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Marburg Auf der Spur alter Heilkunde
Marburg Auf der Spur alter Heilkunde
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12:00 24.12.2020
Professorin Tanja Pommerening ist die neue Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte der Pharmazie und Medizin. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Die Vielseitigkeit ihrer wissenschaftlichen Interessensgebiete ist einer der Trümpfe, aufgrund derer Tanja Pommerening die neu geschaffene Professur für Pharmazie- und Medizingeschichte erlangt hat. Am 23. Oktober hat die 51-Jährige ihren Job in Marburg angetreten. Sie pendelt allerdings noch zwischen Marburg und Mainz hin und her, wo sie von 2010 bis zu ihrer Annahme des Rufs an die Philipps-Universität Professorin für Ägyptologie war.

Für die gebürtige Frankfurterin, die in Rödermark im Landkreis Offenbach aufgewachsen ist, ist es auch eine Rückkehr an ihren Studienort Marburg. Dort absolvierte sie ab dem Jahr 1989 ein Pharmaziestudium mit dem Berufsziel Apothekerin. Genauso faszinierten sie damals aber schon die Archäologie sowie die Alten Sprachen. So kam es, dass sie nach dem Abschluss des Pharmaziestudiums in Marburg und dem Start ihrer beruflichen Karriere als Mitarbeiterin in einer Apotheke im Hinterland ein Zweitstudium anschloss, das einerseits die Ägyptologie und andererseits die Pharmaziegeschichte beinhaltete.

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Neuer Forschungsschwerpunkt in Marburg

Nach der Promotion beschäftigte sie sich in einem DFG-Forschungsprojekt mit medizinischen Rezepten aus Altägypten – ein Thema, das Tanja Pommerening bis heute nicht mehr losgelassen hat. Es ließ noch sehr viele Fragen offen, die sich nun auf der neuen Professur noch breiter angehen lassen: Wie wurde das heilkundliche Wissen in den antiken Kulturen der Ägypter, Sumerer, Assyrer, Griechen und Römer ausgetauscht und dabei verändert? Das sind zwei der Ausgangsfragen, mit denen Pommerening am Marburger Institut für Pharmaziegeschichte einen neuen Forschungsschwerpunkt zum Thema alte Heilkunde setzen möchte.

Welche Theorien erarbeitet wurden und welche Heilkunde-Konzepte dahinterstehen, das könnte in Zukunft noch genauer in Marburg erforscht werden. Dabei interessiert Pommerening aber auch, ob Arzneimittel mit langer Tradition tatsächlich eine potente Wirksamkeit haben, sodass man sie heute nutzbar machen kann. Erste Erfahrungen mit der Umsetzung solcher Ideen hat sie bereits in eigenen Kooperationsprojekten mit Pharmazeuten gesammelt, zum Beispiel bei den Anwendungsmöglichkeiten der auch in altägyptischen Rezepten genannten Pflanze Christdorn, die entzündungshemmende Wirkung hat.

Aus Sicht von Tanja Pommerening steckt in der praktischen Umsetzung des alten Heilkundewissens eine Menge Potenzial. So könne man alleine in altägyptischen Quellen auf einen rund 1500 Begriffe umfassenden Drogenschatz sowie auf 2000 Rezepte zurückgreifen. Allerdings müssten diese Rezepte auch richtig gelesen werden. So müsse beispielsweise genau geklärt werden, welche Symptome und welche Heilpflanzen und Mineralien darin beschrieben worden seien. Als ein zweites spannendes mögliches Forschungsprojekt nannte Pommerening Interviews mit traditionellen Heilkundigen im modernen Ägypten, beispielsweise mit Schlangenbeschwörern.

