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Marburg Fast nah genug für einen Kuss
Marburg Fast nah genug für einen Kuss
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16:00 04.03.2021
Rolf Michenfelder sitzt zwischen Johann Trollmann (das gelbe Plüschtier links neben ihm) und Gustav Eder und wartet auf seinen Zuschauer oder seine Zuschauerin.
Rolf Michenfelder sitzt zwischen Johann Trollmann (das gelbe Plüschtier links neben ihm) und Gustav Eder und wartet auf seinen Zuschauer oder seine Zuschauerin. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

„Nearly Close Enough To Kiss“ heißt ein Projekt des freien Marburger Theaters neben dem Turm. Vor knapp einem halben Jahr, Ende August und Anfang September, sind die Theatermacher um Rolf Michenfelder in einem leer stehenden Geschäft in der Oberstadt ihren Fans schon einmal fast nah genug für einen Kuss gekommen. Es war ein Riesenerfolg unter Corona-Beschränkungen.

Jetzt legen sie ihr Theaterprojekt neu auf. 12 Tage lang gibt es vom 10. März bis zum 27. März immer mittwochs bis samstags von 19 bis 21 Uhr in einer ehemaligen Videothek in der Elisabethstraße 13 sehr ungewöhnliche Theaterbegegnungen – und zwar live, wie Charlotte Bösling betont. Keine Sorge – alles läuft absolut Corona-konform. Der Raum ist 220 Quadratmeter groß. Am Eingang steht ein Desinfektionsspender. In der hinteren Ecke nehmen die Darstellerinnen und Darsteller Platz, jeweils einzeln natürlich. Und in dem großen Raum steht mit weitem Abstand von der Bühne ein Sessel für den Besucher oder die Besucherin. Dazwischen Plexiglasscheiben. So richtig nah genug für einen Kuss ist das natürlich nicht, aber der Versuch adelt das Team.

Der Eintritt ist frei

Hausgemeinschaften dürfen auch zu zweit kommen. Der Eintritt ist stets frei, „so frei wie die Kunst“, heißt es im Programm. „Wir verabreden uns für ein Viertelstündchen mit dem Publikum, und bei einer Verabredung mit einem Freund sagt man ja auch nicht: Ey, bring 10 Euro mit“, erklärt Michenfelder.

Interessierte müssen sich aber vorher für einen bestimmten Termin anmelden – und zwar montags bis freitags von 11 bis 14 Uhr unter der Rufnummer 0151/29109817. „Wir wollen mit dem Projekt daran erinnern, dass es das TnT trotz Corona weiterhin gibt, dass dort Ideen entwickelt werden und dass dort künstlerisch gearbeitet wird“, sagen Michenfelder und Bösling. Der 69-jährige Michenfelder, einer der wichtigsten Marburger Theatermacher der freien Szene, etwa nimmt an einem kleinen Tisch Platz, umgeben von zahlreichen Plüschtieren.

„Am 28. August 2004 fotografierte ich in Hannover ein Straßenschild“ heißt seine Performance, die er in den 12 Tagen mehrfach zeigen wird. 15 Minuten lang geht es um die Umbenennung einer kleinen Straße und einen Boxkampf, „der wegen undeutschem Boxen und ungenügender Leistung ohne Wertung beendet wird“.

15 Minuten dauern alle kleinen Performances, Konzerte oder Mini-Stücke des Projekts, dann ist Szenenwechsel. Es wird kurz gelüftet, kurz umgebaut, dann kommt das nächste Stück, der nächste Gast, die nächste Darstellerin oder der nächste Darsteller, die alle regelmäßig auf Corona getestet werden.

Theater neben dem Turm vergibt 13 Stipendien

Mit dabei sind außerdem Katrin Hylla, Kristin Gerwien, Nisse Kreysing, Charlotte Bösling sowie Gäste des TnT: Das Marburger Theater neben dem Turm, das in der freien deutschen Theaterszene sehr bekannt ist, wurde nämlich auserkoren, über ein Netzwerk freier Theater 13 Stipendien in Höhe von 5 000 Euro zu vergeben.

Vier dieser Stipendiaten sind bei dem Projekt zu sehen: Asja aus Deutschland, Carolina Mendoca aus Brasilien, Ida Daniel aus Bulgarien und Aran Kleebaur aus Irland. Sie alle haben in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studiert.

„Die Stipendien waren eine super Möglichkeit, freie Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen“, sagt Michenfelder. „Sie waren für viele eine Rettung im Corona-Lockdown.“

Finanziert wurden die Stipendien aus einem Fonds des Bundes. „Da ist das Geld dann mal durchgereicht worden bis ganz nach unten“, sagen die Theatermacher des TnT. Corona setzt ihnen nicht nur finanziell zu. „Es ist ein Mangelgefühl. Wir sehen uns viel seltener, arbeiten musste man immer alleine“, sagen Michenfelder und Bösling.

Sie sprechen von Vereinzelung und vom Bemühen, irgendwie „den Sinn zu bewahren“. Aber jetzt sind sie ja zurück – „die Einzigen mit einem echten Live-Moment“, sagt Charlotte Bösling.

Von Uwe Badouin