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Marburg "Theatergebäude wäre gut für Marburg"
Marburg "Theatergebäude wäre gut für Marburg"
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15:03 07.09.2019
Die beiden Intendantinnen des Hessischen Landestheaters, Carola Unser (links) und Eva Lange, freuen sich auf ihre zweite Spielzeit. Quelle: Uwe Badouin
Marburg

Im September vergangenen Jahres haben Carola­ Unser (45) und Eva Lange (46) Matthias Faltz an der Spitze des Hessischen Landestheaters abgelöst. Die beiden bilden die erste und einzige weibliche Doppelspitze an einem deutschen Subventionstheater.

Mit viel Elan und 19 Premieren sind sie mit ihrem Team in Marburg gestartet. Wie würden sie spontan ihre erste Spielzeit beschreiben? „Wir haben ein begeistertes und begeisterndes Publikum erlebt. Ich habe ganz stark das Gefühl, dass die Marburger schnell und offen auf uns zugekommen sind“, sagt Eva Lange ohne lange nachzudenken. Carola Unser ergänzt: „Wir haben ein tolles Haus. Wir sind sehr dankbar, wie wir gestartet sind.“

Zu den Highlights zählen das Weihnachtsmärchen, das weit mehr als 10.000 Besucher hatte, „darunter viele Menschen, die nicht immer im Theater sind“, so Regisseurin Unser. Und natürlich die preisgekrönten Stücke: „Maria Stuart / Ulrike Maria Stuart“ wurde bei den Hessischen Theatertagen in Kassel mit dem Ausstattungspreis ausgezeichnet. Und die deutsche Erstaufführung von Morislava Svolikovas Stück „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch etwas gesagt“ hat beim renommierten Heidelberger Stückemarkt sogar den Nachspielpreis und damit eine Einladung zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin gewonnen. „Das ist toll für uns, darüber freuen wir uns sehr“, sagt Eva Lange, die in beiden Stücken Regie führte.

Daneben bauen die beiden Intendantinnen das Gastspielangebot aus. „Wir sind mit Leib und Seele ein Landestheater, das auch die Fläche bespielen will“, sagt Carola Unser. Nach Biedenkopf sind demnächst auch ­Gastspiele in Kirchhain geplant, mit Bad Endbach gibt es Gespräche. Das Kinderstück „Der Junge mit dem längsten Schatten“ reist seit 49 Vorstellungen durch die Lande, Ähnliches gilt für „Mein Platz, dein Platz“ oder „Haut“.

Nicht so erfolgreich lief das Open-Air-Stück „Leonce und Lena“ von Georg Büchner. Die von Carola Unser inszenierte­ Komödie mit viel Tempo, Witz und Musik kam bei den Besuchern zwar glänzend an, letztlich aber machten sich viel zu wenig Theaterfans auf den Weg zur Schlossparkbühne.

Doch das Landestheater will an dem Spielort festhalten. „Die Bühne ist toll“, sagt Unser. Im kommenden Sommer gibt es dort das Musical „Hair“. „Leonce und Lena“ wird im Herbst übrigens noch einmal gespielt – am 26. und 27. Oktober im Erwin-Piscator-Haus.

Nach einem intensiven Jahr fallen den beiden Theatermacherinnen aber auch die negativen Seiten auf, die lange nicht oder nur eingeschränkt beachtet wurden. Hinter den Kulissen fehlt es an Personal. „Zehn Stellen fehlen oder sind nicht besetzt“, sagen die Intendantinnen. Für ein kleines Theater wie das Marburger sind zehn Stellen enorm viel. Das betrifft die technischen Abteilungen ebenso wie die Theaterpädagogik, die Öffentlichkeitsarbeit oder die Disposition, also die Planung von Gastspielen oder Umbesetzungen.

Auch das Theater am Schwanhof stößt an seine Grenzen und ist technisch längst nicht mehr auf der Höhe. Das ehemalige Offizierscasino mit angeschlossenem Kinosaal war ohnehin nie ein Theater, sondern immer eine Notlösung. Im vergangenen Winter sei die Heizung ausgefallen – das Publikum habe man mit heißem Glühwein erwärmen können, die Schauspieler aber seien am nächsten Tag krank gewesen, sagt Carola­ ­Unser. „Das geht gar nicht“, meinen die beiden Intendantinnen und ergänzen: „Im Bereich Digitalisierung sind wir geradezu unterirdisch aufgestellt.“

Es stehen also viele Investitionen an – und selbst wenn, das Theater im Schwanhof wäre noch immer kein richtiges Theater, zumal dort auch Platz fehlt für Mitarbeiter, Requisiten oder Werkstätten – oder für vernünftige Duschen.

„Einer tollen Stadt wie Marburg würde ein eigenes Theatergebäude gut stehen. Es ist verwunderlich, dass es das nicht gibt“, meinen die beiden Theatermacherinnen, denn auch das für über 40 Millionen Euro sanierte Erwin-Piscator-Haus ist keine Ideallösung. „Wir gelten zwar als der wichtigste Player, aber es ist nicht ,unser‘ Haus“, sagen die beiden. Ein Beispiel: „Das Musical ,Cabaret‘ lief sehr gut, wir konnten es aber nicht häufiger spielen, obwohl die Nachfrage­ da war.“

80 Belegtage hat das Landestheater im EPH, inklusive der Proben. „Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass nach den Proben für drei Stücke schon fast die Hälfte der Belegtage weg ist.“

von Uwe Badouin