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Marburg Marburger Künstler fordert Menschenrechte ein
Marburg Marburger Künstler fordert Menschenrechte ein
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14:00 07.07.2021
Thomas Gebauer steht neben seinen großformatigen Fotos, mit denen er in der Lutherischen Pfarrkirche die Menschenrechte thematisiert.
Thomas Gebauer steht neben seinen großformatigen Fotos, mit denen er in der Lutherischen Pfarrkirche die Menschenrechte thematisiert. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

„Seenotrettung ist kein Verbrechen“ steht auf einem Banner an der Lutherischen Pfarrkirche. „#Leave no one behind“ – lass keinen zurück – auf einem anderen. Der historische Kerner neben der Kirche ist inzwischen ein „interkulturelles Begegnungszentrum“.

Ein großes Plakat an der Kirche zeigt unter den Schlagwörtern „Vielfalt Marburg – Gesicht zeigen“ 120 Porträts von Marburgerinnen und Marburgern.

Die Lutherische Pfarrkirche im Herzen der Marburger Altstadt öffnet sich seit vielen Jahren zunehmend kulturellen und zivilgesellschaftlichen Aktionen. Es gibt Theater, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Maßgeblich für die Öffnung und das politische Engagement der Kirche ist Pfarrer Ulrich Biskamp (58), der die Kirchengemeinde 2007 übernommen hat.

Hat er anfangs den auf Orgel- und Chorkonzerte (die es immer noch regelmäßig gibt) begrenzten Kulturbegriff der Kirche erweitert, so hat sich auch das zivilgesellschaftliche Engagement der Kirche insbesondere seit Beginn der Flüchtlingswelle stetig ausgeweitet. „Es gibt viele positive Rückmeldungen in unseren Gästebüchern, weil wir uns zivilgesellschaftlich deutlich äußern“, sagt Biskamp. „Das wird von vielen Menschen von der Kirche gefordert.“

Ausstellung läuft bis Ende Juli

In diese Richtung geht auch die aktuelle Ausstellung „Human Rights – Menschenrechte“ von Thomas Gebauer, die noch bis Ende Juli in der Marburger Pfarrkirche zu sehen ist. Der Marburger Künstler und Aktivist Thomas Gebauer präsentiert gemeinsam mit der Mobilen Zukunftswerkstatt Demokratie Bildung von der „agent21 Zukunftswerkstatt“ 28 großformatige Fotografien, die durch Texte ergänzt worden sind. Themen sind „die Demokratie als Grundlage, Perspektive und Voraussetzung für die von Freiheit und Gerechtigkeit getragene menschenwürdige Teilhabe der Menschen am Leben und ihr Zugang zu den existenziellen Überlebens-Ressourcen im globalen Kontext“.

Die Fotos von Gebauer, die er zum Teil während des arabischen Frühlings in Marburgs Partnerstadt Sfax, aber auch in anderen Weltregionen gemacht hat, dienen für ihn als „fotografische Klammer“, um die von den Vereinten Nationen 1948 kurz nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs und dem Terrorregime der Nationalsozialisten festgeschriebenen 30 grundlegenden Menschenrechte zu transportieren.

Gebauer stellt sie in einen Zusammenhang mit für die Menschen, aber auch für den Fortbestand aller natürlichen Lebensformen auf der Erde wichtigen Ressourcen wie Zugang zu sauberem Wasser, Ernährung, Bildung, Gesundheit oder Gerechtigkeit.

Die Bildtafeln sind in englischer und teilweise arabischer Sprache illustriert oder ergänzt. Die arabischen Texte stammen von Sana Chakrum aus Tunesien, die von der Stadt Marburg ein Stipendium erhalten hatte, um an der Philipps-Universität ihre Promotion zu beenden, erklärt Gebauer.

Weitere Ausstellung am Richtsberg

Eine weitere Ausstellung von Gebauer mit gleichem Inhalt ist derzeit auch an der Richtsberg-Gesamtschule zu sehen. Der Künstler bietet sie weiteren Schulen an.

Parallel zu seiner Ausstellung informieren in der Kirche Text- und Bildtafeln über eine der großen Tragödien unserer Gegenwart: die Migration. Fluchtursachen werden dort ebenso behandelt wie das Leid von Geflüchteten in den unmenschlichen Internierungslagern in Libyen oder das Leid Geflüchteter, die das Mittelmeer – „die tödlichste Grenze der Welt“ – überwunden haben, um wieder in überfüllten Lagern zu landen und etwa in der Landwirtschaft Süditaliens als billige Arbeitskräfte ausgebeutet zu werden.

Im Juni wurde eine Open-Air-Ausstellung – bestehend aus vier großformatigen Bannern – auf dem Lutherischen Kirchhof zerstört. „Zwei der Banner wurden zerschnitten, zwei sind komplett verschwunden“, sagt Gebauer, der politische Gründe vermutet.

Entstanden waren sie seit April in einer Mit-Mach-Kunststation zu den Themen „Menschenrechte, Vielfalt, Zukunft, Klima, Artenschutz und Biodiversität“. Beteiligt waren die Spanierin Miranda Pastor und „zahlreiche große und kleine Künstlerinnen und Künstler“. Die beiden zerstörten Banner will Gebauer wieder reparieren.

Am Sonntag, 11. Juni, findet zu der Ausstellung ab 10 Uhr auf dem Lutherischen Kirchhof ein Themengottesdienst mit Pfarrer Ulrich Biskamp statt.

Von Uwe Badouin