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Marburg Bibeltexte als Echo der erlittenen Gewalt
Marburg Bibeltexte als Echo der erlittenen Gewalt
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17:59 23.03.2022
Eine Frau steht vor ihrem durch Bomben zerstörten Haus in Irpin, Ukraine.
Eine Frau steht vor ihrem durch Bomben zerstörten Haus in Irpin, Ukraine. Quelle: Diego Herrera/dpa
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Marburg

Traumaforschung und Theologie können Hand in Hand gehen, erläutert die Marburger Theologie-Professorin Maike Schult im Gespräch mit der OP. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung von Traumadarstellungen in biblischen Texten und in der Literatur und hat jetzt gemeinsam mit ihrer Kollegin Professorin Alexandra Grund-Wittenberg eine internationale Tagung organisiert, die Anfang April an der Uni Marburg stattfindet.

Das Beispiel Ukraine

Dabei sind individuelle und kollektive Traumaerfahrungen in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen gerade wieder erschreckend aktuell geworden, wie Schult am Beispiel des Ukraine-Kriegs bestätigt, der seit Wochen die Schlagzeilen bestimmt. „Kriege sind wie Vergewaltigungen Ereignisse, die potenziell traumaauslösend wirken“, berichtet sie. „Das kann jeden treffen.“

Kriegserfahrungen, wie sie jetzt viele Menschen in der Ukraine durchmachen müssen, sind nach Schults Worten Situationen voller Ohnmacht und Hilflosigkeit für die davon betroffenen Personen, aus denen sie nicht fliehen können. Zudem gehe es beispielsweise bei den Bombenangriffen um Leben und Tod. Die traumatischen Erlebnisse seien vor allem deswegen schwerer zu verarbeiten als zum Beispiel schwere Unfälle, weil sie absichtsvoll und bösartig geschehen.

Dessen ungeachtet könnten allerdings manche Personen die damit verbundenen Ereignisse besser in ihr Leben integrieren als andere.

Bei der Hilfe für Traumaopfer nach besonderen Katastrophen kommen neben Psychologen vermehrt auch speziell dafür ausgebildete Theologen als Seelsorger in der Akutbetreuung zum Einsatz. Doch darüber hinausgehende Betreuung ist in aller Regel nicht von den Theologen leistbar. „Wir sind keine Therapeuten“, stellt Alexandra Grund-Wittenberg klar.

Biblische Texte können zum Verständnis beitragen

Wie werden Traumaerlebnisse in biblischen Texten aufgearbeitet? Das ist hingegen eine der Fragen, die die Alttestamentlerin interessiert. Sie findet es spannend, wie im Alten Testament in der Bibel beispielsweise rund um Ereignisse wie die Zerstörung Jerusalems versucht wird, eine Sprache für etwas Unaussprechliches zu finden. Dies empfindet sie als eine Art schriftliches „Echo der erlittenen Gewalt“, erläutert Grund-Wittenberg. Auch Rachefantasien seien vor diesem Hintergrund besser verständlich.

Maike Schult hat in ihrer grundlegenden Studie „Ein Hauch von Ordnung – Traumaarbeit als Ausdruck von Seelsorge“ die psychologische Traumaforschung mit der praktischen Theologie verbunden. Darin lotet sie die Chancen und Grenzen religiöser Kommunikation unter dem Eindruck extremer Ereignisse aus und bringt mit dem Leitwort „Seelsorge als Zeitzeugenschaft“ einen eigenen Vorschlag in die Debatte ein. Es wird zwischen Trauma als medizinisch-psychologischer Diagnose und Trauma als kulturellem Deutungsmuster unterschieden. An Beispielen aus der Bibel und Literatur sucht Schult nach Bewältigungsmöglichkeiten von „Gefühlserbschaften“, die sich nicht auf das Leben des Einzelnen beschränken, sondern sich über die Generationen fortsetzen „bis ins dritte und vierte Glied“.

Verschiedene Lesarten des Traumas stehen im Fokus der wissenschaftlichen Tagung in Marburg. Dazu zählen einerseits die 3000 Jahre alten Texte der Bibel, aber andererseits auch literarische Werke aus dem zeitlichen Umfeld des Ersten und Zweiten Weltkriegs, wie beispielsweise Paul Celans nach 1945 entstandenes düsteres Gedicht „Todesfuge“.

Der gemeinsamen Verwundbarkeit in Texten der „hebräischen Bibel“ sowie der aktuellen sozialen Bewegungen wie „Black Lives Matter“ oder „#MeToo“ will Bibel-Forscherin Professorin Johanna Stiebert (Leeds) in ihrem Vortrag nachspüren. Wie ist es mit der Religion in posttraumatischen Gesellschaften? Oder anders gefragt: Ist Theologie nach dem Gulag möglich? Diese Frage stellt Professorin Katya Tolstaya (Amsterdam), eine Expertin für die Rolle von Religion in posttraumatischen Gesellschaften. Und welche Möglichkeiten bietet die erneute Lektüre von posttraumatischen Bibelerzählungen zu Flut und Rettung inmitten der aktuellen Klimakatastrophe, fragt Professor David Carr (New York).

Ungeachtet der aktuellen Ukraine-Debatte sieht Maike Schult einen Vergleich der unterschiedlichen Trauma-Lesarten in Ländern wie Deutschland, Großbritannien, den USA, Russland oder Südafrika als eine der Aufgaben für die Wissenschaftler auf dem Kongress in Marburg, der auf Englisch stattfindet.

Von Manfred Hitzeroth

23.03.2022