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Marburg Weisheiten von Schnecken, Menschen und anderen Tieren
Marburg Weisheiten von Schnecken, Menschen und anderen Tieren
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17:59 04.10.2021
Jürgen Helmut Keuchel in einer Szene seiner Produktion „Schneckenweisheiten oder: das Mittel gegen Einsamkeit“.
Jürgen Helmut Keuchel in einer Szene seiner Produktion „Schneckenweisheiten oder: das Mittel gegen Einsamkeit“. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Drei Männer im Schnee? Irgendwie drängt sich dem Betrachter diese Assoziation analog des Buchtitels von Erich Kästner auf, nachdem die drei Akteure des Abends die kleine „Tasch“-Bühne im Theater am Schwanhof betreten haben. Doch natürlich müsste es richtigerweise heißen: drei Männer im Wohnzimmer. Denn auf der Bühne ist ein biedermeierhaft-bürgerliches Wohnzimmer angedeutet. Auf dem Boden liegen Bücher wie ein Reimlexikon und ein Bildband über „1 000 Wunderwerke“.

An der Wand hängt neben allerlei Reminiszenzen aus der Familiengeschichte anstelle des klassischen „röhrendes Hirsches“ allerdings ein Gemälde, das eine Schnecke zeigt. Womit wir schon zum Leitmotto des Abends kommen: Denn das vom Marburger Schauspieler Jürgen Helmut Keuchel zusammengestellte Programm trägt den Titel „Schneckenweisheiten“.

Es ist eigentlich die große Keuchel-Show: Denn die Gedichte stammen zum großen Teil aus seiner Feder. Der Grandseigneur des Marburger Theaters nimmt unter den drei schick im Abendanzug aufgebrezelten Darstellern des Abends auch eine herausgehobene Rolle ein. Altersweise sitzt er in seinem Sessel und zieht die Fäden. Er deklamiert, was das Zeug hält, gibt seinen Partnern Regieanweisungen und er brummelt sogar bei dem ein oder anderen Song des Abends tapfer und mit sehr viel Begeisterung mit.

 Zwischen Schiefsinn und Tiefsinn

Seine beiden Sidekicks Ben Knop und Christian Keul sind aber doch viel mehr als nur reine Stichwortgeber. Sie sind widerborstige Gesellen, und halten bei den kleinen persönlichen Sticheleien des Maestros wacker dagegen. Knop ist sicher der beste Sänger des Trios, und er gibt den gewitzten Tausendsassa. Keul ist der virtuose Mann am Klavier. Ihm fällt aber auch die Rolle zu, beim Gedichte-Aufsagen immer mal wieder ins Stocken zu geraten und als „Watschenmann“ für Keuchel herzuhalten. Dass die drei Akteure sich gegenseitig noch mit altertümlich klingenden Männernamen wie Diethard titulieren, ist zwar dramaturgisch nicht notwendig, aber sei’s drum: Der Herrenabend in acht Akten zwischen Schiefsinn und Tiefsinn nimmt schnell Fahrt auf.

Zwischen Schlagern aus der Zeit von vor fast 100 Jahren wie „Ich küsse ihre Hand, Madame“ (Richard Tauber/Comedian Harmonists), zeitgenössischen Gassenhauern wie „Männer sind Schweine“ (Die Ärzte) oder Ohrwürmern wie dem Song der A-Cappella-Gruppe „Ganz schön Feist“ mit dem netten Refrain „Es ist gut, wenn Du weißt, was Du willst, wenn Du nicht weißt, was Du willst, ist das nicht so gut“ rauscht ein rasanter Lyrik-Zug heran, der die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle taucht.

Zoten und Melancholie

Mal ist es einfach nur albern, zwischenzeitlich ein klein wenig zotig, dann wieder urkomisch, und mal überkommt einen wie bei einem Gedicht über das Älterwerden doch ein wenig die Melancholie. Und wie war das noch einmal mit den Schneckenweisheiten?

Wortwitz mit Widerhaken

So beschreibt Jürgen Helmut Keuchel eine dieser Weisheiten: „Einer Schnecke wohlgesinnt/fragte kurzerhand ein Kind/und völlig unbenommen/Wie willst Du vorwärts kommen?/Der Schneck ganz im Geheimen/wie die Menschen, durch Schleimen“. Er erzählt’s, während er genüsslich an einer Rosinenschnecke kaut.

Und auch weitere tierische Weisheiten werden geboten. Die Lust am Wortwitz mit Widerhaken kommt rüber bei einem Stück, bei dem sich Vögel (und Vögelinnen) unterschiedlicher Gattungen über die vielen Facetten des – nun ja – Vögelns unterhalten. Grandios sind die beiden Langballaden über die Abenteuer eines „Katars“ (also Katers), bei denen verballhornte Ländernamen aneinandergereiht werden. Leider sind auch diese beiden Gedichte irgendwann „AUStralien“ oder eben „AUStria“.

Keuchels lyrische Vorbilder Joachim Ringelnatz oder Christian Morgenstern lassen sich in solchen Passagen nicht verleugnen. Und ein wenig erinnern die Texte auch an den Berliner Liedermacher Funny van Dannen, wenn es beispielsweise um Liebeserklärungen an Haushaltsgegenstände oder Dinge wie ein Bett oder eine Zigarette geht. Das geht beispielsweise so: Was macht eine intellektuelle Kelle? Sie ist schöpferisch tätig.

Wenn Sie immer schon mal wissen wollten, welche schaurig-blutigen und ein wenig morbiden Folgen ein „Ehegattensplitting“ auch haben könnte, wenn die Axt im Haus den Zimmermann erspart, dann haben Sie bestimmt Spaß an Keuchels Programm.

Übersetzungshilfe

Ein Highlight ist auch nur leicht heimatselige lyrische Landeskunde aus Keuchels Heimat Mecklenburg-Vorpommern, bei der das Trio humortechnisch in die Vollen greift: Während der Chef voller Inbrunst im tiefsten mecklenburgischen (und für oberhessische Ohren sehr unverständlichen) Platt zwei Gedichte rezitiert, versucht Knop mit von ihm hochgehaltenen auf kleinen Schildern aufgemalten übersetzten Begriffen in deutscher Hochsprache Schritt zu halten.

„Old School“-Gedichteabend

Zu einem relativ großen Teil ist das Programm ein „Best of“ aus der 20-jährigen Programm-Geschichte der von Keuchel mitgegründeten „Marburger Lyrik-Kompanie“.

Doch durch die insgesamt etwas sparsamere musikalische Umrahmung kommt die Essenz der Texte besonders gut zum Tragen. Und in Zeiten von Corona-Ärger und Netflix-Dauerberieselung tut ein „Old School“-Gedichteabend wie anno dazumal dem gestressten Nervenkostüm auch einmal ganz gut, darin waren sich die Premierenbesucher einig.

Nach von einer halbstündigen Pause unterbrochenen fast zwei Stunden eines sehr vergnüglichen Abends erklatschte sich die coronabedingt erlaubte Höchstzahl von 36 Besuchern bei der ausverkauften Premiere natürlich noch die Zugaben der „drei Männer im Wohnzimmer“.

Von Manfred Hitzeroth

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