungen zum Opfer, genauso wie der tröstende Körperkontakt auf ein Minimum reduziert wurde.

Auch das generelle Stresslevel sei bei vielen Menschen in der Corona-Zeit gewachsen. Hinzu komme die Angst vor Arbeitslosigkeit und vermehrte soziale Isolation. „Es melden sich bei uns mehr Hinterbliebene, die zusätzlich zur Trauer durch andere Dinge belastet sind. Und die Verarbeitung der Trauer wird erschwert, weil Bewältigungsstrategien fehlen“, meint die Psychologin. Ob die Pandemie zu erhöhten Zahlen bei der anhaltenden Trauerstörung geführt hat, wurde allerdings noch nicht erforscht, erläutert Gonschor.

Zum Trauern gehören viele Rituale. Quelle: Thorsten Richter

Auf jeden Fall hat Corona aber teilweise die Art der Behandlungsangebote verändert, die Gonschor und ihr Team in der Psychotherapie-Ambulanz des Fachbereichs Psychologie für das Thema „Anhaltende Trauer“ erarbeitet haben. Wo die Beratungsgespräche sonst in Anwesenheit geführt wurden, waren jetzt vermehrt Online-Gespräche angesagt. Das war sowohl für die Psychologinnen als auch für die Patienten erst einmal sehr ungewohnt, denn eigentlich braucht man für die Gespräche auch Nähe. Letztlich machte das Team mit dem neuen Online-Format doch auch positive Erfahrungen.

Sowieso gehören unkonventionelle Ideen zum integralen Konzept der Marburger „Progrid“-Studie. Das gilt zum Beispiel für ein alternatives Abschieds-Ritual, das es den für eine lange Zeit Trauernden ermöglichen soll, in ihrer unablässigen Beschäftigung mit dem Verstorbenen ein Stück weit loszulassen. So gehen die Psychologen mit den Hinterbliebenen nur in ihrer Vorstellung an das Grab. Dabei wird in einem Behandlungsraum eine Art Friedhofs-Szenario nachgebildet mit einer Matte, Kerzen und Blumenschmuck. Dieses Szenario bildet dann den Rahmen für das therapeutisch begleitete imaginäre „Abschieds-Gespräch“.

„Das ist total emotional. Viele Gefühle kommen dabei hoch“, berichtet Judith Gonschor über diese meist gegen Ende einer Therapie praktizierte Übung. Vorher von der Befürchtung begleitet, dass diese Gefühle zu heftig sein könnten, überwögen danach häufig die Erleichterung und das Gefühl, etwas geklärt zu haben.

Dass die Gedanken der Betroffenen nur noch um den Verlust der geliebten Person kreisen und dass sie davon ausgehend nahezu alle alltäglichen Verrichtungen vernachlässigen, macht den Kern der „anhaltenden Trauerstörung“ aus. Dabei macht Psychologin Judith Gonschor im Gespräch mit der OP deutlich, dass sie den Aspekt des Störenden nicht zu sehr betont haben möchte.

Denn es sei durchaus verständlich, dass diese Phase des Abschiednehmens nach dem Tod auch zu einer trauernden Person dazugehöre und ihr gesamtes Wesen ausmache.

Für die Therapeuten sei es deswegen ganz wichtig, am Anfang der Behandlung zuzuhören und einfach da zu sein und Trauer und Schmerz zu teilen. Nicht mehr so ausschließlich zu trauern bedeute aber nicht, den Verstorbenen gänzlich zu vergessen.

Von Manfred Hitzeroth

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