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Marburg Debatte mit Sprengkraft
Marburg Debatte mit Sprengkraft
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12:00 27.04.2022
Vier Zweier-Teams waren ins Finale beim Debattenturnier gekommen und debattierten dort aufgeteilt in Regierung (linke Seite) und Opposition.
Vier Zweier-Teams waren ins Finale beim Debattenturnier gekommen und debattierten dort aufgeteilt in Regierung (linke Seite) und Opposition. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Debattieren als Sportart: Gehört die Auseinandersetzung mit Worten nicht eher an den Stammtisch im Wirtshaus oder in das akademische Reservat an den Hochschulen? Marion Seiche vom Frankfurter Debattierclub „Goethes Faust“ sieht das auf jeden Fall nicht so. „Es findet viel Bewegung in den Köpfen statt“, argumentierte sie. Für alle Newcomer des Debattiersportes erläuterte sie am Sonntag vor dem Finale der westdeutschen Regionalmeisterschaft in Marburg als Moderatorin des Nachmittags die Besonderheiten und das Regelwerk des Rede-Sports, der in Deutschland vereinsmäßig vorwiegend von Studierenden ausgeübt wurde.

Rund 150 Zuhörer hatten sich im Saal der neuen Uni-Bibliothek eingefunden. Dass Marburg in diesem Jahr zum Austragungsort für einen der drei bundesweiten Regionalentscheide gekürt wurde, machte aus Sicht von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) übrigens durchaus einigen Sinn. Der Kommunalpolitiker, der auch Schirmherr der Veranstaltung war, erinnerte daran, dass in Marburg bereits seit dem Marburger Religionsgespräch im Jahr 1529 Streit weniger mit Schwertern und vor allem mit Worten ausgetragen werde. „Die Menschen in dieser Stadt diskutieren zu allen Themen mit großer Liebe und Leidenschaft“, erläuterte Spies.

Die besten vier von 20 Teams

Und dann zogen die „Matadoren“ ein: Es waren die besten vier von 20 Teams, die sich in einem Redewettstreit am Samstag sowie am Sonntagvormittag für das Finale qualifiziert haben. Diskutiert wurde dann in einem speziellen Wettkampf-Format, der sich nach vorgegebenem Muster an den Debatten im britischen Unterhaus orientiert. Es gab insgesamt acht Reden. Auf der linken Seite saßen die vier Vertreter der „Regierung“, bestehend aus jeweils zwei Mitgliedern der Teams aus Würzburg und Aachen. Rechts neben dem Rednerpult war die „Opposition“ platziert, der zwei Mitglieder des Münsteraner Debattierclubs und zwei Redner vom Debattierclub Hansenberg angehörten.

Das Finalthema lautete: „Dieses Haus bevorzugt eine Welt ohne Atomwaffen“. Während die „Regierungs“-Vertreter für eine atomwaffenfreie Welt plädieren mussten, war den Opponenten das Plädoyer für eine Welt mit Atomwaffen zugelost worden. Die verschärfte Bedingung: Alle Redner hatten nur eine Viertelstunde Zeit, sich auf ihr Thema vorzubereiten. Dann hatte jeder sieben Minuten Zeit für seinen Redebeitrag.

Debattierturniere

Die westdeutsche Regionalmeisterschaft fand am Sonntag in Marburg parallel zu zwei weiteren Regionalentscheiden statt. Am Wochenende wurden auch die süddeutsche Meisterschaft in Heidelberg sowie die norddeutsche Meisterschaft in Potsdam ausgetragen. Die Sieger haben sich für den Saisonabschluss, die deutschsprachige Debattiermeisterschaft in Wien, qualifiziert.

