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Marburg Theater hinter dem Schaufenster
Marburg Theater hinter dem Schaufenster
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19:58 27.08.2020
Siggi Ulm (von links), Rolf Michenfelder, Charlotte Bösling, Katrin Hylla und Kristin Gerwien vom Marburger Theater neben dem Turm starten in einem leerstehenden Geschäft ihr neues Theaterprojekt. Quelle: privatfoto
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Marburg

Acht Tage, Abende und Nächte lang bespielt das Marburger Theater neben dem Turm von Freitag, 28. August, bis Samstag, 5. September, ein leerstehendes Geschäft in der Wettergasse 26. „Corona-Zeit ist Streaming-Zeit oder wie es in einem Artikel heißt: Die Virtuosen des Analogen stürzen sich ins Netz“ – so hat es der Marburger Theater-Poet Rolf Michenfelder auf dem Flyer zu seinem neuen Projekt „nearly close enough to kiss“ (fast nah genug für einen Kuss) formuliert.

Schauspieler, diese Virtuosen des Analogen, stürzen sich gezwungenermaßen ins Netz. Warum? Weil „unser Theaterraum uns plötzlich den Zugang verwehrt“, „weil die Luft, die wir dort atmen, zur Ansteckungsgefahr geworden ist“, heißt es dort weiter. Der Marburger Theatermacher und das Team um ihn herum können derzeit in ihrem 100-Plätze-Haus auf den Afföllerwiesen wegen Corona nicht spielen. Große Stücke vor maximal 10 Besuchern rechnen sich einfach nicht. Michenfelder hat nun – auch mithilfe eines Arbeitsstipendiums des Landes für freie Künstler – ein noch intimeres Projekt entwickelt.

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Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung verpflichtend

„Fast nah genug für einen Kuss“ spielen acht professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler in dem leerstehenden Geschäft für einen oder maximal zwei Besucherinnen und Besucher. Es gibt neun verschiedene Kurz-Stücke – alle etwa 15 bis 20 Minuten lang. Gespielt wird innen täglich von 17 bis 19 Uhr – natürlich unter den geltenden Corona-Hygieneregeln. Der Eintritt ist frei, man muss sich allerdings vorher anmelden.

Diese Performances sind nur ein Baustein des ungewöhnlichen und spannenden Projekts: Abends ab 19.30 oder 20 Uhr gibt es Stücke wie Rolf Michenfelders „Cry Baby Cry“, Konzerte wie Taikas „Survival Songs“ oder Performances wie Kristin Gerwiens „Schreien in angemessener Lautstärke“ und Burcak Konukmans „Erotic Tischtennis“ hinter dem Schaufensterglas. Nach draußen in die Wettergasse übertragen wird der Ton entweder per Lautsprecher oder mittels Kopfhörern. Am Samstag und am Donnerstag, 3. September, gibt es ab 22 Uhr zum Tagesausklang noch eine „Silent Disco“. Wer also tanzende Menschen mit Kopfhörern sieht, der weiß, dass ihnen die Musik von Burcak und Tosho gefällt.

Und wer will, kann ab 1. September täglich zwischen 12 und 15 Uhr in der Wettergasse 26 Katrin Hyllas „Büro für Ab- und Ansagen“ besuchen und vielleicht mal so richtig Dampf ablassen. „Bisher wurde uns Künstlern ja immer alles abgesagt“, meint Rolf Michenfelder. Jetzt schlagen die Künstler zurück. Die Texte werden gemeinsam besprochen und künstlerisch bearbeitet, die „Absagen“ dann um 16 Uhr lautstark unters Volk gebracht, erklärt Charlotte Bösling, beim TNT für Öffentlichkeitsarbeit und Organisation zuständig.

Die Nacht wiederum gehört den Verliebten: Charlotte Bösling präsentiert dann ihre Videoinstallation „close enough to kiss“. Es gibt Küsse, Küsse, Küsse – genauer: die Szene kurz vor oder nach einem Kuss. All das schenkt das Theater neben dem Turm den Marburgern. Denn nichts davon kostet Eintritt. „Manchmal muss man das einfach machen, etwas schenken“, sagt Michenfelder, der wie alle TNT-Mitarbeiter nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Vielleicht kommt ein Teil der Kosten durch Unterstützung der Stadt oder der Hessischen Kulturstiftung wieder herein. „Wir sind in Hoffnung“, sagt Michenfelder.

Für die 1:1- oder 1:2-Performances kann man sich täglich von 12 bis 14 Uhr unter der Telefonnummer 01 60 / 99 61 52 93 anmelden.

Von Uwe Badouin