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Marburg Die positive Macht der Worte
Marburg Die positive Macht der Worte
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18:00 28.12.2020
Eine ehrenamtliche Telefonseelsorgerin im Einsatz.
Eine ehrenamtliche Telefonseelsorgerin im Einsatz. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
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Marburg

Sie hören erst einmal zu, sie fragen nicht nach dem Namen, sie tratschen nicht: Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge sind für Menschen da, die in Lebenskrisen sind oder einfach jemanden zum Reden brauchen. Und zwar rund um die Uhr und anonym. „Manchmal meldet sich der Anrufer mit Namen, das muss er aber nicht“, erklärt Harald Henkel, Vorsitzender des Trägervereins Telefonseelsorge Marburg. „Wir melden uns immer nur mit ’Telefonseelsorge’.“ Und dann darf der Anrufer sein Herz ausschütten. Es geht um alles, was Menschen beschäftigt und belastet: Um Beziehungen, um die Ausbildung, um Krankheit, um den Umgang mit dem Tod.

„Natürlich spielt jetzt auch die Pandemie eine Rolle“, berichtet Henkel, der selbst als Telefonseelsorger tätig ist. „Es rufen jetzt viele Menschen an, weil sie allein sind. Einsamkeit ist immer ein großes Thema. Es gibt Menschen, die regelmäßig anrufen, weil wir ihre einzigen Ansprechpartner sind.“ Und auch Gespräche über Suizidgedanken haben durch die Pandemie zugenommen, haben die Telefonseelsorger festgestellt. 30 bis 40 Anrufe erreichen die Marburger Telefonseelsorge pro Tag – wobei viele Anrufer berichten, dass sie es mehrfach versuchen mussten, bis sie durchgekommen sind. In der Pandemie habe die Zahl der Anrufe noch zugenommen. „Manche Gespräche sind nach fünf Minuten beendet, andere dauern eineinhalb Stunden“, sagt Henkel.

Telefonseelsorger haben selbst Erfahrung mit Krisen

So unterschiedlich wie die Gespräche seien auch die Anrufer selbst: Menschen aus allen sozialen Schichten, Teenager und Senioren – wobei das letzte Lebensdrittel etwas stärker vertreten sei.

Etwa 35 ehrenamtliche Mitarbeiter sind derzeit bei der Marburger Telefonseelsorge aktiv. Es sind Menschen mit Lebenserfahrung, die selbst Krisen durchgemacht haben. „Ich habe für den Ruhestand nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht und sie in der Telefonseelsorge für mich gefunden“, erzählt Henkel über sich. „Es ist eine unglaublich wertvolle, berührende und wichtige Aufgabe.“ Das Wichtigste, was die Ehrenamtlichen in ihrer einjährigen Ausbildung lernen: Wie hört man richtig zu? Aber auch: Wie fragt man, wie geht man mit Krankheiten, mit Suizidabsichten um? „Erst einmal verstehen, dem Menschen zuhören, das ist die oberste Aufgabe“, erklärt Henkel.

So hilft die Telefonseelsorge

Unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 0800 111 0 111 erreichen Anrufer die Telefonseelsorge – kostenlos und rund um die Uhr. Anrufe aus der Region um Marburg werden automatisch an die Marburger Telefonseelsorge weitergeleitet, soweit hier Ansprechpartner verfügbar sind. Da es deutlich mehr Anrufe als Ansprechpartner gibt, müssen Anrufer manchmal mehrmals anwählen, bis sie durchkommen. Die Anrufe sind anonymisiert, der Anrufer muss seinen Namen nicht nennen.

Bundesweit bietet die Telefonseelsorge auch eine Beratung per Chat und E-Mail an. Die Marburger Telefonseelsorge will im nächsten Jahr mit einer Chat-Beratung beginnen.

Wie reagiert ein Telefonseelsorger, wenn jemand erzählt, dass er sich das Leben nehmen will? „Es ist nicht so, dass jeder sich unmittelbar das Leben nimmt, der sagt, dass er darüber nachdenkt“, so Henkel. Wenn jemand fest dazu entschlossen sei, könnten es die Telefonseelsorger im Ernstfall auch nicht verhindern, zumal Anrufer anonym sind. „Aber es gelingt in manchen Gesprächen, wieder auf die Habenseite zu kommen – also nicht nur die Probleme zu sehen, sondern auch die Möglichkeiten“, sagt Henkel. Dabei seien die Telefonseelsorger aber nicht diejenigen, die Lösungen vorschlagen: „Wir helfen den Anrufern, ihre eigenen Lösungen zu finden.“

Der Glaube spielt nicht immer eine Rolle

Dass die Telefonseelsorge ein Angebot der evangelischen und katholischen Kirche ist, spielt in den Gesprächen nicht immer eine Rolle. „Manche Anrufer haben einen Bezug zur Kirche und zum Glauben, genauso viele überhaupt nicht“, sagt Henkel. „Wir verstehen uns auch nicht als Missionsstation, dass wir die Leute zu irgendetwas zwingen wollen – wir sind ein Hilfsangebot. Aber weil wir uns als christliches Hilfsangebot verstehen, machen wir den Glauben auch manchmal zum Thema. Zum Beispiel, indem wir jemandem anbieten, mit ihm zu beten.“ Manche Anrufer verlangten dies auch selbst. „Und das sind Momente, wo etwas Besonderes passiert.“

Als ehrenamtlicher Telefonseelsorger stelle er immer wieder fest, welche Möglichkeiten ein Gespräch biete, wenn es positiv verlaufe, sagt Henkel. „Es ist unglaublich, welche Macht die Worte haben – in diesem Fall im positiven Sinne.“

Ehrenamtliche Helfer gesucht

Die Telefonseelsorge sucht ständig neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wer sich bei der Telefonseelsorge bewirbt, wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und nach dem eigenen Werdegang und der persönlichen Motivation gefragt. Die ausgewählten Bewerber werden ein Jahr lang von einer Psychologin und einem Theologen ausgebildet. Später gibt es auch Weiterbildungen und die Möglichkeit, mit einer Psychologin schwierige Gespräche Revue passieren zu lassen und so dazuzulernen. Die ehrenamtlichen Telefonseelsorger erhalten einen Kostenbeitrag für die Anfahrt, aber keine Aufwandsentschädigung für die geleistete Arbeitszeit.

Der 1976 gegründete Trägerverein „Telefonseelsorge Marburg e.V.“ wird zum einen von der evangelischen und katholischen Kirche finanziert, zum anderen durch Spenden. Wer ehrenamtlicher Telefonseelsorger werden möchte, kann sich an die Leiterin der Telefonseelsorge, Doris Möser-Schmidt, wenden. Weitere Informationen unter www.telefonseelsorge-marburg.de.

von Stefan Dietrich

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