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Marburg „Einfach überwältigend“
Marburg „Einfach überwältigend“
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15:08 25.07.2021
Der Wahnsinn“: Ralf Kalabis-Schick blickt auf das durchorganisierte Gewusel auf dem Messeplatz.
Der Wahnsinn“: Ralf Kalabis-Schick blickt auf das durchorganisierte Gewusel auf dem Messeplatz. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

Mit frenetischem Jubel wird jedes Auto in Empfang genommen. Patrick Pfeiffer wischt sich den Schweiß von der Stirn und strahlt. „Das ist der Wahnsinn, es tut so gut zu helfen“, sagt er und wuchtet eine Kiste aus einem Transporter. Der Marburger ist einer von hunderten Helfern, die am Freitagabend Unglaubliches leisten mit nur einem Ziel: den Flutopfern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu helfen.

Der Messeplatz Afföller gleicht einem riesigen Logistikzentrum. Es herrscht ein Gewusel wie in einem überdimensionalen Ameisenhaufen – aber es ist alles bis ins kleinste Detail durchorganisiert.

In Achterreihen werden die ankommenden Fahrzeuge, die vollgeladen sind mit Spenden, zu den Abladepunkten durchgeschleust. „Wir sind extra aus Frankfurt gekommen. Wenn ich das hier sehe, kriege ich Gänsehaut vor Glück“, sagt Christine Müller. Eine halbe Stunde hat sie von der Abfahrt der B 3 gebraucht, um bis zum Spenden-Abladepunkt zu kommen. „Irre, wie perfekt das organisiert ist, ich hab befürchtet, dass ich stundenlang warten muss“, sagt sie lachend.

Ordnungspolizei und andere Helfer tun an diesem Abend alles dafür, dass sich der Stau in der Stadt in Grenzen hält. Die Afföller-Abfahrt ist gesperrt, die nach Schätzungen des Ordnungsamtes zwischen 3 000 und 4 000 Autos werden über die Abfahrt Nord zum Messeplatz geleitet. Der Andrang ist immens. Alle wollen bei der Aktion „Wir Hessen helfen“ mitmachen und ihren Beitrag leisten. Es ist eine bis dato einmalige Hilfsaktion in Marburg.

Vor gut einer Woche hatte Ralf Kalabis-Schick die Idee dazu. Der Trucker aus Leidenschaft hatte bereits im Winter einen Mega-Weihnachtskonvoi aus bunt beleuchteten Sattelschleppern organisiert, um Kindern während der Corona-Pandemie ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Viele fleißige Helfer

Angesichts der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wusste er: „Ich muss was tun.“ Unter dem Motto „Lkw-Fahrer stehen zusammen“ trommelte der Mardorfer Trucker aus ganz Deutschland zusammen und startete die Aktion „Wir Hessen helfen“.

Nun, an diesem Freitagabend ist er selbst ein bisschen überwältigt von der unglaublichen Resonanz: „Das hätte ich alles nicht geschafft ohne so viele tolle Menschen um mich herum“, sagt Kalabis-Schick bewegt und blickt auf die umhersausenden Gabelstapler, die im Minutentakt Paletten mit Spendengütern in die Lkws packen.

Eine von diesen fleißigen Helfern ist Sarah Hedoch, die mit Knopf im Ohr und Megaphon in der Hand das Organisationstalent schlechthin ist. Ständig klingelt ihr Telefon. „Ah, jetzt geht’s ein bisschen schneller“, sagt sie und blickt zufrieden auf die mit Spenden beladenen Autos, die von Helfern in gelben Westen weitergewunken werden.

Stimmung ist super

Hunderte Helfer räumen die Hilfsgüter aus den Autos. Die Stimmung ist super. Selbst Autofahrer, die ein bisschen länger warten mussten, haben ein Lächeln auf den Lippen. So wie Umut aus Offenbach. „Das ist so schlimm, was den Menschen passiert ist, da ist das doch das Mindeste, dass ich etwas spende“, sagt der 32-Jährige, der seinen Wagen mit Kisten vollgeladen hat.

Ralf Kalabis-Schick und seine Crew hatten über Social-Media-Kanäle, aber auch HR3 genau mitgeteilt, was für Spenden sie ins Katastrophengebiet mitnehmen: Von Wasserkanistern über Hygieneartikel bis hin zu Kinderwagen, Powerbanks und Gummistiefeln. „Da, wo wir hinfahren, werden diese Sachen gebraucht“, betont Kalabis-Schick. Gegen 22 Uhr wird der Messeplatz etwas leerer. „Es hat wirklich alles toll geklappt. Alles war diszipliniert. Die Stimmung war bei allen gut“, sagt Birgit Heimrich, Pressesprecherin der Stadt.

Laut Feuerwehr waren es gut 800 Helfer, die mit angepackt haben. Für einige wird es eine kurze Nacht. Denn noch sind nicht alle Sattelschlepper beladen. Es sind tonnenweise Spenden, die das Leid der Flutopfer lindern sollen. Alle, die noch in der Dunkelheit packen, sind sich sicher: „Das kriegen wir hin.“

Und ab geht die Fahrt!

Von Nadine Weigel