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Marburg Und die Sirenen singen von Fast Food
Marburg Und die Sirenen singen von Fast Food
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19:59 11.06.2019
Die Theater-AG der Elisabethschule hat den Lite­raturepos „Die Odyssee“ zum modernen Theaterstück aufgepeppt. Quelle: Vladimir F. Ewert
Marburg

Bereits das Programmheft konfrontiert den Zuschauer der Premiere von „Die Odyssee“ nach Ad de Bont in der Waggonhalle mit einer eigentümlichen Bemerkung: „Helden sind nicht maskulin“, heißt es darin. Dies verblüfft, geht es in der Odyssee doch um die Heimreise des Odysseus, eines Kriegshelden, dem es gelang, die Stadt ­Troja einzunehmen. Augenblicklich wird klar, dass das Stück für Kriege und die durch sie hervorgebrachten Helden wenig übrig hat. Odysseus’ Heimreise wird zu einer Suche nach einer neuen Art von Heldentum. Und diese Reise führt die Besucher auf unterhaltsame und vor Ideen übersprudelnde Weise durch die Welt des antiken Griechenland. 

Ganze 28 Schülerinnen und Schüler der Elisabethschule kamen bei den drei Auftritten der Inszenierung der Theater-AG schauspielerisch zum Einsatz. Unter der Regie von Tobias Purtauf werden viele Figuren doppelt besetzt und dargestellt – dies macht das Stück sehr lebendig und selbst Monologe erwecken den Anschein eines Zwiegesprächs. Außerdem scheut man sich nicht vor skurrilen Ideen oder Albernheiten und ergeht sich in überschwänglicher Theatralik.

So wird eine Götterspeise zermatscht, um das Zerplatzen von Schädeln zu veranschaulichen, Göttervater Zeus gibt schlechte Witze zum besten, die Sirenen dröhnen Odysseus Werbebotschaften von McDonalds ins Ohr und die Freier von Pene­lope, der Frau Odysseus’, erweisen sich als Mafiosi. Oft geht es im Stück drunter und drüber und es erinnert einen doch sehr an moderne Superheldenfilme aus dem Marvel-Universum, vor allem an „Deadpool“.

Von modernen Popsongs untermalt klopfen die Figuren coole Sprüche, durchbrechen nicht selten die vierte Wand und wenden sich ans Publikum, aber vor ­allem nehmen sie sich nicht allzu ernst. Die wiederkehrende Selbstironie gibt dem Stück eine gewisse Leichtigkeit und lässt es in der Gegenwart ankommen.

Alleine der Schluss bekommt einen ernsten Anstrich, als die Frage nach dem Heldentum wieder ­aufgegriffen wird: Penelope überzeugt Odysseus, die Freier nicht abzuschlachten, obwohl sie sich in seinem Haus eingenistet haben. Kein Krieg, kein Gemetzel mehr. Penelope wird zur Heldin des Friedens. Nur Poseidon will sich nicht mit seinem Bruder Zeus versöhnen und streckt seinem Friedensangebot den Mittelfinger entgegen – das Publikum dankt’s und lacht vergnügt.

von Vladimir F. Ewert