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Marburg Molkerei setzt auf Tierwohl und Klimaschutz
Marburg Molkerei setzt auf Tierwohl und Klimaschutz
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17:00 24.11.2019
Dieter Hewecker (links) und Julia Hewecker (rechts) halten ihre 260 Kühe Tierwohl-gerecht und liefern Milch an die Marburger Traditionsmolkerei. Deren Geschäftsführer Gerrit Oltmanns (Dritter von links) erhielt für das Nachhaltigkeitskonzept Lob und Unterstützung von Jan-Bernd Röllmann (Stadtmarketing Marburg), Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und Dr. Frank Hüttemann (Wirtschaftsförderung Landkreis Marburg-Biedenkopf). Quelle: Stefan Dietrich
Marburg

Nachhaltigkeit ist für die Marburger Traditionsmolkerei schon lange ein Thema. Die zwei Millionen Liter Milch, die in dem Betrieb an der Frauenbergstraße monatlich verarbeitet werden, kommen nach Aussage von Geschäftsführer Gerrit Oltmanns ausschließlich von hessischen Bauernhöfen, großenteils sogar aus dem Landkreis. Die Kühe fressen heimisches, gentechnik-freies Futter.

Und die Produkte – Frischmilch, Saure Sahne und Schmand – werden in Hessen verkauft, haben also kurze Transportwege. „Wir sind in einer Vorreiter-Position“, sagt Oltmanns stolz. Auch aufgrund von Kundenwünschen geht die Molkerei, die mit ihren 24 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro macht und zur russischen Rossijskoje Moloko AG gehört, in Sachen Klima- und Tierschutz noch einen Schritt weiter.

Die Frischmilch ist ab sofort in einer Verpackung erhältlich, die CO2-Emissionen einsparen soll. Und sie ist mit dem Label „Für mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes versehen. Bauern, die ihre Höfe entsprechend zertifizieren lassen, müssen bestimmte Anforderungen erfüllen und sich unangemeldet kontrollieren lassen. So wie Familie Hewecker aus Wolferode, die damit Hauptlieferant für die „Tierwohl-Milch“ ist, neben Bauern aus anderen Landkreisen.

„Ich sage immer: Meine Kühe dürfen den ganzen Tag machen, was sie wollen – nur dreimal am Tag müssen sie zum Melken kommen“, erzählt Julia Hewecker. Die 260 Kühe sind nicht angebunden, sondern können im Stall herumlaufen und ihr Sozialverhalten zeigen. Um die Anforderungen des Tierwohl-Labels in der Einstiegsstufe zu erfüllen, mussten die Heweckers mehr Platz schaffen, damit jedes Tier mindestens sechs Quadratmeter Raum hat.

Jede Kuh hat ihr eigenes "Bett"

„Wir hatten vorher eine minimale Überbelegung im Stall. Jetzt haben wir etwa 15 Tiere weniger, sodass jede Kuh ihr eigenes ‚Bett‘ hat“, sagt Hewecker. Zudem gibt es nun mehr Futterstellen und Tränkplätze, zusätzliche Kuhbürsten und Ventilatoren, damit es den Tieren im Sommer nicht zu heiß wird.

Weitere heimische Milchbetriebe hätten Interesse, ebenfalls die Tierwohl-Zertifizierung zu bekommen, sagt ihr Schwiegervater Dieter Hewecker, Vorsitzender der Marburger Milcherzeugergemeinschaft eG. Doch nicht jeder Milchbauer könne sich diese Investitionen leisten. Voraussetzung sei, dass die Höfe schon große, moderne Ställe haben und sich eine Arbeitskraft auf dem Hof um die notwendigen Bürotätigkeiten kümmern kann.

Denn die Tierwohl-Zertifizierung kostet Zeit, zum Beispiel für die Beobachtung der Tiere, für Dokumentation und für die Kontrollbesuche der Tierschutz-Experten. „Wenn man höhere Auflagen erfüllt, muss das auch vergütet werden“, betont Julia Hewecker. Sie kann sich grundsätzlich vorstellen, die noch höheren Anforderungen der Premium-Stufe des Tierwohl-Labels zu erfüllen.

Für die dann nötigen Investitionen müsse der Handel aber die Abnahmepreise über mehrere Jahre garantieren. Für die „Tierwohl-Milch“ bekommen die Bauern von der Molkerei mehr Geld – wie hoch der Aufschlag ist, will Geschäftsführer Oltmanns mit Blick auf Wettbewerber nicht sagen. Für die Verbraucher soll der Milchpreis jedenfalls nicht steigen.

Ziel: Bis 2030 klimaneutral werden

Die „Tierwohl-Milch“ sei mit 3,5 und 1,5 Prozent Fett bei ­Tegut, Edeka, Kaufland und Globus bereits im Handel, bei Rewe soll sie nächste Woche verfügbar sein. Kunden können sie an einem neuen Karton erkennen. Und das hat nicht nur optische Gründe.

Während ein gewöhnlicher Milchkarton mit weißer Beschichtung etwa 26,7 Gramm klimaschädliches CO2 verursacht, entstehen bei der Herstellung des naturbraunen Kartons des Herstellers Elopak nur 22,2 Gramm CO2, wie Jennifer Bähr vom Vertrieb der Traditionsmolkerei erläutert. Das sind 17 Prozent CO2-Ersparnis. 22 bis 23 Millionen dieser recyclebaren Kartons liefert die Molkerei laut Oltmanns jährlich aus.

Die Ökobilanz sei auch besser als bei Pfandflaschen, da diese aufwendig gereinigt und zweimal transportiert werden müssten. Die Umverpackung des Herstellers Thimm Verpackung, in der die Milchpackungen in den Laden transportiert werden, ist aus Graswellpappe und spart damit 22,5 Prozent CO2 gegenüber konventionellen Kartons.

„Wir unterstützen die Planungen der Stadt in Richtung Klimaneutralität“, sagte Oltmanns. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies lobt das Projekt mit Blick auf das Ziel der Stadt, bis 2030 klimaneutral zu werden: „Wir sehen hier ein Beispiel, das Mut macht, weil es zeigt, dass es gehen kann.“ Die Molkerei will laut Oltmanns den Weg zu mehr Nachhaltigkeit weitergehen. In Zukunft könnten weitere Produkte klimafreundliche Verpackungen und das Tierwohl-Label bekommen – wenn die Kunden das Konzept bei Frischmilch wie erhofft annehmen.

von Stefan Dietrich