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Marburg „Telefonseelsorge, guten Tag“
Marburg „Telefonseelsorge, guten Tag“
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21:39 19.10.2020
Doris Möser-Schmidt ist die neue Geschäftsführerin der Telefonseelsorge in Marburg. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Telefonseelsorge, guten Tag.“ Kein Name, kein Ort, keine Fragen. Wer in Deutschland die kostenlose Nummer 0800/111 0 111 anruft, findet immer Gehör und das völlig anonym. „Es gibt kein niedrigschwelligeres Angebot, um seine Sorgen und Nöte mitzuteilen“, weiß Doris Möser-Schmidt. Sie ist seit März Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Marburg, „und dann kamen gleich die größten gesellschaftlichen Turbulenzen“, erinnert sie sich.

30 Prozent mehr Anrufe gab es zu Beginn des Lockdowns. Das sagt die Statistik. „Das hat sich aber im weiteren Verlauf wieder normalisiert. Auch ist das Thema ,Corona’ nicht mehr besonders wichtig. Manche Gespräche beginnen zwar als Aufhänger damit, aber dann sind es doch andere Fragen, weshalb angerufen wird.“ Vor allem familiäre Themen bewegen die Anrufer: Konflikte mit der Partnerin oder dem Partner, Meinungsverschiedenheiten mit den Schwiegereltern, sexuelle Probleme oder auch Stress am Arbeitsplatz. „Man kann sagen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen der Hauptgrund vieler Anrufe sind“, weiß Doris Möser-Schmidt, die davon berichtet, dass manche Männer die Telefonseelsorge auch für ihre sexuellen Phantasien missbrauchen. „Das ist schon die Ausnahme, ist aber für die ehrenamtlichen Seelsorger trotzdem nicht schön.“

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6000 Anrufe täglich in Marburg

Bis zu 6000 Anrufe erreichen die Telefonseelsorge Marburg täglich. Sie betreut den Landkreis sowie die Regionen um Frankenberg und Homberg/Ohm. „Wenn bei uns besetzt ist, dann werden die Anrufer automatisch mit einem anderen Ort, beispielsweise Gießen, verbunden“, erklärt die Geschäftsführerin. Die Telekom stellt die technische Infrastruktur, übernimmt das Routing und auch die Gebühren. Denn die Nummer der Telefonseelsorge ist für alle kostenfrei. Tagsüber ist am meisten los, vor allem in der Zeit von 18 bis 23 Uhr. Insgesamt 35 Ehrenamtler aus Marburg und Umgebung decken den Vier-Schicht-Betrieb an sieben Tagen in der Woche ab. Unterstützung erhalten sie dabei auch aus den Nachbarlandkreisen.

„Wir können und dürfen keine Telefonnummern nachverfolgen und wir nehmen auch von uns aus keinen Kontakt auf“

„Wir sind immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die seelsorgerisch tätig sein wollen“, sagt Doris Möser-Schmidt und verweist auf den neuen Kurs im Januar. Sie selbst sitzt auch manchmal am Telefon. Als Psychologin und Psychotherapeutin war die reduzierte Kommunikation in völliger Anonymität auch eine Umstellung für sie. „Meinen therapeutischen Hilfekoffer lasse ich dann zu. Denn es geht nicht darum, eine Anamnese vorzunehmen, sondern darum, aktiv zuzuhören. Den Anrufenden in Wertschätzung und Respekt zu begegnen, braucht eine große Bereitschaft, mich darauf einzulassen.“ Denn Hilfe ist vielfältig: Zeit nehmen, zuhören, emotional präsent zu sein. Aber auch auf Phrasen und Ratschläge zu verzichten. „In großer emotionaler Not braucht niemand einen Klugscheißer“, bringt sie es auf den Punkt. Ebenso müssen auch die Ehrenamtlichen akzeptieren, dass sie und auch der Anrufer völlig anonym bleiben, dass jederzeit von der anderen Seite aufgelegt werden kann und eine eigenmächtige Kontaktaufnahme unmöglich ist. Gerade deswegen ärgert sich die Geschäftsführerin, dass die Telefonseelsorge kürzlich im Fernsehen im Film „Anna und ihr Untermieter“ grob falsch dargestellt wurde. „Wir können und dürfen keine Telefonnummern nach verfolgen und wir nehmen auch von uns aus keinen Kontakt auf“, stellt sie noch einmal klar.

Mehr Frauen als Männer rufen an

Neben dem Telefonat kann auch per Chat oder per E-Mail mit der Telefonseelsorge Kontakt aufgenommen werden. Denn gerade den Jugendlichen fällt es leichter zu schreiben, als zu telefonieren. Auch rufen mehr Frauen als Männer an, manche sogar täglich, „weil die Telefonseelsorge für einige der einzige verlässliche Gesprächspartner ist“, hat Doris Möser-Schmidt festgestellt und weiß, „dass die Einsamkeit dabei ein großes Thema ist. Es gibt immer mehr Single-Haushalte und niemand will seinen Freunden zur Last fallen. Kinder und Jugendliche finden oft Zuhause keinen Ansprechpartner.“ Für die 59-Jährige ist die Telefonseelsorge der „moderne Beichtstuhl, der Hilfe auf Augenhöhe gibt“.

Von Katja Peters

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