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Marburg Terra Tech hilft Überschwemmungsopfern
Marburg Terra Tech hilft Überschwemmungsopfern
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15:58 14.08.2019
Projektleiter Frank Beutell (links) und Geschäftsführer Andreas Schönemann mit einem Foto von Überschwemmungsopfern in einer mit den gelieferten Planen aufgebauten Notbehausung.  Quelle: Manfred Schubert
Marburg

Eine Million Menschen mussten ihre Häuser verlassen, etwa 200 Tote sind zu beklagen. Die extremen Regenfälle im Juli hatten verheerende Auswirkungen. Die Monsunregenzeit hat begonnen und weitere schwere Niederschläge sind zu befürchten.

Monsunregenzeit in Südasien, eigentlich ein jährlich wiederkehrendes Phänomen, mit dem die dort lebenden Menschen umzugehen gelernt haben, könnte man meinen. Aber: die Monsunregenfälle­ haben­ in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen, sind sehr viel stärker als früher ausgeprägt, sagt Frank Beutell. Das sei, als gäbe es bei uns jeden Tag ein „Monstergewitter“.

Beutell ist Leiter mehrerer Projekte von Terra Tech, unter anderem in Nepal, wo die in Marburg ansässige Hilfsorganisation seit acht Jahren tätig 
ist.

Das Anliegen von Terra Tech ist es, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten, Menschen in die Lage zu versetzen, aus eigener Kraft ihre Lebenssituation langfristig zu verbessern. Und das schon seit 1986 in mehr als 400 Projekten in 54 Ländern, jeweils in Zusammenarbeit mit zuverlässigen lokalen Partnern wie Nichtregierungsorganisationen (NGO), Selbsthilfegruppen, Gemeinden oder Krankenhäusern. „Denn die Menschen dort wissen am besten, was sie brauchen“, betonte Beutell.

Viele kleinere 
Projekte seit 2015

In Nepal arbeitet Terra Tech mit der ältesten dortigen NGO, der International Nepal Fellowship (INF) zusammen, die in den 1950er-Jahren im medizinischen Bereich ihre Tätigkeit aufnahm.

Nach dem großen Erdbeben von 2015 starteten viele kleinere Projekte auf Gemeindeebene, um die Dörfer, die in den hohen Bergen und steilen Tälern nach Erdbeben oder Erdrutschen oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten sind, besser auf solche Ereignisse vorzubereiten. „Eine Region von der Größe des Landkreises Marburg-Biedenkopf ist durch eine einzige Straße verbunden, ein Erdrutsch macht diese für drei Wochen unzugänglich“, verdeutlichte Beutell die Auswirkungen.

Im Katastrophenfall sollen die Betroffenen Hilfsmaßnahmen selbst organisiert und qualifiziert durchführen können. ­Neben vorbeugenden Maßnahmen wie Pflanzungen gegen Erdrutsche und baulichen Verbesserungen, um Häuser erdbeben- oder überflutungssicherer zu machen, geht es also um die Schulung der Bevölkerung für den Notfall.

Die Rettung von Menschen und das Leisten von Erster Hilfe, das Verhalten bei und Bekämpfen von Bränden und das Verteilen von Hilfsgütern aus für Katastrophen in den Gemeinden angelegten Notfalllagern gehört dazu. Der Zivilschutz sei nur schwach ausgebildet, Feuerwehren gebe es nur in größeren Städten, vieles mache die Armee.

Was in Deutschland staatlich organisiert sei, müsse in Nepal die ­Zivilgesellschaft auffangen. „Wir haben eineinhalb Jahre lang verschiedene Dinge ausprobiert, dann Ende 2017 mit den Schulungen und dem Aufbau der kleinen Notfalllager begonnen. Ende 2018 haben wir ein großes Notfalllager in Pokhara eingerichtet“, sagt Beutell.

Das habe sich nun bewährt, als es zu den Überschwemmungen kam. „Wir wurden gebeten, im Distrikt Rautahat in der Landgemeinde Durga Bhagwati ­eine mobile Gesundheitsstation einzurichten und Menschen zu helfen, die ihre Wohnung verloren hatten.“ Wie deren Häuser sei auch die staatliche Gesundheitsstation weggeschwemmt worden, sagt er.

18 Stunden 
für 250 Kilometer

Die Anfahrt sei schwierig ­gewesen, 18 Stunden dauerte es, die 250 Kilometer zurückzulegen. „Da wir lokal mit unserem Partner INF gut aufgestellt sind, waren wir die Ersten, die vor Ort Nothilfe leisten konnten“, so Beutell. Nepal habe nur einen internationalen Flughafen mit einer Landebahn, entsprechend schwierig sei es, Hilfe von außerhalb zu bringen.

In der mobilen Gesundheitsstation seien 777 Patienten behandelt worden, beispielsweise offene ­Wunden, kleinere Brüche oder gegen Durchfall. Im ­Durchschnitt habe eine Behandlung fünf Euro gekostet. Um obdachlos gewordene Menschen aus dem Regen zu bekommen, wurden etwa 300 so genannte Shelter Kits (Schutzausrüstungen) ausgegeben, die Zeltplanen, Isomatten, Decken, Seile zum Abspannen und Werkzeuge zum Bau einer Notunterkunft enthielten. 25 Euro koste eine solche Ausrüstung.

10.000 bis 12.000 Euro habe der Hilfseinsatz etwa gekostet. Nun sei es wichtig, die Materiallager wieder aufzufüllen und zu erweitern. Außerdem müsse der Notfallfonds aufgestockt werden. Denn die Monsunregenzeit hat erst begonnen, weitere schwere Regenfälle seien zu befürchten.

Zum Teil könne man die Kosten aus Zuschüssen decken, aber vor allem sei man auf Spenden angewiesen – auch für weitere geplante Projekte zur Verbesserung des ­Katastrophenschutzes in Nepal. Mit dem Wiederaufbau der zerstörten Häuser könne man erst nach Ende der ­Regenzeit im ­Oktober beginnen, schon ­Transporte der Materialien ­seien im Moment kaum möglich.

von Manfred Schubert