Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein Schockanruf und was danach passierte
Marburg Ein Schockanruf und was danach passierte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:55 27.04.2022
Eine ältere Frau telefoniert mit einem schnurlosen Festnetztelefon. Immer wieder werden Seniorinnen und Senioren durch den so genannten Enkeltrick oder Schockanruf um ihr Erspartes gebracht.
Eine ältere Frau telefoniert mit einem schnurlosen Festnetztelefon. Immer wieder werden Seniorinnen und Senioren durch den so genannten Enkeltrick oder Schockanruf um ihr Erspartes gebracht. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
Anzeige
Marburg

Das Telefon klingelt, die Seniorin hebt unbedarft ab, nicht darauf vorbereitet, dass ihr die fremde Anruferin Schreckliches berichtet. Eine ihrer Töchter hatte einen schlimmen Autounfall, ein Mensch ist gestorben, das eigene Kind soll daran Schuld sein. Das berichtet am Telefon angeblich eine Staatsanwältin, die mit dem „Fall“ betraut ist.

Die Tochter sitzt nun hinter Gittern, auf freiem Fuß könne sie nur kommen, wenn die Mutter sofort eine Kaution hinterlässt. Die 86-Jährige steht erst einmal unter Schock, lässt sich in Sorge um ihr Kind auf das Gespräch ein. Das geht über Stunden so weiter, die „Staatsanwältin“ hält sie am Hörer, ihr Opfer bei der Stange. Irgendwann löst sich die Seniorin aus der Schockstarre, hinterfragt die Geschichte, denn sie kennt die Warnungen der Polizei vor den dreisten Maschen der Telefonbetrüger.

Familie warnt davor, sich in Sicherheit zu wiegen

Also beendet sie zwischendurch das Gespräch, wird wieder angerufen, bedrängt und in die Geschichte hineingezogen. Sie stellt Rückfragen, etwa nach Namen – die Anruferin hat immer passende Antworten, kennt selbst den Namen des Lebensgefährten der Tochter. Irgendwann überzeugt sie die Mutter.

Mehr zum Thema

Die Zahlen der Polizei zeigen: Die Seniorin ist nicht allein. Im Jahr 2020 wurden im Landkreis mit einem Anruf 350.000 Euro ergaunert. Weitere Zahlen, Grafiken und Tipps, wie man sich gegen Betrug schützen kann, gibt es hier: Die Summen werden größer

Also steigt sie in das von der „Staatsanwältin“ bestellte Taxi, fährt zur Hauptfiliale ihrer Bank und hebt 40 000 Euro von ihrem Konto ab. Ihr gesamtes Erspartes. Zuvor wurde sie instruiert, den Bankmitarbeitern nicht zu sagen, wofür das Geld gedacht ist, sondern vom „privaten Gebrauch“ zu sprechen.

Dann kommt ein Bote, als sie seinen Ausweis sehen will, gibt er ihr ein Handy – dieselbe Frau ist auch hier am Apparat und bestätigt die „Identität“. Die Seniorin übergibt das Geld schließlich, das die Familie nie wieder sieht.

Die drei Töchter, deren Namen der Redaktion bekannt sind, berichten anonym über den Betrugsfall, der sie bis heute tief erschüttert. Sie wollen nach Absprach mit der Mutter die Sache gezielt öffentlich machen, sich nicht verstecken, sondern andere warnen, aufzeigen, dass ein Betrug auch bei aller Vorbereitung noch immer gelingen kann. Alle nehmen die Warnungen der Polizei ernst, auch die Mutter, die sich nun Vorwürfe macht, darauf hereingefallen zu sein.

Das perfide an der Masche ist der emotionale Ausnahmezustand, in den die Betrüger ihre Opfer gezielt versetzen. „Unsere Mutter ist sehr klar im Kopf und hat vieles beachtet – das Problem war dieser Schockzustand, sie wurde manipuliert und konnte nicht mehr klar denken“, berichtet eine der Töchter.

Alle Aufklärung und Tipps, wie man sich in einem solchen Fall verhält, hätten nicht geholfen, die Angst um das eigene Kind alle Vorsicht überschattet. Die Familie warnt davor, sich rein auf ein einzelnes klärendes Gespräch mit den Verwandten rund um Betrugsmaschen zu beschränken, „so schlimm es auch ist, aber man darf sich nicht in Sicherheit wiegen, man muss dran bleiben und das immer einkalkulieren“. Die Töchter haben Konsequenzen gezogen und überlegt, wie man sich schützen kann: Etwa sprechen sie gezielt im Bekanntenkreis und mit Bankmitarbeitern darüber, haben auch das Sparbuch im Schließfach deponiert. Außerdem wurde die Telefonnummer der Mutter geändert – gerade die alten, kurzen Festnetznummern nutzen die Betrüger – sie steht auch nicht mehr im Telefonbuch.

An ihrem Telefon hängt nun ein Schild zur Erinnerung: „Vorsicht Betrüger – es gibt keine Geldgeschäfte am Telefon! Hörer auflegen“.

Kaution in Deutschland

Im beschriebenen Schockanruf-Fall will die verzweifelte Seniorin ihr Kind vermeintlich aus der Untersuchungshaft holen, sie gegen die Zahlung einer Kaution frei bekommen. Ein solcher Fall, bei dem eine Staatsanwältin bei der Mutter der angeblichen Angeklagten anruft, ist ausgeschlossen. Denn: Zwar kennt auch die deutsche Strafprozessordnung die „Leistung einer angemessenen Sicherheit“ (StPO, Paragraf 116), um den Vollzug eines Haftbefehls auszusetzen. Nur wird dieses System der Sicherheitsleistung hierzulande bei Weitem nicht in der Form angewendet, wie man es aus amerikanischen Krimis kennt. „Das Gesetz sieht das zwar vor, aber es ist nicht Standard wie zum Beispiel in den USA“, bestätigt Timo Ide, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Marburg.

Und selbst wenn eine Richterin oder ein Richter im Sinne der Haftprüfung einer Kaution zustimmt, dann ruft weder die Staatsanwaltschaft, noch die Polizei noch das Gericht bei Beschuldigten oder bei den Verwandten an, betont Staatsanwalt Ide.

Von Ina Tannert