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Marburg Vierbeinige Therapeuten lösen Emotionen aus
Marburg Vierbeinige Therapeuten lösen Emotionen aus
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14:58 27.06.2020
Hundetrainerin und Ergotherapeutin Charlotte Krüger mit ihren Therapiehunden Joy und Mogli. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Mogli ist ein alter Hase als Therapeut an der Vitos-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der 12-jährige Golden Retriever kam mit 12 Monaten zur Ergotherapeutin Charlotte Krüger. Sie erinnert sich an seine „freundliche Kontaktaufnahme. Er ist mir nicht gleich überschwänglich auf den Schoss gesprungen.“ Das ist bis heute nicht seine Art. Der Rüde bleibt zurückhaltend oder legt sich gleich auf den Rücken, damit man ihn streicheln kann.

Mit Joy, einem Mix aus französischer Bulldogge und Pinscher, hat die 34-Jährige noch einen zweiten ausgebildeten Therapiehund. Auch diese ist mit ihren acht Jahren ein erfahrener Vierbeiner, für manche Kinder und Jugendliche ein richtig guter Kumpel – manchmal der einzige. Wenn sie auf die Hündin treffen, dann umarmen sie sie häufig. Sie erzählen ihr nicht selten ihre Sorgen und Ängste oder was sie erlebt haben und wie sie fühlen. Charlotte Krüger bleibt dann im Hintergrund und beobachtet die Interaktionen. „Wichtig ist, dass nicht sofort eine Wertung stattfindet. Im Gespräch mit den behandelnden Ärzten, den anderen Therapeuten sowie den Kollegen aus der Pflege und vom Erziehungsdienst wird erst einmal alles zusammengetragen und dann analysiert“, erklärt Charlotte Krüger, die auch eine Hundeschule betreibt.

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Eine Patientin beispielsweise konnte so gar nichts mit dem Hund anfangen in der ersten Therapiestunde. Aber ihre Körpersprache sagte Joy offenbar etwas anderes. Die Hündin registrierte, dass das Mädchen keine Angst vor ihr hat. Denn das realisieren Hunde sofort. Sie nahm also trotzdem Kontakt mit ihr auf, ist ihr sogar auf den Schoss gesprungen. Die Patientin fing sofort an, sie zu streicheln, und das löste gleich noch mehr Emotionen aus – ihr liefen die Tränen. „Oft wissen die Hunde es besser, können die Körpersprache der Menschen viel besser lesen“, erklärt Charlotte Krüger.

Aber die Hunde unterstützen noch bei vielem mehr, beispielsweise wenn Patienten sich selbst Lösungsstrategien erarbeiten sollen. Dann wird ein Parcours für den Hund aufgebaut und sie sollen den Hund durch diesen durchführen. Oder sie lernen wieder eine eigene Impulskontrolle. „Dafür müssen sie sich in den Hund einfühlen können. Auf der einen Seite motivieren, ihn auf der anderen Seite aber auch mal beruhigen oder stoppen“, beschreibt die Hundetrainerin und bringt noch ein Beispiel. Ein Patient mit Motivationsschwierigkeiten übte mit Mogli apportieren. Aber es funktionierte nicht so richtig. Er sagte dann: „Jetzt weiß ich, wie sich meine Lehrer fühlen, wenn ich keinen Bock mehr habe.“ Diese Erkenntnis hat ihm später im Therapieverlauf sehr geholfen.

Die Kinder und Jugendlichen erkennen außerdem, dass zu viel Stress nicht gut für sie und auch nicht gut für die Hunde ist. Sie lernen, wie ein Hund lernt, und können das für sich nutzen, um auch ihre eigenen Stärken und Schwächen herauszufinden, mehr Selbstvertrauen zu tanken. „Hunde geben immer ein ehrliches Feedback und verstellen sich nicht. Aber sie nörgeln und meckern auch nicht an ihrem Gegenüber. Das hilft ungemein“, weiß Charlotte Krüger. Ihre Hunde sind auch ein super Motivator für die Kinder und Jugendlichen. „Oft fragen sie schon, wann das nächste Treffen ist. Das ist natürlich für den Therapieerfolg sehr wichtig, als wenn sie nur widerwillig teilnehmen würden.“

Aber auch Mogli und Joy brauchen ihre Auszeiten. „Es ist immer ein Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität. Wenn ich in Besprechungen bin, dann liegen sie in ihren Rückzugsboxen und schlafen“, erzählt die Therapeutin. Zwei bis drei Mal in der Woche werden die Hunde in der Woche eingesetzt – allein oder auch gemeinsam. Nach Feierabend gibt es lange Spaziergänge, „da dürfen sie einfach nur Hund sein“. Obwohl, das sind sie ja in den Therapien auch.

Von Katja Peters

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