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Marburg „Studium ist nicht der einzige Weg zum Glück“
Marburg „Studium ist nicht der einzige Weg zum Glück“
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13:56 12.11.2020
Lothar Böttner (links) ist seit 40 Jahren Meister im Tischlerhandwerk – und wurde dafür von Obermeister Stephan Becker geehrt. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Wie gelingt es, mehr Nachwuchs für das Tischler-Handwerk zu bekommen? Das war eine der Kernfragen, über die die Mitglieder der Tischler-Innung Marburg während ihrer Jahreshauptversammlung diskutierten.

Denn: Zwar finden die Unternehmen noch Auszubildende, es bleiben keine Stellen unbesetzt – doch solle dies nach Möglichkeit auch in Zukunft so bleiben.

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Als Beispiel nannte Obermeister Stephan Becker seine Gespräche mit Vertretern der heimischen Gymnasien: Dort spiele das Handwerk mit all seinen Facetten bei der vorgeschriebenen beruflichen Orientierung keine Rolle.

Doch für ihn ist klar: „Als Handwerker stehen wir so lange auf verlorenem Posten, was die Nachwuchswerbung angeht, so lange wir es nicht schaffen, bei den Gymnasien zumindest im Gespräch zu sein“, sagte Becker.

„Das Handwerk bietet sehr gute Karrierechancen“

Die Schulen sollten zumindest erwähnen, „dass es noch ganz viel anderes außerhalb der Hochschulen gibt“, so der Wunsch des Obermeisters. „Die Gymnasien sehen sich jedoch alleine als Wegbereiter für ein Studium“, konstatierte Becker.

Dabei würde es ungefähr die Hälfte der Schüler mittlerweile an die Gymnasien ziehen – gute Haupt- oder Realschüler, wie sie das Tischler-Handwerk aufgrund seiner anspruchsvollen Aufgabenstellungen mindestens für die Ausbildung benötige, würden weniger. Und: „Der Weg an die Universität ist nicht immer zielführend“, sagt Becker, das Studium sei nicht der einzige Weg zum Glück – das würden die vergleichsweise hohe Quote der Studienabbrecher belegen.

Vor diesem Hintergrund würden die Tischler auch gerne Abiturienten ausbilden. „Das Handwerk bietet sehr gute Karrierechancen“, verdeutlichte Becker. Es spreche nichts dagegen, zunächst eine Ausbildung zu absolvieren, um dann gegebenenfalls den Weg des Studiums einzuschlagen.

Lage im Kreis ist „sehr schwierig“

Fritz Wolf von der Firma Rabe gab in diesem Zusammenhang zu bedenken: „Wenn man an die Gymnasiasten als Zielgruppe herangehen möchte, dann muss der Auftritt natürlich extrem professionell sein – die jungen Leute lockt man nicht mit ein paar Fahnen hinter dem Ofen hervor. Man muss schon extreme Anreize setzen“, so Wolf – bei dem Unternehmens-Angebot, das es im Landkreis gebe, sei es „sehr schwierig, sich als Tischler-Innung zu behaupten und was Attraktives anzubieten“. Letztlich hänge auch viel vom persönlichen Engagement der Betriebe statt – es sei eher schwierig, „wenn die Innung für den gesamten Berufsstand informieren soll“.

Obermeister Stephan Becker plädierte auch dafür, die Chancen auf Bildungsmessen, wie etwa der „Ansage Zukunft“, besser zu nutzen, wenn diese denn wieder stattfinden dürfen. „Wir konkurrieren auf solchen Veranstaltungen zwar mit Unternehmen aus der Industrie, die mit ihren großen Personalabteilungen ganz andere Möglichkeiten haben, sich zu präsentieren. Dennoch ist die ,Ansage Zukunft’ eine wichtige Messe, auf der wir uns als Handwerk präsentieren müssen.“ Es gelte, jede Chance zur Präsentation zu nutzen, „unsere Mitgliedsbetriebe müssen diese Chance aber auch wahrnehmen“.

Wahlen und Ehrungen:

Während der Versammlung wurden auch die Arbeitgebervertreter für den Prüfungsausschuss gewählt. Fritz Wolf, Norbert Schneider und Dirk Schmitz bleiben dem Ausschuss erhalten, Walter Ortmüller scheidet aus. Für ihn folgen Peter Grebe und Frank Weber nach.

Eine Urkunde für 40 Jahre Meister im Tischlerhandwerk erhielt Lothar Böttner von Innungsobermeister Stephan Becker. Besonderen Dank sprach Becker bei dieser Gelegenheit für die vielen Jahre der Mitwirkung Böttners im Gesellen-Prüfungsausschuss der Tischler-Innung Marburg in seiner Funktion als Berufsschullehrer aus.

Von Andreas Schmidt