Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Es gibt kein Menschenrecht auf ein Haustier“
Marburg „Es gibt kein Menschenrecht auf ein Haustier“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:26 26.05.2021
Tierheim-Mitarbeiterin Johanna Vennen mit Hund Joshi.
Tierheim-Mitarbeiterin Johanna Vennen mit Hund Joshi. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg/Cappel

Es ist ungewöhnlich still im Cappeler Tierheim. Das kann daran liegen, dass die Nachfrage nach Haustieren während der Pandemie erheblich gestiegen ist. Viele Menschen sind auf der Suche nach einem tierischen Begleiter. „Die sind aber süß“ ist deshalb wohl eine der häufigsten Aussagen, die Maresi Wagner, Leiterin des Tierheims im Marburger Stadtteil Cappel, zu Ohren kommt. „So etwas läuft nicht weg“, sagt Wagner. Zuerst solle man sich informieren, welches Tier zu einem passe und abwarten, bis etwa der passende Hund gefunden wird. „Viele Menschen sind sich der Verantwortung nicht bewusst. Auch die nicht, die schon länger überlegen, sich ein Tier anzuschaffen.“

Die andauernde Pandemie hat das Bedürfnis nach Freundschaft und Gesellschaft in der Zeit von Ausgangssperren und Lockdown zunehmen lassen: „Wir haben am Anfang der Pandemie nicht so viele Anrufe gehabt wie im vergangenen halben Jahr“, berichtet Wagner. Dabei sei die Nachfrage oft größer als das vorhandene Angebot im Tierheim. „Damals dachte ich noch, dass es nicht so schlimm werden würde, allerdings steigt unsere Sorge, je länger die Pandemie anhält“, sagt die Tierheim-Leiterin.

Aus Verzweiflung wenden sich viele Kunden deshalb an dubiose Anbieter aus dem Internet. Wagner rät davon ab, „sich Tiere aus dem illegalen Welpen-Handel zuzulegen, da die Betreiber die Zucht als Produktion ansehen und als Geschäftsmodell ausreizen.“ Das Tierheim erreichen laut der Leiterin viele Anrufe von Menschen, die sich einen Hund aus dem Internet zugelegt haben, die aber nun Mehrkosten für Papiere, Impfungen und medizinische Behandlungen haben.

 Auch Hunde-Züchter kommen bei der wachsenden Nachfrage nicht hinterher. Daniela Kurz aus Kirchhain betreibt ihre Boxer-Zucht schon seit 25 Jahren und steht dem zunehmenden Interesse kritisch gegenüber: „Es ist schwieriger geworden, geeignete Personen zu finden, die dem Hund ein passendes Umfeld bieten können. Die Interessenten jagen den Züchtern schon vor der Geburt der Welpen hinterher und wollen sich einen Hund reservieren.“ Einige Züchter würden sogar Wartelisten für ungeborene Tiere anlegen. Eine der Hauptproblematiken liege in der fehlenden nachträglichen Betreuung. Früher hätten sich laut Kurz Halter und Züchter kennenlernen und nach Abgabe der Tiere weiterhin gegenseitig unterstützen können. Nun – das sei ihr während der Pandemie besonders aufgefallen – sei es „den Leuten schon fast egal, wo sie den Hund herbekommen. Sie achten nicht auf die Zuchtbedingungen.“

Auch die Bedingungen in den „osteuropäischen Welpen-Fabriken“ seien oft sehr schlecht, berichtet Elmar Altwasser, Mitglied des Vorstands des Tierschutzvereins Marburg und Umgebung: „Die Betreiber dort erfüllen die Auflagen nicht, sie setzen auf Masse. Die Tiere, die von dort kommen, sind oft medizinisch nicht entsprechend versorgt worden und deshalb krank.“

Ein weiterer Grund für eine unüberlegte Anschaffung eines Tieres sind das Internet und die sozialen Medien: „Social Media spielt eine tragende Rolle. Durch Fotos und Videos von Tierhaltern werden viele Menschen in der Isolation motiviert, sich ein Tier zuzulegen, auch wenn sie dafür nicht die idealen Voraussetzungen haben“, schildert Tierheim-Leiterin Wagner ihre Erfahrungen. Die negativen Aspekte würden gerne ausgeblendet. Hauptgrund etwa, einen Hund wieder abzugeben, sei Überforderung. Deshalb sei es wichtig, für ein Tier mindestens zehn Jahre einzuplanen und viel Geduld mitzubringen.

Sabine Bernsee, Diplompädagogin und Geschäftsführerin der Hundeschule Marburg ist die Naivität vieler Neu-Hundehalter aufgefallen: „Wenn ein Hund noch klein und süß ist, ist das kein Problem, kommt der Hund allerdings in ein gewisses Alter, merken viele, dass es doch nicht so lustig ist und viel Arbeit hinter der Hundeerziehung steckt.“ Während des Lockdowns hätten viele Menschen genug Zeit für die Tiere, prinzipiell sei das auch gut, „allerdings lernen die Tiere so nicht, wie es ist, auch mal ein paar Stunden alleine zu sein – das kann in Zukunft zu Problemen führen“.

Bernsee verzeichnet während der Pandemie ein gestiegenes Ausbildungsbedürfnis, was sie aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht komplett erfüllen kann: „Unsere Sozialisierungsgruppe für Blindenhunde fand zwar statt, da wir uns mit genug Abstand auf einem großen Gelände aufgehalten haben, Einzelstunden konnte ich allerdings nicht geben, das haben die Kontaktbeschränkungen nicht zugelassen.“ Es sei wichtig, dass Hund und Besitzer voneinander lernen, denn die Persönlichkeiten der Tiere seien sehr unterschiedlich. Daher würde sie die Einführung eines Hundeführerscheins begrüßen.

Auf langfristiges Kennenlernen setzt auch Tierheim-Leiterin Wagner, um ihren Schützlingen ein passendes Zuhause zu vermitteln. Man führe mit den Kunden ein intensives Gespräch, frage nach Vorerfahrung und kläre über mögliche Kosten und Probleme auf, bis man sich mit der Vermittlung sicher sei. „Ein Tierheim ist kein Supermarkt, in den man hineingeht und sich etwas aussucht, was man mitnimmt.“

Von Larissa Pitzen

26.05.2021
26.05.2021