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Marburg Mehr Impulse für mehr Teilhabe
Marburg Mehr Impulse für mehr Teilhabe
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18:24 19.07.2020
Blinde und sehbehinderte Menschen sind laut Teilhabebericht in Marburg relativ zufrieden. Das Archivfoto zeigt Mirien Carvalho Rodrigues beim Einkauf im Rewe am Richtsberg mit Hund Unar und Savo Ivanic. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Mein Traum ist es, dass man sich ergänzt und man nicht sagt: Das ist der Behinderte und das der Normale. Man sollte immer den Menschen hinter der Behinderung sehen“. So lautet ein Zitat aus der Befragung, die für den zweiten Teilhabebericht der Stadt Marburg vom Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität durchgeführt wurde.

Der Teilhabebericht 2020 baut auf dem ersten Bericht aus dem Jahr 2015 auf, in dem erstmalig das breite Angebotsspektrum für Menschen mit Behinderungen in Marburg dargestellt wurde. Diese erste Bestandsaufnahme zeigte Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen, Teilhabemöglichkeiten sowie Barrieren, Bedarfe und Verbesserungspotenziale auf. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen folgte 2017 ein Aktionsplan, der Ziele zur Stärkung der Teilhabe und konkrete Maßnahmen festlegte. Er wurde von 2017 bis 2019 umgesetzt. Aufbauend auf dem ersten Bericht wurde nun der zweite Teilhabebericht erarbeitet, der die Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre einbezieht und wesentlich breiter gefasst ist. So wurden erstmalig auch Beeinträchtigungen wie chronische Erkrankungen und Hörbeeinträchtigungen betrachtet.

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Ziel der Befragung war es, Grenzen und Möglichkeiten der Teilhabe in Marburg auszuloten. Schnell wurde klar, dass es den Befragten im Wesentlichen darum geht, „auf allen Ebenen ernst genommen zu werden, Gleichberechtigung zu erfahren und bei allem dabei sein zu können.“ So steht es im Teilhabebericht. Dabei fällt das Fazit der Sehbehinderten und Blinden für die Universitätsstadt gar nicht schlecht aus. Ein Befragter sagte: „Als Sehbehinderter ist es in Marburg vorteilhafter als in anderen Städten.“ Ein anderer sah es ähnlich, äußerte aber auch Kritik: „Ich empfinde Marburg als einen gewissen Schonraum für blinde Menschen. Das ist einerseits ganz schön und angenehm, andererseits wird man sozusagen als Subkultur angesehen und dementsprechend behandelt.“

Es fehlen Rollstuhlrampen und ein besseres Miteinander

Neben der klemmenden Rollstuhlrampe im Stadtbus, fehlender Barrierefreiheit an der Bushaltestelle Hans-Meerwein-Straße und fehlender freier Platzwahl für Rollstuhlfahrer in den unterschiedlichsten städtischen Einrichtungen wurden auch Appelle an ein besseres gesellschaftliches Miteinander formuliert: „Die Vorurteile gegenüber Menschen, die aufgrund von Krankheit nicht arbeiten können, müssen abgebaut werden“, sagte jemand in der Befragung. „Ich fände es auch toll, wenn sich Menschen öfter in Menschen mit Behinderungen hineinversetzen würden“, wird im Bericht zitiert. Weitere Themen waren mehr barrierefreier Wohnraum und mehr Einbeziehung von Menschen mit Behinderung wenn es um ihre Belange in der Stadt geht.

Die Studierenden stellten fest, dass die Befragung „signalisiert, dass eine Notwendigkeit besteht, Menschen mit Beeinträchtigungen in Marburg Gehör zu schenken“. Und auch, „dass sich Bedarfe je nach Beeinträchtigung sehr unterschiedlich und manchmal gegensätzlich verhalten.“ Als Beispiel wurde eine Veranstaltung genannt, auf der es ausschließlich Stehtische gibt. Da wäre eine Teilhabe von Rollstuhlfahrern auf Augenhöhe im wahrsten Sinne nicht möglich. Andererseits wäre eine ausschließliche Bestuhlung problematisch für Menschen mit beispielsweise Fibromyalgie oder Rückenproblemen. Ein weiteres Beispiel für Barrierefreiheit war, dass Menschen mit einer Tumorerkrankung Karten fürs Theater oder Kino kurzfristig umtauschen könnten.

Fazit: richtungsweisend und impulsgebend

Fazit: „Teilhabe und Barrierefreiheit für möglichst viele Menschen kann also am ehesten durch möglichst vielfältige Maßnahmen hergestellt werden: zwingend erforderlich ist es, dass Bedarfe bekannt sind“, heißt es im zweiten Teilhabebericht. Weitere Evaluationen zum Thema werden ebenso angeraten wie „Menschen mit unsichtbaren oder nicht wahrnehmbaren Erkrankungen gezielt anzusprechen und mit ihnen in den Austausch zu kommen, was Teilhabe und Barrierefreiheit für sie bedeuten kann.“ Und es wurde sogar schon ein Vorschlag formuliert, wie das stattfinden könnte: „Ein erster Ansatz wäre zum Beispiel ein Workshop ,Unsichtbare Krankheiten’ im Rahmen der Bürgerbeteiligung der Stadt Marburg.“

Alle Beteiligten haben durch ihr Wissen, ihre Erfahrungsberichte und Interviews dazu beigetragen, einen besseren Einblick in die aktuellen Strukturen der Universitätsstadt zu erhalten und Verbesserungsideen zu gewinnen. „Der Teilhabebericht 2020 ist richtungweisend und impulsgebend für weitere Entwicklungen in unserer Stadt“, betonte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Er ergänzte noch: „In der Universitätsstadt Marburg ist uns die gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger ein sehr wichtiges Anliegen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns immer wieder klar machen: Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.“ Genau das soll mit der zukünftigen kommunalen Teilhabeplanung immer weiter abgebaut werden.

Statistik

Im Jahr 2018 lebten in Marburg insgesamt 12 990 Menschen, die eine Behinderung haben. Das waren fast 17 Prozent aller Einwohner der Universitätsstadt. 4 080 waren leicht, 8 910 Menschen waren schwerbehindert. Für einen Überblick über diesen Personenkreis wurde der Stadtverwaltung damals eine Sonderauswertung vom Regierungspräsidium Gießen zur Verfügung gestellt. Von den knapp 13 000 Menschen waren 3 036 männlich und 6 954 weiblich (53,5 Prozent). Rund die Hälfte aller Menschen mit Behinderung in Marburg waren damals 65 Jahre alt. Bei den Schwerbehinderten (Grad der Behinderung 50 und mehr) waren es sogar 52 Prozent.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf waren Ende 2018 insgesamt 25 945 Personen mit einer schweren Behinderung amtlich registriert. Die entspricht 10,5 Prozent der Einwohner im Landkreis, wobei der Anteil der Frauen mit einer Schwerbehinderung bei 48,2 Prozent lag.

In Hessen hatte 2018 jede zehnte Person einen Schwerbehindertenausweis. Das entspricht 633 000 Einwohner und ein Anstieg von 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Frauenanteil lag bei 49 Prozent.

Deutschlandweit waren Ende 2017 rund 7,8 Millionen Menschen anerkannt schwerbehindert, was einen Bevölkerungsanteil von rund 9,4 Prozent entspricht.

Quelle: Zweiter Teilhabebericht der Universitätsstadt Marburg 2020

von Katja Peters