Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Tiere im Silvester-Stress
Marburg Tiere im Silvester-Stress
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 30.12.2021
Ein Chihuahua-Pekinesen-Mix versteckt sich vor lauten Knall-Geräuschen unter einem Sessel. Für Hunde und andere Tiere ist die Silvesternacht mit Stress verbunden.
Ein Chihuahua-Pekinesen-Mix versteckt sich vor lauten Knall-Geräuschen unter einem Sessel. Für Hunde und andere Tiere ist die Silvesternacht mit Stress verbunden. Quelle: Daniel Maurer
Anzeige
Marburg

Lautes Knallen, Lichtreflexe in der Nacht, Qualm und Gestank – Silvester ist für die meisten Tiere ein Horrortag. Der Jahreswechsel geht in vielen Haushalten mit tierischen Bewohnern mit flüchtenden Katzen oder zitternden Hunden einher, aber vor allem Wildtiere leiden in der Neujahrsnacht.

Die wird allerdings auch in diesem Jahr deutlich ruhiger vonstattengehen. Böllerverkaufsverbot und schärfere Pandemie-Auflagen ärgern sicher manchen Silvester-Freund, während viele Tierhalter sich darüber freuen. So geht es auch den Mitarbeitern des Kreis-Tierheims in Cappel, die zum zweiten Mal in Folge eine freie Silvesternacht haben werden.

Denn normalerweise verbringt Leiterin Maresi Wagner die freiwillig an ihrem Arbeitsplatz und kümmert sich um Angsthunde oder um jene, die gerade in dieser Nacht im Tierheim abgegeben werden. „Es gibt jedes Jahr entlaufene Silvesterhunde, etwa Hunde aus dem Auslandstierschutz – die verbinden mit einem Knall manchmal etwas ganz anderes“, berichtet Wagner im OP-Gespräch.

Wildtiere leiden besonders

Die Tierheim-Mitarbeiter bereiten ihre Tiere soweit es eben geht vor, vor allem die ängstlichen Vierbeiner, „wir haben zwei bis drei Hunde, die besonders anfällig sind“, sagt Wagner. Die und alle anderen Hunde ebenfalls bekommen am letzten Abend des Jahres einen besonders großen Kauknochen zugesteckt. Das Knabbern und Kauen hält die Tiere beschäftigt und baut Stress ab.

Mit besonderen Schreckmomenten rechnet die Tierheimleiterin in diesem Jahr nicht, ist aber froh über das Böllerverkaufsverbot, das Tierschutzorganisationen bereits seit Jahren fordern. „Das ist gut so, auch wenn ein paar Leute sicher trotzdem knallen werden. Aber schon im letzten Jahr gab es im ganzen Land weniger entlaufene Hunde – besonders freut es mich aber für die Wildtiere“, betont Wagner.

Unter der lauten Neujahrsparty leiden vor allem wild lebende Tiere, ob Reh, Gans oder Eichhörnchen, die in der kargen Winterzeit besonders viel Ruhe brauchen.

„Die Tiere befinden sich gerade in der energiesparenden Zeit und werden dann aufgeschreckt. Das ist zwar bei Gewitter auch der Fall, aber das können wir nicht beeinflussen, Silvester schon“, gibt die Tierschützerin zu bedenken.

Tipps für ängstliche Haustiere

Wildtiere können dabei nicht auf die Neujahrsnacht vorbereitet werden, die tierischen Hausgenossen aber durchaus. Wie aber sollten Halter vorgehen, um Stress möglichst zu vermeiden? Der Rat der Expertin: „Am meisten bringt es Tieren, wenn sie in der gewohnten Umgebung sind und man normal und ruhig mit ihnen umgeht.“ Einsperren oder übermäßiges Kümmern hilft dabei nicht.

Hunde sollen sich vielmehr an einem entspannten, unaufgeregten Halter orientieren können und Halt finden: „Wenn Hunde wirklich Angst und Stress zeigen, hilft es ihnen in der Regel, bei ihren Menschen zu sein.“ Man kann unruhige Momente auch mit etwas Beschäftigung überbrücken, ohne das Tier zu sehr aufzuscheuchen – etwa Suchspiele, ein Schnüffelteppich oder ein paar Trainingseinheiten.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Halter mit ihrem Hund am Silvestertag oder auch danach nach draußen gehen. Während es in der Nachbarschaft schon oder noch knallt, sollte das eher vermieden werden. Grundsätzlich gelte bei ängstlichen Hunden die doppelt- bis dreifache Absicherung, etwa mit einer zusätzlichen Leine oder einem Panikgeschirr.

