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Marburg Zecken sind „tickende Zeitbomben“
Marburg Zecken sind „tickende Zeitbomben“
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13:00 23.03.2019
Eine Zecke sitzt auf der Haut eines Menschen. Quelle: Patrick Pleul
Marburg

Auf dem Mars-Campus am Standort Görzhausen werden unter anderem FSME-Impfstoffe produziert. FSME ist die Abkürzung für Frühsommer-Meningoenzephalitis, eine­ durch Zecken übertragene ­Virus-Erkrankung. Das Unternehmen GSK hatte­ Dr. Michael Bröker und Professor Heinz Mehlhorn eingeladen, um über die Entwicklung verschiedener Zeckenarten und neue Risikogebiete zu berichten. Der Marburger Dr. Bröker ist Mikrobiologe, Impfexperte­ und Zecken-Fachmann, der Düsseldorfer Prof. Mehlhorn Zoologe und Parasitologe. Er ­beschäftigte sich unter anderem mit der Feinstruktur und den Lebenszyklen parasitischer Organismen und der Entwicklung von Medikamenten gegen Parasiten. Die beiden Fachleute warnen davor, Zeckenstiche auf die leichte Schulter zu nehmen. Der schmerzlose Stich des Spinnentiers kann zum Tode führen. Zecken sind Überträger sehr vieler Krankheitserreger.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf zählt zu den Risikogebieten für die von Zecken übertragene FSME-Erkrankung. Das FSME-Virus löst eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute aus, die sogenannte­ „Frühsommer-Meningoenzephalitis“. FSME-Erkrankungen sind meldepflichtig. Die gemeldeten Fälle werden vom Robert-Koch-Institut ausgewertet. Das Institut benennt anhand der ausgewerteten Statistiken Risikogebiete, und zwar auf Kreisebene. Die Auswertung des örtlichen Auftretens von Erkrankungsfällen richtet sich nach dem wahrscheinlichen Ort der Infektion, oder wenn hierzu ­keine Angaben gemacht werden können, zum Wohnort der Erkrankten. In den 1990er-Jahren wurden im hiesigen Landkreis erstmals FSME-Erkrankungen festgestellt. Schwerpunkt war der östliche Teil des Kreises. ­

Hinweise von Erkrankten von großer Bedeutung

Inzwischen gibt es auch andernorts Erkrankte. Dr. Bröker berichtete von zwei Naturherden: Ein Areal ist bei der Stadt Wetter, nördöstlich Richtung Niederwetter, in der Nähe des Wanderweges Richtung Mellnau, der andere am Wollenberg bei Amönau. „Nur an zwei bestimmten Stellen konnte ich ­Zecken finden, bei denen Viren nachweisbar waren“, berichtet der Marburger. „Das sind ganz kleine Areale, vielleicht so groß wie ein Fußballfeld. Wenn man hundert Meter daneben sucht, dann findet man zwar auch viele Zecken, aber keine infizierten“, beschrieb er.

Dr. Heinz Mehlhorn entwickelte 20 Patente zu neuen Medikamenten gegen Parasiten. Quelle: Tobias Hirsch

Er sammelt auf die gleiche Weise systematisch Zecken wie sein Düsseldorfer Kollege: zieht ein Bettlaken hinter sich her, sammelt nach einer Weile die Zecken mit einer Pinzette ab, bestimmt sie und lässt sie untersuchen. „Es gibt wahrscheinlich viel mehr Naturherde, nur bleiben wir meistens auf den Hauptwegen abseits der Naturherde“ sagte er. Dort gehe man allenfalls hin, wenn der Hund mal ausgebüchst sei oder man Pilze sammle. 

Um noch gezielter sammeln zu können, seien Informationen von infizierten Mitmenschen von großer Bedeutung. Deshalb appelliert er an FSME Erkrankte, mit ihm Kontakt aufzunehmen. „Es lohnt sich für mich, bevorzugt dort zu suchen, wo Patienten meinen, gestochen worden zu sein“, erklärt er. Der Nachweis von Naturherden meldet Dr. Bröker dem ­Gesundheitsamt. Der Mikrobiologe und Impfexperte ist zwar inzwischen Rentner, geht aber seit Jahren forschend der Frage nach, warum der Landkreis Marburg-Biedenkopf quasi eine Insel für mit FSME infizierten Zecken ist. Eine Erklärung ist nach Meinung der Experten, dass Zugvögel sie eingeschleppt haben könnten. Das Virus wird von Wirtstier zu Wirtstier übertragen, und irgendwann erreicht es dann durch Zufall auch Menschen.

Wo sich viele Menschen aufhalten, sind viele Zecken

„Im Landkreis Marburg-­Biedenkopf sind bisher 30 ­Fälle ­beschrieben“, berichtet Dr. ­Bröker. Die Hauptrisikogebiete liegen­ in Bayern und Baden-Württemberg, in Südhessen, im südöstlichen Thüringen und in Teilen Sachsens. Erstmals gibt es ein FSME-Risikogebiet in Norddeutschland: Im niedersächsischen Landkreis Emsland waren vermehrt Menschen erkrankt.