Ausgerichtet wurde der Regionalentscheid in der Uni-Bibliothek vom Brüder Grimm Debattierclub Marburg. Den Club gibt es bereits seit 2002 und seit 2012 ist er als Verein eingetragen. Gemeinsam debattiert wird jeweils in der Vorlesungszeit immer montags von 19 Uhr bis 22 Uhr im Uni-Hörsaalgebäude, Biegenstraße 14, im Raum +2/0100. Zudem gibt es donnerstags ein Digitalformat. Information: www.debattierclub-marburg.de

Die „Premierministerin“, Rebecca Hainich vom DC Würzburg, hatte das erste Wort und machte gleich deutlich: Wenn Atomwaffen eingesetzt werden, kann niemand gewinnen“. Zudem hätten andere Waffen nicht annähernd dieselbe konzentrierte Zerstörungskraft wie die Atomwaffen. Doch man kann das Ganze auch anders sehen, wie es Paul Schmitz als erster „Oppositions“-Redner machte. „Wir hatten seit Jahrzehnten keinen großen Krieg, und zwar wegen Atomwaffen“, hielt er entgegen. Das beruhe vor allem auf der Abschreckungslogik von Atomwaffen. Denn in dem Szenario eines Atomkriegs mit Erstschlag und Gegenschlag könne es einfach keine Gewinner geben und dessen seien sich sogar Diktatoren bewusst.

Schlagabtausch pro und contra

Schlag auf Schlag folgten weitere Argumente pro und contra Atomwaffen, in denen auch immer wieder Bezug genommen wurde auf den aktuellen Ukraine-Krieg, in dem die Atommacht Russland einer der Kriegsteilnehmer ist.

Ein Befürworter einer Welt ohne Atomwaffen meinte, dass das beste Mittel zur Friedenserhaltung anstelle der Nuklearwaffen die Diplomatie sei. Einer der Gegenredner wiederum wies darauf hin, dass es so hohe Sicherungshürden gebe, bis eine Atomwaffe gezündet werde, dass dieses so gut wie ausgeschlossen sei. Das Risiko, dass die Welt in einem Atomkrieg untergehe, sei also sehr viel geringer, als dass andere Faktoren wie Umwelt- oder Gesundheitskatastrophen dafür verantwortlich seien. Im Laufe der Debatte stießen die Redner zum Kern des Themas vor. Das ungeheure Vernichtungspotenzial der atomaren Waffen für die ganze Welt war den Vertretern beider Seiten ersichtlich. Die Frage lautete nur: Wie glaubhaft können Atommächte damit drohen, dass sie diese auch wirklich einsetzen?

Beim Debattierfinale war es nicht das Ziel, die Gegenseite oder das Publikum zu überzeugen. Letztlich kam es auch darauf an, einerseits inhaltlich schlüssige Argumente auszuführen, aber anderseits war auch wichtig, souverän und schlagfertig auf die erlaubten Zwischenfragen der Gegenseite zu reagieren.

Als Team gewann der Club aus Münster mit Paul Schmitz und Lukas Hambüchen. Ben Michel (Internatsschule Hansenberg) erhielt den Preis für die beste Rede. Die Ehrenjury bestand aus OB Spies, Ileri Meier (Geschäftsführerin der Hitzeroth Druck +Medien GmbH) sowie Uni-Vizepräsidentin Professorin Evelyn Korn und Sabrina Effenberger (Vorstandsmitglied der DDG).

Angst vor dem Dritten Weltkrieg

Das Debattenthema beim Finale zu Atomwaffen war hoch aktuell. Zwei Drittel der Deutschen haben Angst vor einem Dritten Weltkrieg, der dann möglicherweise auch mit atomaren Waffen ausgetragen werden könnte. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungs-Institutes Forsa. Demnach trägt vor allem der Ukraine-Krieg zu der Kriegsangst der Bundesbürger bei. Laut der Umfrage im Auftrag von RTL und ntv befürchten 69 Prozent sogar, dass die Nato in den Konflikt hineingezogen wird, weil der Wladimir Putin ein Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses angreifen könnte . Und sie haben Angst, dass dieses dann auch Deutschland betreffen könnte.

Von Manfred Hitzeroth