Stärkere Vernetzung mit anderen Wissenschaften

Für den Aufbau eines neuen Masterstudiengangs für Wissenschaftsgeschichte setzt sie auf einen stärker interdisziplinären Zuschnitt, der Theorien und Methoden der Geistes-, Kultur- und Naturwissenschaften einbindet. Für die künftigen Forschungsarbeiten strebt die neue Institutsdirektorin eine stärkere Vernetzung an der Universität mit Sozial- und Kulturwissenschaften, aber auch mit Naturwissenschaften an – zum Beispiel mit den Historikern, der Islamwissenschaft oder unterschiedlichen Disziplinen in der Medizin.

Da trifft es sich gut, dass auch Pommerenings Professur einen neuen Zuschnitt haben wird, wie es die beiden Fachbereiche Pharmazie und Medizin zusammen mit dem Uni-Präsidium festgelegt haben. Denn sie vertritt künftig an der Philipps-Universität im Gegensatz zu ihrem unmittelbaren Vorgänger in der Institutsleitung auch das Fach Medizingeschichte. Als Unterstützung soll auch noch eine ebenso zugeschnittene, aber niedriger dotierte Stelle – eine W2-Professur aus der Medizin – besetzt werden.

So soll an eine Tradition angeknüpft werden, die seit rund zwei Jahrzehnten in Marburg nach der Abschaffung der letzten regulären Professuren eher ein Mauerblümchendasein fristet. Denn derzeit wird nur an der Emil-von-Behring-Bibliothek im universitären Kontext Medizingeschichte betrieben. Und Irmtraut Sahmland, die dort als außerplanmäßige Professorin noch eine halbe Stelle hatte, geht zum Ende des Jahres in den Ruhestand.

„Es ist gut und wichtig, die beiden Fächer Pharmazie- und Medizingeschichte zusammenzuführen“, sagt sie. Schließlich sei auch die Heilkunde das Verbindende der Pharmazie und der Medizin. Und so sollen auch die medizinhistorischen Bücher der Behring-Bibliothek und die Bibliothek der Pharmaziegeschichte in ihrem jeweiligen geschlossenen Gesamtbestand im Freihandbereich der neuen Uni-Bibliothek zusammengeführt werden. Es ist zudem geplant, dass das neue Institut seinen Sitz in der ehemaligen Behring-Villa am Marbacher Weg erhalten soll und die beiden Standorte am Roten Graben (Pharmaziegeschichte) und in der Bahnhofstraße (Behring-Bibliothek) aufgegeben werden.

Baustelle Museum Anatomicum

Und eine weitere „Baustelle“ gibt es auch noch für die neue Marburger Professorin: das Museum Anatomicum, zu dessen berühmtesten Exponaten der Lange Anton und das Marburger Lenchen gehören. Es ist derzeit aus bautechnischen Gründen geschlossen und die Zukunft des Museums steht in den Sternen. Pommerening hätte zwar Konzepte für eine Fortführung des Museums mit modernen Methoden, wie sie auf OP-Anfrage sagte. Aber in dieser Angelegenheit haben auch das Präsidium und die Leitung des Fachbereichs Medizin noch mitzureden.

Auf jeden Fall warten auf Pommerening jede Menge spannende Aufgaben, die sie mit Energie und Gestaltungsfreude angehen möchte. Nach ersten Gesprächen freut sie sich auf viele kooperationswillige Kollegen und Kolleginnen an der Uni. Und nebenbei freut sie sich zusammen mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Roman Klöcker, den sie 2010 nach Mainz mitgenommen hat, nach Jahren des „Exils“ auch wieder auf die Marburger Jazz-Szene. „Wir sind sehr froh, dass es die Cavete noch gibt“, erzählt die „Wieder-Marburgerin“. Denn mit der Jazzkneipe am Oberen Steinweg verbindet sie als frühere Stammkraft hinter dem Tresen und als Saxofon-Spielerin viele schöne Erlebnisse. Das gilt ebenso für Klöcker, den Jazzgitarristen und ehemaligen Cavete-Chef, der vor 40 Jahren auch Gründer der Marburger Jazz-Initiative war.

von Manfred Hitzeroth