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Marburg Die „Ära Peldszus“ in Marburg geht zu Ende
Marburg Die „Ära Peldszus“ in Marburg geht zu Ende
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00:19 10.09.2018
Das Team von Peldszus in Marburg: Rolf „Addi“ Kusch (von links), Brigitte Peldszus-Frey und ihr Mann Roger Frey.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es geht hoch her in der Schulstraße, gegenüber der Baustelle am Allianzhaus: Brigitte Peldszus-Frey steht hinter dem Verkaufstresen, führt Telefonate und bittet darum, Details einer Anfrage doch bitte per E-Mail zu schicken. Derweil kümmert sich ihr Mann Roger Frey mit ölverschmierten Händen in der Werkstatt um einen Roller. Und Rolf Kusch, den alle nur „Addi“ nennen, wird von einem Stammkunden gefragt, ob er nicht einen günstigen Sattel habe. „Ich schaue mal, ob ich noch eine Leiche für dich im Keller finde“, witzelt Addi und kommt kurz darauf mit einem Fahrradsattel zurück.

So geht es bei Peldszus Zweiräder in der Schulstraße seit 27 Jahren zu. Denn damals zog das Team vom vorherigen Standort in der Biegenstraße ins Südviertel. Aber die „Ära Peldszus“ wird kommende Woche enden. Denn zum 15. Oktober muss die alteingesessene Firma den Standort verlassen. Eine Hausverwaltung aus Rauschenberg hat das Haus vor zwei Jahren gekauft „und uns die Miete um 50 Prozent erhöht“, sagt Brigitte Peldszus-Frey. Die Begründung: Es habe seit den 90er-Jahren keine Mieterhöhung gegeben.

„Darauf haben wir uns nicht eingelassen, wir haben nicht bezahlt“, sagt Roger Frey. Folglich sei – wenig überraschend – die Kündigung gekommen. „Wir hätten ganz gerne noch etwas länger gemacht, damit Addi auch noch das Rentenalter hier erreicht“, sagt der 69 Jahre alte Frey. Denn Addi wird im Dezember „erst“ 62. Doch eine Verlängerung kam nicht infrage, ab November seien die Firmenräume als Wohnung vermietet. „Komisch ist nur, dass es noch gar keine Arbeiten gibt, um hier Wohnungen zu bauen“, wundert sich Peldszus-Frey.

Firmengründung fand 1950 in einer Garage statt

Doch mit den negativen Gedanken wolle sie sich nicht aufhalten – jetzt gelte es, nach vorne zu schauen und sich auf den Ruhestand zu freuen. „Wir haben ja immer nur gearbeitet – und hatten auch echt schöne Zeiten hier“, sagt sie, die Geschäftsaufgabe erfolge „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, so die 68-Jährige.

Wie alles begann: „Mein Vater hat das Geschäft eigenhändig aus dem Nichts aufgebaut, das war 1950 in einer Garage hinter dem alten Capitol“, sagt Peldszus-Frey. Später folgte der Umzug an den Pilgrimstein. „Damals habe ich schon immer gerne im Laden mitgeholfen, das waren sozusagen meine Ferien.“ Nachdem die jetzige Inhaberin ihren Mann geheiratet hatte, übernahmen die beiden das Geschäft Anfang der 80er-Jahre. „Für mich war früh klar, dass ich das Geschäft übernehmen will“, sagt sie. Vor der Geburt ihrer beiden Kinder hatte sie zunächst im Büro eines Steuerberaters gearbeitet, wechselte danach ins Geschäft ihres Vaters und beschäftigte sich zunächst mit Buchhaltung und Abrechnungen.

Räder im Schaufenster gegen Hausbesetzung

Auch Roger Frey konnte seine Erfahrungen ins Geschäft einbringen – denn er war ausgebildeter Kfz-Meister. Und Roller – hauptsächlich von Piaggio und Peugeot – sind bis heute sein Metier.

Der Laden hatte in der Vergangenheit immer wieder wechselnde Standorte innerhalb Marburgs. Zunächst befand sich das Geschäft bis 1991 am Pilgrimstein – die Mitarbeiter bekamen die Proteste rund um den Abriss des Biegenecks also hautnah mit. „Die Stadt hatte uns sogar gebeten, auch nach unserem Auszug noch Fahrräder im Schaufenster stehen zu lassen, damit die Studenten das Haus nicht besetzen“, verrät Roger Frey. Bemühungen, die Immobilie seinerzeit zu kaufen, scheiterten jedoch – so erfolgte der Umzug in die Schulstraße.

Ihr neuer Standort ist bis heute unverändert geblieben: „Wir sind nun schon seit 27 Jahren hier und hatten zwischenzeitlich noch einen zweiten Standort im Rudert im Gewerbegebiet in Cappel“, erzählt die Inhaberin. „Den haben wir aber nach einiger Zeit wieder aufgegeben, denn die Laufkundschaft blieb aus.“

Doch warum die Eröffnung in Cappel? „Wir hatten damals noch parallel einen Zulassungsdienst für Autos“, erzählt Peldszus-Frey. Und es habe damals geheißen, die Zulassungsstelle solle sich im Gewerbegebiet ansiedeln. „Das hätte also super gepasst und wäre eine tolle Chance gewesen.“ Doch es kam anders: Am Kreishaus wurde angebaut, die Zulassungsstelle blieb im Landratsamt.

Addi findet während des Interviews einen neuen Job

Das Geschäft und seine Mitarbeiter sind für einen derben, aber herzlichen Umgangston bekannt. So kam es, dass sie eines Tages einen Kunden hatten, der eigentlich gar nichts kaufen wollte: „Der kam in den Laden und ich fragte, was ich für ihn tun könne“, erzählt Roger Frey. Der Mann habe gesagt, er sei nur hier, um die neuesten Sprüche zu hören. „Das ist dann natürlich schon eine Aussage“, verrät Frey und grinst.

Nun ist also Schluss – und die bange Frage „was wird mit Addi“ scheint geklärt: Während des Interviews am Mittwoch verkündet er freudestrahlend: „Ich habe wohl einen neuen Job.“ Gerade zuvor sei ein Kunde dagewesen, habe Teile für seine Vespa abgeholt – und Addi während des Gesprächs eine Stelle angeboten. Der Kunde war Marcel Müller von Loco Motion Sports, einem großen Fahrradladen in Wolfgruben – und der sucht einen weiteren Mechaniker. „Ich war absolut privat da und wusste gar nicht, dass der Laden schließt. Während des Gesprächs hat sich das dann zufällig ergeben“, erzählt Müller auf Nachfrage.

In der Schulstraße läuft bis Montag der Abverkauf, denn bis Samstag muss der Laden geräumt sein. Und der läuft mit der gewohnten Stimmung – „eben hart, aber herzlich“.

von Andreas Schmidt und Larissa Pitzen