Dr. Michael Bröker widmet sich auch als Pensionär der Zecke. Quelle: Tobias Hirsch

Die Experten richten ihr Hauptaugenmerk darauf, ob FSME-Naturherde sich nachhaltig in nördlichen und westlichen Regionen Deutschlands etablieren, beziehungsweise ausbreiten. Dr. Mehlhorn berichtete von seinen Erfahrungen beim Zeckensammeln: Auffällig viele Zecken halten sich demnach dort auf, wo sich ­viele Menschen aufhalten. Neben Wanderwegen sind Autobahnraststätten und auch Sportstätten wie Fußballplätze Orte, wo man viele Zecken findet. Die Erklärung ist simpel: An solchen Plätzen fallen viele Essensreste an, das zieht Mäuse und Vögel an. Die sind für Zecken leicht erreichbar, beliebte Wirte und damit Reservoire für zahlreiche Krankheitserreger.

Krankheitserreger

Draußen wird‘s wärmer, und die Zecken gehen auf Nahrungssuche. Die Spinnentiere ernähren sich ausschließlich von warmem Blut. Zecken setzen in ihrem Überlebenskampf auf den Besuch vieler Wirte. Damit kann sich ein Erreger von einer Wirtstierart auf viele andere ausbreiten, letztlich auch auf den Menschen. Da Zecken jahrelang hungern können, die Erreger aber in ihnen überleben, bezeichnet sie Dr. Mehlhorn als „tickende Zeitbomben“. Hierzulande besteht hauptsächlich die Gefahr, dass der heimische und bezüglich seiner Wirte keineswegs wählerische Holzbock Borreliose überträgt oder das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME). Letzteres kann zu Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten führen. In Deutschland infizieren sich jährlich zwischen 60.000 und 200.000 Menschen mit dem Borreliose-Erreger.

Den Biss der Zecke bemerken nur die wenigsten. Denn im Speichel befindet sich ein betäubender Inhaltsstoff. Eine Zecke muss mehrere Stunden saugen, bis das Risiko einer Infektion mit Borrelien steigt. Deshalb ist es wichtig, sie so schnell wie möglich zu entfernen. Wer infiziert ist, sieht das häufig an der Haut. Nach einigen Tagen, spätestens nach vier Wochen, bildet sich ein roter Fleck um die Stichstelle, der auch wandern kann. Weitere Symptome sind Schweißausbrüche, Grippegefühl, Fieber, Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen. Spätestens dann sollte man einen Arzt aufsuchen. Denn früh erkannt ist Borreliose leicht zu behandeln. Betroffene bekommen ein Antibiotikum. Schwieriger wird es, wenn eine Infektion zunächst unentdeckt bleibt.
Im Gegensatz zu diesem und insgesamt etwa 50 von der Zecke übertragenen Krankheitserregern wird das FSME-Virus direkt nach dem Stich mit dem abgesonderten Speichel übertragen. Wirksamster Schutz ist die Impfung. Chemotherapeutisch ist eine Erkrankung nicht behandelbar.

Von in Stadtparks eingesammelten Zecken hätten 25 Prozent den Borreliose-Erreger in sich getragen, ­berichtet der Düsseldorfer­ ­Parasitologe. Neben Zentraleuropa sind auch viele Gebiete in Südost-, Nord- und Osteuropa FSME-Gebiete. Große Verbreitungsgebiete gibt es auch in Asien, dabei handelt es sich aber um die russische Variante des Virus. Deren Verbreitungsgebiet reicht vom Baltikum bis Sibirien. Bei Stämmen in Sibirien werde von Sterblichkeitsraten von bis zu 40 Prozent berichtet, sagte Dr. Mehlhorn.

Entsprechende Kleidung kann schützen

Ist die Zecke infiziert, wird der Erreger beim Stich sofort übertragen. Aber nicht jeder gestochene Mensch wird krank. „Man kann mehrfach von infizierten Zecken gestochen werden, ohne dass etwas passiert, aber der nächste Stich kann tödlich sein“, warnt Dr. Mehlhorn. Die beiden Experten wissen von Fällen, bei denen infektiöse Viren durch Trinken von Rohmilch oder Essen von Rohmilchkäse übertragen wurde.

Wer sich häufig in der Natur aufhalte, wie Pilzsammler, Wanderer, Forstarbeiter oder Jäger, sollte sich durch entsprechende Kleidung schützen. Nur wenige­ chemische Substanzen (Repellentien) seien dazu geeignet, Zecken davon abzuhalten, auf den Menschen aufzusteigen, weiß Dr. Mehlhorn und empfiehlt, auch die Kleidung bis mindestens Kniehöhe kräftig einzusprühen.

Nach dem Aufenthalt in der Natur sollte man sich nach ­Zecken absuchen, um die Tiere möglichst vor dem Stich zu entfernen, empfehlen die beiden. Dabei darf man den Plagegeist nicht quetschen, er sollte gerade herausgezogen werden.

von Hartmut Berge