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Marburg Tracht – ein Entscheidung fürs Leben
Marburg Tracht – ein Entscheidung fürs Leben
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10:56 06.12.2020
Frühe Fotos von heimischen Trachtenträgern. Links zeigt ein Paar aus Oberndorf um 1895, rechts ist eine Familie aus Ebsdorf zu sehen. Die Aufnahme entstand um 1900. Die Bilder sind im Buch zu sehen und stammen aus der Fotosammlung Hofmann und Homberger. Quelle: Repro: Götz Schaub
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Marburg

Trachten waren weit mehr als nur eine Modeerscheinung. Trachten waren über Generationen hinweg insbesondere für bäuerliche Frauen, was Anziehsachen anging, ein stetiger Lebensbegleiter.

Brunhilde Miehe, 1947 als Tochter eines Landwirts geboren, hat sich noch rechtzeitig des Themas angenommen und viele Frauen getroffen, die bis in unsere heutige Zeit Trachten getragen haben beziehungsweise noch tragen. Viele Frauen, die sie in den 80er und 90er Jahren besuchte, kennenlernte und befragte, sind mittlerweile verstorben.

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So ist ihre Buchreihe „Der Tracht treu geblieben“ schon ein historischer Schatz, weil darin viele Menschen vorgestellt werden, die seit ihrer Kindheit bis ins hohe Alter immer nur Tracht getragen haben. Menschen, die Einblicke in ihr privates Umfeld gewährten, erzählten, was ihnen die Tracht bedeutete.

Der achte Band der Reihe beschäftigt sich mit Trachtenträgerinnen aus dem hiesigen Landkreis. Im zweiten Teil der Buchvorstellung soll es nach dem erfolgten umfassenden Überblick ein bisschen mehr ins Detail gehen, damit Interessierte noch einmal einen Eindruck erhalten, was sie erwarten dürfen.

Das Lächeln wurde erst später erfunden

Miehe hat ein anspruchsvolles Sachbuch geschaffen, das sich aber wie ein Lesebuch liest. Eben weil es in weiten Teilen um Menschen geht, die aus ihrem Leben erzählen. Nach Aquarell-Darstellungen, die bis in die 1880er Jahre gehen, gewann so langsam der Fotoapparat die Oberhand in der Darstellung und machte erstmals die Menschen, die nun vor gut 140 Jahren hier lebten, konkret für die Nachwelt sichtbar.

Es sind zumeist gestellte Fotos, typische Familienfotos eben, die aber sehr eindringlich wirken. Es sind Menschen, die ernst schauen, bei einem eigentlich schönen Anlass. Nein, das Lächeln auf Fotos muss später erfunden worden sein. Selbst eine Aufnahme einer Schulklasse aus Roth von 1890 zeigt lauter ernst dreinschauende Kinder.

Natürlich sind die Fotos schwarz-weiß, aber sie geben besten Aufschluss über die getragenen Trachten. Und auch bei einer Aufnahme von Mädchen aus Oberdieten in Kirmestracht von 1924 wurde wohl weit mehr Wert auf die Wirkung der Tracht gelegt als auf die Gesichter der Mädchen. Obgleich, es gibt auch Ausnahmen, nach 1900 wurde auch mal scheu auf Fotos gelächelt.

Lieber Tracht als bequeme Alltagskleidung

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es schon erste Anzeichen dafür, dass auch Frauen aus landwirtschaftlichen Haushalten sich „umkleideten“. Doch längst nicht alle. Einige wollten ganz einfach nicht, andere lehnten aus Vernunftsgründen ab, eben um Geld zu sparen. Sie wollten keine neue Kleidung für sich kaufen, wo sie doch eine ganze Trachten-Ausstattung besaßen, wieder andere erhielten aber auch keine Erlaubnis zum Umkleiden – und zwar von ihren Ehemännern.

Es gab aber auch den gegenteiligen Fall. Eine Frau aus Oberrosphe war schon früh städtisch gekleidet, weil ihr Vater wollte, dass sie bequeme Kleidung trägt. Alle anderen Mädchen im Dorf trugen aber noch Tracht. Und so wollte ausgerechnet diejenige, die den Fortschritt hätte genießen können, unbedingt wieder eine Tracht haben, um von den anderen Mädchen nicht ausgeschlossen zu werden. Letztendlich wurde ausgerechnet sie dann 1989 die zweitjüngste Trachtenträgerin ihres Heimatortes, denn viele der einstigen Trachtenmädchen hatten sich später dann doch umgekleidet.

Katholische Frau nähte evangelische Trachten

Den Umkleideboom in den 50er und 60er Jahren bekam auch eine Trachtennäherin aus Roßdorf etwas zeitversetzt in den 1980er Jahren zu spüren. Es kamen nicht mehr so viele Aufträge rein. Allerdings war ihre Kunst noch einmal stark nachgefragt, als sich die ersten Trachtengruppen formierten, die an die großen Zeiten der Trachten erinnern wollten. Dabei nähte die katholische Frau sogar evangelische Trachten. Ein Vorgang, der zu Beginn des Jahrhunderts völlig ausgeschlossen gewesen wäre.

Das Buch „Der Tracht treu geblieben (Band 8) Studien zum regionalen Kleidungsverhalten im Raum Marburg“ ist im Buchhandel erhältlich, kann aber auch bei der Autorin Brunhilde Miehe per E-Mail unter info@trachten-publikationen.de bestellt werden. Das 304 Seiten starke Buch kostet 29,90 Euro.

Von Götz Schaub

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