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Marburg Wenn die Sehnsucht den Tag bestimmt
Marburg Wenn die Sehnsucht den Tag bestimmt
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08:55 22.11.2020
Im OP-Gespräch erzählt eine Frau über ihren Umgang mit dem Suizid ihrer Tochter. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Meine Tochter hat sich vor drei Jahren das Leben genommen.“ Wenn Doris K.* diesen Satz sagt, muss sie weinen. Früher hat sie sich dafür geschämt, ist jedem Gespräch aus dem Weg gegangen, heute lässt sie die Tränen zu.

„Die gehen auch gleich wieder“, sagt sie. Das gibt ihr Sicherheit. „Mein Gegenüber muss das dann aushalten können. Aber das klappt meistens“, hat Doris K. festgestellt und trocknet ihre Tränen.

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Nach dem Suizid hat sie nur noch funktioniert. Sie ist drei Monate nach der Beisetzung wieder arbeiten gegangen, hat eine Gesprächstherapie gemacht. „Ich habe versucht, es alleine zu schaffen“, blickt sie zurück und erinnert sich: „Wenn ich einkaufen gegangen bin, dann habe ich erst einmal den Parkplatz abgescannt nach Autos, die ich kannte. Wenn ich welche vorfand, dann bin ich wieder weg gefahren, nur damit ich nicht angesprochen werde.“

Die Trauer um ihre Tochter, diese große Sehnsucht bestimmte ihr Leben. An manchen Tagen kämpfte sie sich so sehr durch den Alltag, dass sie zu Hause vor Erschöpfung zusammenbrach. Ehemann und Sohn konnten nur zuschauen, wie es Doris K. immer schlechter ging.

Trauertagebuch kann helfen

Dann erfuhr sie von Progrid, anderthalb Jahre nach dem Tod ihrer Tochter. Ein Projekt zur Therapie anhaltender Trauer. In Marburg wird es von der Psychologin Judith Gonschor betreut. Nach umfangreicher Diagnostik war schnell klar, dass die dauerhafte Trauer von Doris K. Grund für ihre psychischen Probleme ist.

„Trauer ist sehr schmerzhaft. Vor allem Suizid-Angehörige sind eine besonders betroffene Gruppe. Sie erleben einen schwer zu akzeptierenden Verlust, der sich falsch anfühlt“, erklärt die Psychologin, die mit Doris K. das Erstgespräch geführt hatte und sich an eine seelisch gebrochene Frau erinnert.

Jetzt, 20 Therapiestunden später, sagt Doris K.: „Wie gut, dass ich hier gelandet bin. Hier kann ich über meine Trauer reden, immer und immer wieder.“ Sie hat beispielsweise ein Trauertagebuch geführt, über deren Einträge sie ein oder zwei Mal in der Woche mit einem Therapeuten gesprochen hat.

Normen sind unter Druck nicht hilfreich

Die 54-Jährige hat gelernt zu sagen: „Ich kann jetzt nicht darüber reden“, wenn Freunde oder Bekannte sie auf das Thema ansprechen. „Und ich habe gelernt, wenn ich mich diesem oder jenem Problem stelle, dann ist das in diesem Moment schlimm, aber danach geht es mir besser. Manchmal musste ich in der Therapie einen Schritt zurückgehen, um dann wieder zwei Schritte auf einmal machen zu können.“

Judith Gonschor ist eine der Psychologinnen, die das Projekt Progrid betreuen – eine Studie zur anhaltenden Trauerstörung. Quelle: Katja Peters

Judith Gonschor betont: „Trauerverläufe sind sehr unterschiedlich. Das sollte auch das Umfeld akzeptieren. Vorherrschende Normen beispielsweise können viel Druck bei den Trauernden auslösen und zu zusätzlichen Schuldgefühlen führen. In einer emotionalen Ausnahmesituation ist das wenig hilfreich.“

Eher helfen Angebote wie zuhören: „Dabei geht es nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern einfach nur da zu sein“, erklärt die Psychologin. Das bestätigt auch Doris K. „Es gibt immer noch gute und schlechte Tage. Aber heute kann ich auch wieder lachen, was ich mir viele Monate verboten hatte. Dabei liegt Trauer und Freude oft so nah beieinander.“

* Person bekannt, Name von der Redaktion geändert

Standpunkt – Von Katja Peters

Vor dem Tod wird gelebt

„Vor dem Tod wird gelebt“ – diese Worte stammen nicht von mir, sondern von Ulrike Lux vom Pflegebüro der Stadt Marburg. Ja, vor dem Tod wird gelebt. Aber deswegen nicht über ihn sprechen, ihn ausgrenzen, ihn tabuisieren? Statt klarer und ehrlicher Worte bei klarem Verstand sollen lieber andere entscheiden, was für mich an meinem Lebensende gut ist? Wie soll dieser Mensch, egal ob Familie, Freund oder rechtlicher Betreuer, in meinem Sinne entscheiden, wenn wir vorher nie darüber gesprochen haben?

Reden hilft, auch wenn es schwerfällt. Auch wenn dann Wahrheiten ans Licht kommen, die man nicht hören wollte. Man muss sie aushalten und vor allem akzeptieren. Nirgendwo steht geschrieben, dass ich mein Leben für das eines anderen aufgeben muss, nur weil die Norm das fordert, weil ich es am Sterbebett versprochen habe. Solche Versprechungen können eine große Bürde sein.

Genauso wie die Entscheidung mancher Eltern, dass ihre Kinder sich schon kümmern werden, wenn es so weit ist. Aber was passiert, wenn die Kinder einen ganz anderen Lebensplan haben? Die Verantwortung über das eigene Leben sollte man schon selbst behalten oder den zukünftigen Entscheider mit einbeziehen. Vor dem Tod wird gelebt – dennoch sollte auch über ihn gesprochen werden.

Anhaltende Trauerstörung

28 Trauernde wurden und werden von dem Progrid-Projekt in Marburg betreut. Die Universität betreibt eines der vier Therapiezentren bundesweit für anhaltende Trauerbewältigung. Dabei wird in zwei Formen der Trauer unterschieden: eine Therapie legt den Schwerpunkt auf die Trauer selbst, die andere konzentriert sich auf die durch Trauer verursachten Schwierigkeiten im Alltag.

Eine Behandlung im Rahmen von Progrid könnte infrage kommen, wenn Folgendes zutrifft:– Eine nahestehende Person ist verstorben.– Dieser Verlust liegt mindestens sechs Monate zurück.– Seit dem Verlust gibt es körperliche und seelische Beschwerden oder Schwierigkeiten, mit alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten umzugehen.–Während der Progrid-Behandlung sollte keine andere Psychotherapie in Anspruch genommen werden. Ausgenommen davon ist die Teilnahme an Selbsthilfegruppen oder Ähnlichem.– Das Mindestalter ist 18 Jahre.

Trauernde melden sich bei: Judith Gonschor, Psychotherapie-Ambulanz Marburg am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg, Gutenbergstraße 18, 35032 Marburg. Telefon: 06421/282-3700, E-Mail: judith.gonschor@staff.uni-marburg.de

Von Katja Peters