Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Keiner will rein
Marburg Keiner will rein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 09.06.2021
Patrick Pfeiffer mit Glas in der Hand feiert sein Jura-Examen mit Freunden in der Außengastronomie auf dem Marburger Marktplatz.
Patrick Pfeiffer mit Glas in der Hand feiert sein Jura-Examen mit Freunden in der Außengastronomie auf dem Marburger Marktplatz. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Landkreis

Die Vögel zwitschern, es weht ein laues Lüftchen, das Essen schmeckt. Elke und Jan Hellmuth sitzen an einem Tisch im Außenbereich der Brasserie auf Hof Fleckenbühl und genießen ihren Kurzurlaub im Landkreis Marburg-Biedenkopf. „Wir mussten einfach mal daheim raus, und so ein Tagesausflug nach Marburg lohnt sich immer“, sagt das Ehepaar aus Kassel, das auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt einen Zwischenstopp eingelegt hat, um einen Salat mit Camembert und Preiselbeersoße zu essen.

Ganz zur Freude von Küchenchef Andreas Schwarzer. Seit dem 19. Mai haben Schwarzer und sein Team die Brasserie nach dem Corona-Lockdown wieder geöffnet. Mit der Entwicklung ist er zufrieden. „Während der Stufe 1 der Lockerungen waren die Gäste noch sehr verunsichert, da ging es eher schleppend los, aber seit Stufe 2 läuft es super und wir können uns nicht beklagen“, sagt Schwarzer zufrieden.

Zwar würde unter der Woche das Angebot von 8 bis 18 Uhr noch nicht so genutzt, dafür sei der Andrang an den Wochenenden richtig gut gewesen. Nur rein wolle so gut wie niemand, stellt der Küchenchef fest. Die allermeisten Gäste würden einen Platz im Außenbereich bevorzugen – und mit dieser Erkenntnis ist Schwarzer nicht allein.

So stellte am Dienstag der hessische Branchenverband des Gastgewerbes Dehoga fest, dass die bestehende Testpflicht für Innenräume der Lokale noch ein Hemmschuh für die Branche darstelle. In den vergangenen Tagen hatte der Branchenverband hessenweit rund 600 Hoteliers und Gastronomen aus allen Landkreisen und Städten zu ihrer aktuellen Lage befragt. Demnach sind mittlerweile wieder 82 Prozent der Hotels und Pensionen für touristische Übernachtungen geöffnet. Die Außengastronomie ist wieder zu 70 Prozent in Betrieb, ihre Innenräume hätten aber nur 50 Prozent der Lokale wieder geöffnet, die dies eigentlich dürften. Hier spiegelten sich die Probleme mit der Testpflicht, die viele Gäste vom Besuch abhalte, so die Dehoga-Hessen. Das kann Oliver-Peter Benz, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Marburg, nur bestätigen. „Die Menschen setzen sich lieber in der dicken Jacke nach draußen ins Kalte, als für drinnen einen Corona-Test zu machen“, sagt Benz, der zugleich auch noch Direktor des Welcome-Hotels in Marburg ist. Während die Gastronomie zumindest im Außenbereich anlaufe, sei die Lage im Hotelgewerbe noch schlecht.

„Die Buchungen im Landkreis sind schwach“, bedauert Benz. Viele Touristen wüssten manchmal gar nicht, was die aktuellen Regeln besagten, so Benz. Er führt dies auch auf die regionalen Unterschiede zurück. „In NRW zum Beispiel gibt es drei Lockerungsstufen, von der 1 die beste ist, bei uns in Hessen gibt es zwei Lockerungsstufen, von denen 2 die beste ist. Kein Wunder, dass die Leute da verwirrt sind“, sagt Benz. Er hofft, dass spätestens in den Sommerferien mehr Touristen nach Marburg kommen, allerdings bezweifle er, dass das „Boom-Niveau“ von 2019 zeitnah wieder erreicht werden wird. „Wir hoffen aber, dass wir zumindest so einen Sommer wie im vergangenen Jahr bekommen und es ein paar Übernachtungen gibt. Aber das wird maximal 50 Prozent von dem ausmachen, was wir sonst haben.“

Wie der hessische Dehoga-Chef Gerald Kink, so appelliert auch Benz für eine Aufhebung der Testpflicht für Innenräume. „Die Inzidenzen sind flächendeckend so niedrig, dass dies der nächste Schritt sein muss, um den gebeutelten Gastronomen entgegenzukommen“, betont der Hotelier.

Der Marburger Gastronom Bülent Turgut ist da vorsichtiger. „Wir brauchen eine Aufhebung der Testpflicht spätestens im Herbst, wenn die Impfquote ein gewisses Maß erreicht hat“, so Turgut, der zusammen mit Sahin Sahan das „Market“ und das „Siesta“ in der Oberstadt sowie das „Nero“ im Südviertel führt. Die beiden Gastronomen waren mit die ersten, die ihre Lokale nach dem Lockdown am 19. Mai wieder geöffnet hatten. Ihre Bilanz bisher fällt „überraschend positiv“ aus. „Die Leute haben im Testzentrum in der Oberstadt Schlange gestanden, damit sie dann die Außengastronomie nutzen durften“, erinnert sich Turgut an Lockerungsstufe 1. Seit für den Außenbereich keine Tests mehr notwendig sind, würden viele Fußgänger auch spontan im Außenbereich Platz nehmen.

So wie Patrick Pfeiffer, der an diesem Dienstagnachmittag mit seinen Freunden sein bestandenes Jura-Examen im Außenbereich des Market feiert. Klar, durch die Testpflicht für die Innengastronomie könne man sich nicht einfach mal spontan treffen, gibt der frischgebackene Jurist zu und betont aber, dass bei den steigenden Temperaturen die Außengastronomie ohnehin viel reizvoller sei. „Draußen ist doch bei dem Wetter eh viel schöner“, sagt er lachend.

An einem anderen Tisch sitzt Laura Koch mit einer Freundin. „Die Testpflicht hält uns nicht ab reinzugehen, aber draußen an der frischen Luft ist es einfach sicherer. Man sollte trotz Euphorie noch vorsichtig sein“, betont die Studentin und blickt sich um. In der Oberstadt herrscht geschäftiges Treiben, zahlreiche Menschen schlendern durch die Gassen. Fast wie früher.

Von Nadine Weigel