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Marburg Tolle Musicalproduktion in Waggonhalle
Marburg Tolle Musicalproduktion in Waggonhalle
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00:18 08.08.2018
Dr. Jekyll (Sören Flimm) experimentiert im Namen der Wissenschaft – mit furchtbaren Folgen.  Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Nach „Sweeny Todd“, „Jesus Christ Superstar“ und „Hair“ ist „Jekyll & Hyde“ vor allem musikalisch noch eine Steigerung – wobei die Vorgänger schon extrem erfolgreich waren. Doch die düstere Doppelgänger-Geschichte kommt ausgefeilt und ausdrucksvoll daher, wobei ganz besonders die Leistung des Orchesters unter der Leitung von Tom Feldrappe und die Performance des Hauptdarstellers Sören Flimm zu nennen sind.

„Jekyll & Hyde“ basiert auf der Novelle „Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1886. Der Arzt Henry Jekyll ist besessen davon, das Böse im Menschen von dessen guter Seite abzuspalten, um so den Wahnsinn heilen zu können. Als er sein Elixier an sich selbst testet, übernimmt das Böse in ihm in Gestalt des Edward Hyde das Kommando. Endlich befreit, begeht es eine Gräueltat nach der anderen, tötet die, die Jekyll bei seinen Forschungen im Weg stehen und erfüllt offenbar auch dessen geheime sexuelle Begierden. Seine Verlobte und sein bester Freund wollen ihm helfen, doch Hyde gewinnt immer mehr Macht über Jekyll.

Termine

Die nächsten Aufführungen gibt es am 9., 10. und 11. August ab 20 Uhr sowie am 12. August ab 18 Uhr.
Weitere Aufführungen sind für den September und den Oktober geplant. Karten gibt es unter www.waggonhalle.de im Internet.

Das Bühnenbild ist einfach und doch raffiniert: Es gibt so gut wie keine Ausstattung, stattdessen einen Vorhang, auf den Szenerien aus dem viktorianischen London projiziert werden. Zusammen mit den aufwendigen Kostümen gibt das ein lebendiges Bild.

Eine geschickte Lichtregie bezieht das hinter dem Vorhang sitzende Orchester mit ein, das das erhöht stehende Labor von Jekyll umrahmt. Viel Bewegung auf der Bühne und gute Choreografien – gerade in den Szenen im Rotlicht-Milieu – sorgen dafür, dass die Inszenierung keineswegs statisch wirkt, die schaurige Gothic-Atmosphäre der Erzählung wird stimmungsvoll vermittelt. Dazu wird die Geschichte von Regisseurin Jana Ibold straff und schnörkellos erzählt, mit vielen guten Einfällen, vor allem, wenn es um Jekylls Verwandlungen geht, die ausgesprochen eindrucksvoll sind.

Sören Flimm meistert Hauptrolle bravourös

Das liegt aber auch an der hervorragenden Leistung von Sören Flimm, der die anspruchs­volle Hauptrolle bravourös meistert. Nicht nur, dass er fast die ganze Zeit im Einsatz ist, sein Part ist stimmlich und darstellerisch doppelt schwierig, denn er muss zwei Charaktere verkörpern, was ihm sehr gut gelingt – ganz besonders in einer Szene, in der er dies im schnellen Wechsel tun muss.

Ebenfalls sehr überzeugend sind Verena Schmitz als Lisa und Anna Prokop als Lucy, die beiden einander entgegengesetzten Frauen in Jekylls Leben. Aber auch die gesamte Ensembleleistung ist durchgehend überzeugend, die Chorszenen sind mitreißend.

Und das Orchester ist der heimliche Star des Abends, das mit seinem symphonischen Klang in allen Nuancen Gänsehaut erzeugt. Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Waggonhalle, in der sonst im Sommer häufig hohe Temperaturen das Publikum peinigten, nun mit der neuen Klimaanlage einer der wenigen angenehm kühlen Orte in Marburg ist.

Kaum war der letzte Ton verklungen sprangen die Zuschauer auf und spendeten stehend Ovationen. Ein toller Abend für Musicalfreunde, und nicht nur für die. Nicht verpassen!

von Heike Döhn