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Marburg Beschäftigte von UKGM und Vitos-Kliniken streiken gemeinsam
Marburg Beschäftigte von UKGM und Vitos-Kliniken streiken gemeinsam
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21:13 30.09.2020
Mitarbeiter von UKGM und Vitos streikten am Mittwochmorgen vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Hintergrund der Aktion: Auch im Öffentlichen Dienst finden derzeit Warnstreiks statt – und am Mittwoch lag der Schwerpunkt auf dem Gesundheitssektor. Und so versammelten sich am Morgen gut 300 Streikende vor dem Erwin-Piscator-Haus zu Kundgebungen.

Fabian Dzewas-Rehm, zuständiger Verdi-Fachsekretär zum Thema Gesundheit, verdeutlichte, dass ein Problem die Finanzierung von Krankenhäusern sei. „Wir müssen weg vom System der Fallpauschalen“, sagte er – denn nur so könne eine gerechte Entlohnung an Krankenhäusern gelingen. Und es sei „nach wie vor eine Sauerei“, dass die Beschäftigten die Suppe auslöffeln müssten, weil Konzerne sich die eigenen Taschen füllten – letztlich auf Kosten der Steuerzahler.

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Besonders verwerflich sei, so Dzewas-Rehm, dass Asklepios während der Tarifverhandlungen plötzlich von einem festgestellten Personalüberhang gesprochen habe. „Es gibt nur einen Personalüberhang: im Management“, so Dzewas-Rehm. „Wir wollen ein gesundes Uni-Klinikum, das für die Menschen der Region da ist“, so der Gewerkschaftssekretär – dazu gehöre, dass alle Beschäftigten adäquat und gleich bezahlt würden – und zwar so wie die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.

Weder ein Angebot in der ersten, noch in der zweiten Runde

Doch auch dort ist nicht alles rosig, wie Martina Lindmaier vom Vitos-Betriebsrat verdeutlicht: „Die Arbeitgeber werden uns nicht mehr Personal in die Krankenhäuser senden, die werden nicht für bessere Arbeitsbedingungen sorgen – nein, sie wollen Profite scheffeln“, steht für die Betriebsrätin fest.

Die Arbeitgeber hätten in der jetzigen Tarifrunde bisher „weder beim ersten Mal ein Angebot vorgelegt noch bei der zweiten Runde“ – etwas Vergleichbares habe Lindmaier in den vergangenen Jahren noch nie erlebt. Vielmehr habe der Arbeitgeber gesagt, „wenn wir alle in einem ungekündigten Beschäftigungsverhältnis wären, dann wäre das in dieser Zeit genug – das ist eine Frechheit“. Lindmaier führt weiter aus: „Wir wurden beklatscht, gebraucht und benutzt – aber wir sollen nichts kriegen. Was sind das denn für Arbeitgeber? Sie haben keine Wertschätzung für uns, sondern wertschätzen sich nur selber“, verdeutlicht sie.

„Applaus reicht uns nicht – wir wollen bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal“, so Lindmaier, die Arbeitgeber müssten „aufhören, uns bis aufs Blut zu schröpfen“. Dafür gelte es in der kommenden Zeit zu kämpfen – auch mit noch mehr Öffentlichkeit.

Michael Kroll, Vertrauensleutesprecher am UKGM Marburg, verdeutlichte, dass Asklepios zu Beginn noch gesagt habe, man komme „mit offenem Visier – doch hinter den Kulissen zeigt sich der wahre Asklepios-Charakter in vollem Umfang: Stellenabbau, Einsparungen – das sind die Zauberwörter“, so Kroll. Mitarbeiter in IT, Einkauf, Service GmbH, Küche, Apotheke oder Technik – „sie alle könnten die ersten Opfer der Asklepios-Einsparungen an den beiden UKGM-Standorten in Mittelhessen sein“. Denn die Gewinnmargen müssten erfüllt werden.

„Ehrliche Wertschätzung sieht anders aus“

Das „Monopoly-Spiel der alten Männer ist dank einer vollkommen tatenlosen, machtlosen Landesregierung für Asklepios schon gewonnen“, so Kroll, für den feststeht: „Schluss mit Applaus – jetzt gibt es für die Beschäftigten an beiden UKGM-Standorten für deren jahrelanges Engagement eine heftige Klatsche. Ehrliche Wertschätzung sieht anders aus.“

Mitarbeiter und Patienten würden die Zeche „einer vollkommen verfehlten Gesundheitspolitik“ zahlen, „Aktionäre machen sich mit unseren Krankenkassenbeiträgen und unseren Steuergeldern die Taschen voll“. Auf den Vorschalt-Tarifvertrag, der unter anderem für Lehrer und einige Bereiche der Pflege ausgehandelt worden sei, habe sich der Arbeitgeber nur eingelassen, „weil er zu 100 Prozent refinanziert wird“. Nun gelte es, nicht nur für die weiteren Tarifbelange zu kämpfen, sondern auch für die Arbeitsplätze.In Richtung der Landesregierung sagte Kroll: „Frau Dorn, Herr Bouffier – unseren Applaus haben Sie für Ihre Politik, was das UKGM betrifft, nicht verdient. Sie sollten sich eigentlich schämen für die Tatenlosigkeit.“

Matthias Körner, Regionsvorsitzender DGB Mittelhessen, betonte, dass es „irgendwo auf der Welt immer jemanden gibt, der die eigene Arbeit billiger macht. Aber es kann doch nicht sein, dass wir uns diese Scheiße seit 30 Jahren anhören.“ Auch könne es doch nicht sein, „dass jemand für das bloße Besitzen und Halten eines Aktienpakets jedes Jahr drei Millionen Euro überwiesen bekomme“, so Körner. Für ihn steht fest: „Es ist eigentlich ganz einfach: Entweder Asklepios gewinnt – oder ihr“, man könne sich der Auseinandersetzung nicht entziehen.

Stationen arbeiten bereits in Notdienstbesetzung

OP-Pfleger Frank Eggers hatte gar eigens den Song „Die alten Rittersleut“ auf Asklepios und die Landesregierung umgedichtet – mit dem Refrain „Herr Bouffier und sein Tross, hütet euch jetzt vor Asklepios. Ich verlass mich darauf – seid wach und passt gut auf.“

Und für Mark Müller, Sprecher des Aktionsbündnisses „Gemeinsam für unser Klinikum“, ist klar: „Wir wollen eine Angleichung an den Öffentlichen Dienst – und zwar für alle Berufe.“ Asklepios sei geprägt „von Outsourcing, davon, nicht mit Gewerkschaften zu verhandeln und vom Stellenabbau. Wir stehen auch hier, weil wir für unsere Arbeitsbedingungen und unseren Arbeitsplatz kämpfen.“ Es habe sich gezeigt, dass zahlreiche Kollegen nicht hätten mitstreiken können, „weil sie schon in einer Notdienstbesetzung arbeiten. Wie kann man denn dann allen Ernstes einen Personalüberhang feststellen?“

von Andreas Schmidt