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Marburg Musik mit Muskelkater
Marburg Musik mit Muskelkater
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12:57 18.04.2020
Taiko-Trommler Egon Hübinger-Graner übt mit OP-Redakteurin Katja Peters. (Foto und Video entstanden vor den derzeit wegen der Corona-Pandemie geltenden Kontaktbeschränkungen). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Donkaraka, Donkaraka“, wiederholt Egon Hübinger-Graner fast singend und erklärt die Schlagreihenfolge in der Luft. Der Neu-Marburger zeigt mir heute sein lautes Hobby – japanisches Taikotrommeln.

Wir haben uns bei ihm in der Wohnung getroffen. Normalerweise übt er im Sommer draußen auf den Afföllerwiesen. „Ansonsten würden meine Nachbarn wohl die Krise kriegen“, sagt er lachend. Denn Taikotrommeln ist laut, sehr laut.

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Als Zuhörer spürt man die Vibrationen förmlich, nimmt die Energie, die die Trommler versprühen, in sich auf. Er will eine Gruppe in Marburg gründen, sucht einen Probenraum und Mitstreiter.

„Donkaraka, Donkaraka“

Fasziniert schaue ich Egon Hübinger-Graner zu. Er hat für uns die Miadeiko und die Shimedeiko aufgebaut, zwei Trommeln, die auf jedem Konzert mit dabei sind. Dann drückt er mir zwei dicke Holz-Sticks in die Hände, die Bachis. Wie einen Hammer soll ich sie halten und mich mit einer Armlänge Abstand vor die Trommel stellen. Das linke Bein soll sich leicht federnd bewegen, das andere wird gestreckt.

„Donkaraka, Donkaraka“, sagt er immer wieder. Das sind sozusagen die Noten, auch wenn es die beim Taikotrommeln gar nicht gibt. Es ist eine aufeinander folgende Reihe von Schlägen.

Und jeder von ihnen hat eben einen Namen. „Don“ bedeutet ein Schlag in die Mitte der Trommel mit der rechten Hand – „Kon“ mit der linken. „Kara“ sind zwei schnelle Schläge auf den Trommelrand, einer rechts, einer links. Und „Ka“ ist wiederum nur ein Schlag auf die Trommelkante.

Und das ist nur eine Auswahl. Es gibt noch viel mehr. Die müssen Taiko-Trommler alle im Kopf haben. „So ein Lied kann bis zu acht Minuten gehen. Es werden ganze Geschichten oder Gedichte mit ihnen erzählt“, erklärt mir Egon Hübinger-Graner.

1.000 Jahre alt sind manche von ihnen und sie dürfen nicht verändert werden. Die Kunst an sich ist allerdings schon doppelt so alt. Bei einem Seminar in Hamburg hat er mal mit 60 Spielern gleichzeitig getrommelt. „Das sind 115 Dezibel, so laut wie ein Düsenjet. Da braucht man einen Ohrenschutz“, erzählt er lachend.

Beim zweiten Mal klappt’s dann

Dann legen wir los. Ich bin ganz konzentriert. Schaue auf seine Hände oder besser auf seine Bachis. Immer wieder sage ich mir leise „Donkaraka, Donkaraka“. Und es funktioniert. Wir sind im Rhythmus und ich erzähle dieses Mal trommelnd eine japanische Geschichte. Okay, es waren wahrscheinlich nur die ersten Sätze.

Aber es macht Spaß und es ist anstrengend. Denn man muss sich ganz schön viel bewegen. Auf einmal reißt Egon Hübinger-Graner die Arme nach oben, kreuzt die Bachis und ruft „Hep“, während er die Arme wieder nach unten reißt. „Los, jetzt du“, fordert er mich auf. Es ist gar nicht so einfach, dieses „Hep“ aus voller Energie zu rufen. Aber es klappt. Beim zweiten Mal.

Das Taikotrommeln ist anstrengend

Auf einem Konzert hat ihn die Trommel-Leidenschaft angesteckt. Nach seiner aktiven und sehr erfolgreichen Zeit als lateinamerikanischer Tänzer war Egon Hübinger-Graner auf der Suche nach einem neuen Hobby.

„Dieses kraftvolle, energetische Trommeln ist perfekt für mich. Ich muss mich konzentrieren und ich kann mich auspowern. Und das Instrument ist leicht zu lernen, auch für Ältere“, sagt der 62-Jährige mit einem Augenzwinkern. Aber am meisten begeistert ihn das Gruppengefühl: „Jeder muss sich auf den anderen verlassen.“

Ich habe mich total auf Egon Hübinger-Graner verlassen. Nach unserer Session bin ich ganz schön kaputt und stelle am nächsten Tag fest: Taikotrommeln ist Musik mit Muskelkater.

Von Katja Peters

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