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Marburg Wenn alle Macht nichts nutzt
Marburg Wenn alle Macht nichts nutzt
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17:09 21.06.2021
Eröffnung der Hessischen Theatertage 2021 und des HessenKUSS Theater: Die Marburger Intendantinen Eva Lange (links) und Carola Unser strahlen. denn: „Endlich geht es wieder los!“
Eröffnung der Hessischen Theatertage 2021 und des HessenKUSS Theater: Die Marburger Intendantinen Eva Lange (links) und Carola Unser strahlen. denn: „Endlich geht es wieder los!“ Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Es gibt wieder Theater im Theater und das lässt aufatmen. Dieses Gefühl versprühten am Sonntag alle: Zuschauer, Akteure, die Intendantinnen des Marburger Landestheaters und die Politik bei der Eröffnung der 29. Hessischen Theatertage in Marburg. Und was für eine lebendige Eröffnung war das.

Vor der Tür des Erwin-Piscator-Hauses kam es zuerst darauf an, sich selbst auf etwas einzulassen. Auf „Zerstreuung an allen Orten“. Mit dem Kopfhörer auf den Ohren ließen sich 30 Menschen auf „Lignas Radioballett“ ein. Lächeln wechselte sich bei den Teilnehmern auf dem Platz mit in sich versunkenen Blicken ab, schnelle Bewegungen mit dem Ausziehen von Sandalen oder Turnschuh.

Vor etwa drei Wochen war noch nicht klar, ob es diese Theatertage denn nun „analog“, also mit Zuschauern vor Ort, geben könnte. Dass dem nun so ist, ist für alle eine Bereicherung. Das machten die Intendantinnen Eva Lange und Carolin Unser bei der offiziellen Eröffnung stellvertretend für das gesamte Landestheaterteam klar. Viele hätten sich in den vergangenen Wochen „reingehängt“, um das möglich zu machen, so die gelöste, freudige Lange.

Hessens Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn sprach von einer beginnenden „wunderschönen Woche, die jetzt mit Corona eine besondere Bedeutung bekommt“. Bundesweit zählen die hessischen Theatertage zu den ersten kulturellen Veranstaltungsreihen, die überhaupt wieder anlaufen. Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bemühte nach der langen Zeit der Zwangspause für jeglichen Kulturbetrieb in Präsenz das Bild von der ausgetrockneten Wüste. Die erlebe jetzt einen „plötzlichen Regenguss“. Theater tue jetzt dringend Not.

Genau zur Eröffnung dieser herausragenden Theaterwoche ließ sich das Theater dann auf sich selbst ein – und das sehr selbstkritisch, aber auch sehr fordernd, sehr ernst, aber mitunter auch mit einem leicht spürbaren fröhlichen Augenzwinkern. Emilia Galotti, der Lessing-Klassiker, ein zentrales Stück der Aufklärung in der Literaturgeschichte, das mal ganz anders interpretiert und dargeboten wird. Volker Schmidt vom Staatstheater Darmstadt hatte sich darauf eingelassen. Uraufführung war bereits im vergangenen Herbst – unmittelbar vor dem kompletten Stopp. „Wo ist Emilia G.?“ Theater stellt in dieser Interpretation von Schmidt klar die Machtfrage im Theater, in der Kunst, im Zusammenleben. Da ist der allmächtige, beinahe diktatorische Intendant in seiner Selbstzufriedenheit, völligen Selbstüberschätzung, ja Machtgeilheit, glänzend gespielt und interpretiert von Thorsten Loeb.

Allgegenwärtig und ein wenig auf der Flucht

Er spielt mit Existenzen ganz wie ein absolutistischer Monarch und da ist eine der teils gut versteckten Brücken zu Lessings literarischer Vorlage. Der Intendant und Prinz entsorgt die altgediente Schauspielerin Orsina kaltlächelnd aus dem Ensemble, weil er ihrer nicht mehr bedarf.

Er ist aber zu feige dazu, ihr das selbst zu sagen. Die Verlängerung ihres Vertrages hätte sie ja auch unkündbar gemacht. „Der Tod der Kultur sind Schauspielerinnen, die unkündbar sind“, so der Intendant. Aha! Es sollen gleich drei Emilias sein, bewusst wählt der vermeintlich allmächtige Intendant drei Frauen mit Migrationshintergrund, fest glaubend, dass sie sich ihm auch fügen werden.

Dramaturg Mascarelli hegt Zweifel: „Du kannst Lessing nicht wie einen Rapper behandeln“, hält er dem Intendanten entgegen. Doch, man will und man kann, zumindest ein wenig, wie dieses Stück von Volker Schmidt beweist. Zoe Handson, Camille Dupree und Kaina El Zina heißen die drei Emilias – gespielt von Fremah Wiredu, Noé Queirand und Soukina El Adak.

Und diese drei Frauen lassen sich nicht einordnen in die Welt des Intendanten. Sie sind selbst dominant und dabei auch unsicher. Sie sind omnipräsent dank Videoclips, teilweise sind sie im Verlauf des Abends aber auch auf der Flucht. Vor sich selbst und vor dem Theater, wie es scheint.

Mit drei Schauspielerinnen mit Migrationshintergrund wollte der Intendant eigentlich etwas völlig Neues schaffen. Doch das Ganze endet am Schluss blutig. Eben doch ein wenig ein Trauerspiel. Dank Joker und dem Bruder einer Emilia, gespielt von Erdal Avci.

Es ist das symbolische Scheitern. Gotthold Ephraim Lessing wollte mit seiner Emilia aufklären, Strukturen hinterfragen und vor allem zum Denken in eigener Regie anregen. Das schafft die Inszenierung „Wo ist Emilia G.?“ auch.

Was für ein guter, den Verstand fordernder Auftakt für diese ganz besonderen Theatertage. Für einzelne Veranstaltungen bis Samstag gibt es noch Karten. Die Teilnehmerzahl bleibt begrenzt.

Von Michael Rinde

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