Übrigens: Hunde auf der Flucht sind durchaus mit Vorsicht zu genießen – wer einen verängstigten Hund findet, der selbst Abstand hält, sollte das Tier nicht bedrängen oder einfangen. Besser sei es, zu beobachten, wohin er läuft, idealerweise ein Foto zu machen und das Tierheim oder die Polizei zu verständigen.

Katzen gehen ebenfalls unterschiedlich mit ungewohnten Situationen um, viele verstecken sich, andere suchen die menschliche Nähe: Halter sollten ihre Katzen entscheiden lassen, ob sie sich innerhalb des Hauses oder der Wohnung zurückziehen oder bei ihren Menschen bleiben möchte. Die Tiere einfach in einen ungewohnten Raum zu sperren, davon rät Wagner ab, das verstärke die Angst nur noch mehr. Gestandene Freigänger-Katzen bevorzugen es womöglich, lieber in der Freiheit die Flucht zu ergreifen und drängen darauf, rausgelassen zu werden. Das sei allerdings nicht immer die sicherste Variante, warnt Wagner.

Die Umgebung spielt hier eine Rolle, ebenso die Dauer, wie lange man die Katze bereits hält: Gerade Tiere, die noch nicht allzu lange in ihrem Zuhause leben oder unsicher sind, sollten zur Sicherheit die Silvesternacht im Haus verbringen.

Vögel wiederum dürften weniger von lauten Knallgeräuschen gestresst werden als vielmehr durch eventuelles Raketen-Blitzgewitter: „Das Schlimmste für Vögel ist das Aufblitzen, da kann es helfen, wenn man den Raum abdunkelt“, so der Tipp der Tierfreundin. Also die Vorhänge schließen und Vogelkäfige mit einem großen Tuch abdecken.

Kleintiere wie Kaninchen oder Meerschweinchen sollten in Stresssituationen ebenfalls ruhig und abgedunkelt gehalten werden. Bei Außenhaltung im Garten gilt hier: Wenn das Tier das Leben im Außengehege gewohnt und nicht panisch ist, sollten Hase und Co besser auch dort bleiben, statt plötzlich in einer fremden Umgebung zurechtkommen zu müssen.

Ruhezone gegen Silvesterstress

Wie kann ich mein Haustier am Silvestertag schützen? In Panik geratene Tiere können sich selbst und andere in Gefahr bringen, etwa wenn Wildtiere auf die Straße und vor Autos laufen. Panische Hunde könnten sogar durch ein offenes Fenster im dritten Stock springen, um der Situation zu entkommen, erklärt der Ulmer Tierarzt Ralph Rückert. Als Zeichen des immensen Stresses gelten hier körperliche Symptome wie Durchfall, stundenlanges Zittern oder Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Dabei hielten Angstsymptome häufig noch Wochen nach dem Jahreswechsel an.

Haustiere sollten Silvester nicht allein gelassen werden, man sollte sie auch nicht mehr mit nach draußen nehmen, rät auch die Welttierschutzgesellschaft (WTG). Leiden die Tiere bekanntermaßen besonders stark unter dem lauten Jahreswechsel oder neigen gar zu Panikattacken, könne es ratsam sein, in Absprache mit einem Tierarzt, beruhigende Medikamente zu verabreichen.

Darüber hinaus sollte man dem Tier eine Ruhezone schaffen: Ein ruhig gelegenes Zimmer abdunkeln und dort leise Musik oder den Fernseher laufen lassen. „Das Tier sollte diese Räume und Klänge bereits kennen und sich damit wohlfühlen“, so Christoph May von der WTG. Rollläden und Vorhänge werden nachmittags schon geschlossen, um grelle Lichteffekte zu vermeiden.

Hundehaltern rät die Organisation auch zur Vorsicht beim ersten Spaziergang an Neujahr – dort könnten Scherben oder andere herumliegende Überreste für Verletzungen sorgen.

Von Ina Tannert