Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Kraft tanken nach der Krebserkrankung
Marburg Kraft tanken nach der Krebserkrankung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 29.11.2021
Rabia und Tanzlehrer Holger Dolfen tanzen in der Sporthalle der Schule am Schwanhof. Die Übungen sind Teil der Tanz-Reha für Krebspatienten.
Rabia und Tanzlehrer Holger Dolfen tanzen in der Sporthalle der Schule am Schwanhof. Die Übungen sind Teil der Tanz-Reha für Krebspatienten. Quelle: Foto: Ina Tannert
Anzeige
Marburg

Ein Schritt vor und zurück, zur Seite und wieder zurück, dann eine Drehung. Es sind denkbar einfache Tanzschritte, die hier gerade langsam zu Merengue-Rhythmen aus der Musikbox geübt werden. Und doch sind sie gehaltvoller als es der feurigste Tango jemals sein könnte.

Denn sie sind gewissermaßen Ausdruck eines Sieges, dem Sieg über den Krebs und der Rückkehr zum normalen Leben. Mit Gefühl und Bewegung. Von beidem hatte „Tanzschülerin“ Rabia in den letzten Monaten nicht viel, bis heute spürt sie die Auswirkungen der Krebserkrankungen und der vielen Chemo-Therapien.

Erst im letzten Jahr wurde bei ihr ein Ovarialkarzinom festgestellt, Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium. „Das kam ganz plötzlich, einfach so“, erinnert sich Rabia, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Ärzte gaben ihr ohne sofortige Behandlung nur noch wenige Monate, sie weiß noch, wie oft sie seitdem ins Uniklinikum musste, wo die Biochemikerin selber in der Herzchirurgie arbeitet. „Ich habe 18 Chemos bekommen, das war jede Woche sehr hart“, erzählt sie offen von schweren Monaten.

Und nun steht sie hier, wirft sich mit Tanztrainer Holger Dolfen kleine Bälle zu, dehnt jeden Muskel im Körper und tanzt zwischen Matten und Basketballkorb über den Hallenboden. „Also, eigentlich habe ich noch nie getanzt“, verrät sie und fängt laut an zu lachen. Das passiert der fröhlichen Frau öfter, die fast durchgehend lächelt oder lacht. Sie ist ein stets gut gelaunter Typ, daran hat auch die Erkrankung nichts geändert. Selbst als es besonders schlimm um sie stand, hat sie an der Fröhlichkeit festgehalten, kann heute Witze darüber machen. „Schon damals hab ich mir gesagt: Wenn ich schon sterbe, dann mit Stil.“

Sie ist heilfroh, alles überstanden zu haben. Erst die Krebstherapie, dann die klinische Rehabilitation. Nun arbeitet sie schon wieder – zu Hause fiel der agilen 39-Jährigen die Decke auf den Kopf – und tanzt im Rahmen der Nachsorge durch die zweite Reha-Phase.

Tanzen reaktiviert den Körper wieder

Die Tanz-Reha ist ein neues Angebot, das aus der Kooperation der Tanzsportgemeinschaft Marburg und des Vereins Prävention und Sport in Deutschland Marburg (PID) entstanden ist. Damit ist Tanzen als Rehasport erstmals für Onkologie-Patienten möglich, freut sich PID-Vorsitzender Holger Dolfen, der die Stunde leitet. Die Reha-Maßnahmen können von Ärzten verordnet und von der Krankenkasse übernommen werden.

Rund eineinhalb Stunden dreht sich alles um die Bewegung des ganzen Körpers. Dabei geht es zur Sache – Rabia spürt jeden Muskel. Schon das Aufwärmtraining ist anstrengend: Beugen, Strecken, Atemübungen, Tanzschritte – es geht hoch, runter, hin und her, um Muskulatur und Feinmotorik wieder in Schwung zu bekommen. Auch ein Noppenball wird über die Haut gerollt – das dient der Sensomotorik, die gerade bei Krebspatienten durch Nervenschäden abnimmt, erklärt Dolfen.

Das Programm soll den ganzen Organismus fordern und wieder in die Spur bringen, ebenso die eigene Wahrnehmung des Körpers schulen oder durch Schmerzen verursachte Schonhaltungen auflösen, „alles muss wieder reaktiviert werden“.

Durch das Tanzen, kombiniert mit weiteren sportlichen Übungen, könne das gelingen. Und Spaß bringt es auch noch, „ich fühle mich wie bei Bollywood“, wirft Rabia grinsend ein, während sie mit theatralischer Geste die Arme ausstreckt und die Muskeln anspannt. Zwischendurch gibt es eine Pause, jeder Patient hat sein eigenes Tempo, „wir sind nicht im Leistungssport, sondern im Rehasport“, sagt der Trainer.

Am Ende der Stunde werden nochmal Arme und Beine ordentlich abgeklopft. Die sind „voller Energie, als wäre der ganze Körper lebendig“, schwärmt Rabia euphorisiert nach der Trainingsstunde. Auch ein Schulterklopfen darf nicht fehlen, „das hast du gut gemacht“, lobt sie ihren eigenen Körper. Der hat viel leisten müssen, schließlich den Krebs besiegt und ist auf dem besten Weg, wieder vollkommen fit zu werden.

Die Tanz-Reha findet an drei Tagen in Marburg statt: Montags von 20 bis 21.30 Uhr in der Schule am Schwanhof; dienstags zwischen 18.30 und 19.15 Uhr in der Gerhard-Hauptmann-Schule; mittwochs zwischen 19 und 19.45 Uhr im Gemeindezentrum am Richtsberg.

Weitere Informationen und Kontakt im Internet unter www.tanzeninmarburg.com oder per E-Mail an info@holgerdolfen.de

Von Ina Tannert

29.11.2021
29.11.2021
29.11.2021