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Marburg Als „Kraft von außen“ zum Ratshauschef in Marburg?
Marburg Als „Kraft von außen“ zum Ratshauschef in Marburg?
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19:58 26.12.2020
Geht Marburg mit ihm ein Licht auf? Thomas Falsett will als Oberbürgermeister werden. Zumindest will der Parteilose, der am Richtsberg wohnt und dem noch Unterstützer-Unterschriften fehlen, der Parteien-Demokratie „Dampf machen". Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Der rote Sitzbezug hat schon viel Wetter gesehen. Das gilt auch für den Anzug, den blässlich roten Overall, mit dem er auf dem Sofa sitzt. Thomas Falsett scheut sich nicht, sich so zu zeigen wie und was er ist: ein Anpacker.

„Ich bin vieles. Morgens Sozialarbeiter, vormittags Wald- und nachmittags Bauarbeiter, abends dann Wohnungsverwalter und nachts Schriftsteller“, sagt der 66-Jährige. Und nun will er noch etwas werden – Oberbürgermeister der Stadt Marburg.

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Wenn im März nächstes Jahr OB und Parlament neu gewählt werden, schicken die Parteien ihre Promis ins Rennen. Spies und Bamberger, Bernshausen, Bastian und Suntheim-Pichler – Thomas Falsett will sich selbst ins Rennen schicken, ohne Partei-, ohne Wählerbündnis-Organisation im Hintergrund. Die für die Kandidatur nötigen Unterstützer-Unterschriften?

Ein Problem, aber nur dann, wenn man unbekannt ist. Was Falsett nicht sein will. Und auch nicht ist, im Stadtbild ist er ein bekanntes Gesicht, kaum ein Marburger wird ihn nicht schon mal durch die Gegend spazierend gesehen haben.

„Ich will eine Kraft von außen sein“

Auch wenn er im März 2021 nicht gewählt wird, weil er wegen der noch nötigen Unterstützer-Unterschriften eventuell gar nicht auf Stimmzetteln auftauchen kann – zumindest sollen die Menschen wissen, dass er gerne kandidieren und in Marburg etwas anschieben wollen würde.

„Ich will eine Kraft von außen sein, die einen kommunalpolitischen Kampfgeist weckt“, sagt er. In der Spies-Amtszeit, den Jahren der ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU, sei „Schlafenszeit statt Schaffenszeit“ angesagt.

Er habe in den vergangenen Jahren eine Veränderung bemerkt, die ihm nicht gefalle. Falsett nennt ein Beispiel: „Es wird immer von Anti-Rechts-Kampf gesprochen, aber wenn es um Taten geht, passiert nichts“, sagt er. „Demos reichen nicht.“ Auch ein Verwaltungskonzept nicht. Ebenso wenig „das ständige und reflexartige Draufhauen“. Man könne etwa die AfD – er als Richtsberger lebt immerhin in deren Hochburg – nur „mit der richtigen Politik stellen und Stärke entziehen“.

Ziel: 10.000 Autos weniger durch City-Maut

Von den Parteien, Stadtverordneten und dem Magistrat werde aber meist nur das Gefühl, das Richtige zu tun, bedient. Aber wenn es etwa um die Aufnahme von Flüchtlingen – etwa die seit Jahren bestehende Forderung „200 nach Marburg“ – gehe, passiere nichts.

Wenn es um Klimapolitik gehe, würden Konzepte geschrieben, sich Projekte überlegt aber kein Windrad gebaut, keine Straße gesperrt. Dieses Vorgehen gelte nicht nur für eher linke Themen, auch für bürgerliche wie die von der CDU propagierte Sauberkeits-Offensive: Letztlich passiere seit Jahren nichts. „Stillstand ist komfortabel“, sagt Falsett.

Was er etwa bei Klima und Verkehr will? 10.000 Autos weniger in die Stadt lassen, mit dem Bündel aus Gratis-Nahverkehr, einer City-Maut von 100 Euro pro Monat und einen Parkplatzring rund um Marburg. 3.000 Marburger Haushalte sollten kostenlos Solaranlagen und Speicher eingebaut bekommen, um grüne Überschuss-Energie zu produzieren.

Aus Marburg ein kleines Paradies machen

Der 66-Jährige ist ein Denker, das beweist nicht zuletzt seine seit Jahren im hölzernen Unterstand an der Ecke Lutherstraße/Gisonenweg stehenden Gedichte. Er macht sich Gedanken, schaltet sich immer mal wieder in öffentliche Diskussionen ein – sei es als OP-Leserbriefschreiber oder als Gast bei Stadtparlaments-Sitzungen – und ist schlicht ein Lebenskünstler, der 25 Euro pro Woche ausgibt.

Deshalb ist er in und um sein Haus am Richtsberg, das er in den vergangenen 13 Jahren „mit interessanten Personen“ teilte, eben alles vom Sozialarbeiter bis zum Bauarbeiter. So, wie er das Haus seiner Eltern zu einem „kleinen Paradies“ gemacht habe, wolle er das mit ganz Marburg tun.

Um das zu erreichen, brauche es eine andere Art der Bürgerbeteiligung, einen ständigen Austausch, mehr politischen Einfluss der vielen Organisationen und Vereine, die nah an den Alltagsthemen der Stadtbewohner seien. „Ich glaube, uns täten weniger Parteien, mehr Zivilgesellschaft gut.“

Von Björn Wisker