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Marburg „Totale Willkür“: Wirte in Marburg wappnen sich für Lockdown
Marburg „Totale Willkür“: Wirte in Marburg wappnen sich für Lockdown
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11:58 30.10.2020
Ausgedient: Das „Colosseo“ in Marburg ist nur einer von hunderten Betrieben, die ab Montag wegen des Corona-Lockdowns schließen müssen. Das italienische Restaurant wird den Abholservice aufrechterhalten. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Sie steht am Tresen und schaut in den Raum. Das Treiben, auf das sie blickt, ist so emsig wie es die Fülle an Corona-Auflagen eben zulassen. Die einen essen Pasta, die anderen nippen Wein – und dazwischen wuseln maskierte Bedienungen umher. Es ist ein Anblick, an den sich Katja Vullo in ihrem „Colosseo“ nach dem Frühjahrs-Lockdown erst gerade wieder gewöhnt hat. Über den Sommer sei das Geschäft besser geworden, seit zwei Wochen nehme die Gästezahl, gerade die Reservierungen älterer Kunden, spürbar ab – „und jetzt trifft uns der nächste Schlag“, sagt sie im Hinblick auf den ab kommenden Montag geltenden Gastro-Schließzwang.

Vullo hat wenig Verständnis für eine Corona-Bekämpfungspolitik, die neben dem Kultur-, Sport- und Freizeitbereich vor allem und erneut die Gastronomie im Visier hat. Es gebe keinen Beweis, dass es in Marburg oder anderswo in Restaurants zu Infektionen kam, es gar Hotspots wären. „Und trotzdem werden wir Wirte bestraft“, sagt sie.

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Dass das Restaurant glimpflich durch den ersten Lockdown gekommen sei, verdanke man vor allem „der Treue der Stammkunden“, die „wie eine große Familie“ hinter dem Colosseo-Team stehen würden. Um – abseits der angekündigten Staatshilfen – zumindest etwas Umsatz machen zu können, wolle man einen Abholservice anbieten. „Es muss ja weitergehen, wir können nur kämpfen“, sagt Vullo.

„Eine üble Situation. Aber jammern und fluchen hilft nicht weiter“

Enrico Tontara (rechts) und Thomas Edlund von den Restaurants „Zur Sonne“ beziehungsweise „Edlunds“: „Üble Situation. Aber jammern und fluchen hilft nicht weiter.“ Quelle: Foto: Björn Wisker

So sehen das viele heimische Gastronomen, die laut Bundesregierung bis zu 75 Prozent ihrer November-Einnahmeausfälle erstattet bekommen sollen. „Es ist eine üble Situation, aber jammern und fluchen hilft nicht weiter“, sagt Enrico Tontara vom „Zur Sonne“ am Marburger Marktplatz. Als Unternehmer müsse man Umsatz machen, das bedeute eben mehr denn je, sich neue Märkte zu erschließen. Deshalb wird er, gemeinsam mit Geschäftspartner Thomas Edlund vom gleichnamigen Oberstadt-Restaurant, den schon im Frühjahr gut gelaufenen Lieferservice wieder hochfahren.

Da man 2019 ein gutes Geschäftsjahr gehabt habe, würde die angekündigte Steuergeld-Hilfe zumindest so viel abfangen, dass man sich um die Deckung laufender Kosten wie etwa Pacht keine Gedanken machen müsse. Sorgen macht Tontara sich trotzdem: „Das werden nicht alle Lokale überstehen, es wird Verluste geben und die Gesellschaft – auch Marburg, die Oberstadt – wird sich verändern.“ Nicht zuletzt, weil Kredite zurückgezahlt werden müssten und keiner wisse, ob die Kaufkraft je wieder zurückkomme.

Peter Heinzmann vom „Café am Markt“: „Eine Vase darf man kaufen, aber keinen Kaffee trinken – das ist absurd.“ Quelle: Foto: Björn Wisker

Das fürchtet auch Edlund. „Hier leben die Geschäfte voneinander. Ohne Gastro keine Bummler, ohne Kunden kein Umsatz. Es wird gesagt, wir müssen mit dem Virus leben. Aber so, wie wir damit umgehen, leben wir nicht mit ihm“, sagt er. Abstand und Maske? Das sei für die Zeit der Pandemie kein Problem. Im Gegensatz zum drohenden „Corona-Jojo-Effekt“, dass also bei steigenden Zahlen immer wieder ein Lockdown verhängt wird. „Das verkraftet keiner. Schon jetzt gibt es ja keine Pläne, Perspektiven oder Ziele für Unternehmer“, sagt Tontara.

Staatshilfe für laufende Kosten? Dann ist „das Zumachen richtig“

Peter Heinzmann hat zwar noch keine Existenzsorgen, aber sein „Café am Markt“ wird – im Gegensatz zum „Salädchen“ oder „Emils“ – vorerst schließen. „Eine Vase wird man kaufen, aber einen Kaffee nicht trinken dürfen. Das ist absurd.“ Er könne verstehen, dass man mit Alkoholverbot und Sperrstunde enthemmte Saufgelage und Partys vermeiden wolle – aber auch harmlose Tagesgeschäfte wie Cafés schließen?

Bülent Turgut vom „Market“ – Blick in einen leeren Laden. Quelle: Foto: Björn Wisker

„Alles totale Willkür“, sagt Bülent Turgut. „Zumachen ist aber richtig – es kommen doch eh kaum noch Gäste“, sagt er bezogen auf Fixkosten in seinen Läden „Market“, „La Siesta“ und „Nero“. Wenn der Staat nun praktisch die laufenden Kosten übernehme, arrangiere er sich eben mit dem Schritt, setzt wieder auf den Lieferdienst. Aber: Man könne sich nicht länger von „Lockdown zu Lockdown hangeln“, nach dem November müsse man in Deutschland entweder auf den knallharten chinesischen oder freiheitlichen schwedischen Weg, jedenfalls „ein Leben mit dem Virus“ (Heinzmann), umschwenken.

„Es ist besser, jetzt etwas zu unternehmen als in drei, vier Wochen, wenn es auf Weihnachten zugeht und dann der Notschalter betätigt werden muss“, sagt Lukas Schulist, Juniorchef des Dombäckers in Amöneburg. Bange, gar existenziell besorgt sei er nicht – weil es schon während des ersten Lockdowns quasi zu einer Konzeptänderung gekommen sei: Statt auf „Fine Dining“ setze man nun auf bodenständig-ländliche Küche, die sich auch besser zum Mitnehmen eigne. „Ein Drei-Gänge-Menü zum Mitnehmen für zuhause ist nichts. Niemand möchte seine Jakobsmuscheln eine Stunde nach Zubereitung essen.“

Von Björn Wisker und Florian Lerchbacher

30.10.2020
30.10.2020