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Marburg 8 Darsteller, 44 Rollen, 50 Kostüme
Marburg 8 Darsteller, 44 Rollen, 50 Kostüme
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14:57 02.11.2019
Jürgen Helmut Keuchel ist „Der Hauptmann von Köpenick“. Am Samstag ist Premiere am Hessischen Landestheater. Quelle: Jan Bosch
Marburg

„Ein deutsches Märchen“ – so hat Carl Zuckmayer (1896 – 1977) seine Tragikomödie „Der Hauptmann von Köpenick“ genannt. Ein Märchen ist es, ein deutsches aus seiner Zeit noch dazu.

Kein Mensch würde die Geschichte des armen Knackis Wilhelm Voigt glauben, der wegen Urkundenfälschung lange im Knast saß, in der Freiheit keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und damit keinen Pass und damit keinen Job.

Er ist gefangen im Räderwerk der militaristischen preußischen Bürokratie. Kaum schlüpft er in eine Hauptmanns-Uniform, ist er wer. Er kann sogar mit Soldaten das Rathaus von Köpenick besetzen. Und doch basiert dieses Bühnenmärchen auf einer wahren Geschichte, die Zuckmayer ausmalt und für die Bühne zuspitzt.

Den Nazis verboten das Stück

„Der Hauptmann von Köpenick“ ist das erfolgreichste Stück von Zuckmayer und bis heute eines der meistgespielten Dramen an deutschen Theatern. Es gibt Hörspiele und zahlreiche Filme, etwa mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1956 und mit Harald Juhnke aus dem Jahr 1997.

Karten

Für die Premiere am Samstag gibt es nur noch Restkarten. Um 19 Uhr gibt es eine Einführung.

Weitere Aufführungen sind am 5., 15., 24., 26. und 27. November sowie am 26. und 27. Dezember.

Den Nazis passte das 1931 in Berlin uraufgeführt Stück überhaupt nicht. Zuckmayer karikiert den Nationalismus, den Militarismus und den Untertanengeist Preußens. Sie verboten den „Hauptmann“.

In Marburg schlüpft Jürgen Helmut Keuchel in die Rolle des armen Schusters Voigt, der lange Zeit keine Chance gegen die dumpfen Bürokraten hat. Er hat ja nicht mal „jedient“, ist also nur ein halbfertiger Mensch.

Keuchel ist der mit Abstand erfahrenste Schauspieler des Marburger Ensembles. „1955 in Mecklenburg geboren. Abitur, 1976 bis 1979 Staatliche Schauspielschule Rostock. Seit 1990 am HLTM und geht nächstes Jahr auf seine 200. Premiere zu.“

Keuchel in der Szene gut bekannt

Mehr ist über ihn auf der Homepage des Landestheaters nicht zu finden. Mehr ist auch nicht nötig. 200 ­Premieren, wer schafft das schon in seinem Job? Er hat in Marburg zwei Intendanten und zwei Intendantinnen erlebt, ist aktuell in „Macbeth“ zu sehen, spielte in der letzten Saison in „Leonce und Lena“, in „Maria Stuart / Ulrike Maria Stuart“, „Cabaret“ und „Ronja Räubertochter“.

Er hat so ziemlich alles gespielt, was das Theaterrepertoire hergibt, sogar Thomas Bernhards knorrigen „Weltverbesserer“, ein großes Theatersolo. Daneben kennt man ihn als Chef der sehr populären Lyrikkompanie und als Regisseur beim Theaterverein Wetter.

Debüt für Regisseurin Pichler

Nun hat er wieder eine ganz große Rolle. Die dürfte ihm trotz der enormen Textfülle aber fast leichter fallen als seinen sieben Kolleginnen und Kollegen im „Hauptmann“. ­Regisseurin Nina Pichler hat Sven Brormann, Ben Knop, Simon Olubowale, Metin Turan, Robert Oschmann, Lisa Grosche und Victoria Schmidt 43 Rollen verpasst, die rund 50 Kostüme tragen werden.

Das dürfte hektisch werden auf und vor allem hinter der von Hans Winkler ausgestatteten Bühne. Für Regisseurin Pichler und Ausstatter Winkler ist „Der Hauptmann von Köpenick“ die erste Arbeit am Hessischen Landestheater.

von Uwe Badouin