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Marburg Liebe auf das erste „Wuff“
Marburg Liebe auf das erste „Wuff“
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07:58 29.01.2021
Rebecca Fuchs ist mit ihrem Blindenhund Muffin am Schlag in Marburg unterwegs.
Rebecca Fuchs ist mit ihrem Blindenhund Muffin am Schlag in Marburg unterwegs. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Ein Leben ohne meinen Muffin kann ich mir gar nicht mehr vorstellen“, sagt Rebecca Fuchs. Und dabei denkt sie nicht etwa an Gebäck – auch wenn Muffin sehr süß ausschaut. Nein, Muffin ist ein Collie – und der Blindenhund der 25-Jährigen. Und der hat heute einen Feiertag. Denn heute ist der „Tag des Blindenhunds“ – heute im Jahr 1929 wurde in Morristown im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey die Hundeschule „The Seeing Eye, Inc.“ gegründet. Sie ist somit die älteste Hundeschule für Blindenhunde.

„Assistenzhunde“ oder „Blindenführhunde“ heißen sie im offiziellen Sprachgebrauch „und gelten als Hilfsmittel, also als eine Sache. Muffin gab’s auf Rezept“, sagt Fuchs lachend. Das war für die junge Frau eine Sachleistung, die ihr Leben nachhaltig verändert hat, „denn seit ich Muffin habe, genieße ich viel mehr Freiheit“.

Doch wie ist sie im wahrsten Wortsinne auf den Hund gekommen? „Durch eine Freundin, die bereits einen Blindenhund hatte.“ Rebecca Fuchs war direkt begeistert. „Für Tiere habe ich schon immer geschwärmt und fand es toll, dass der Hund den Alltag erleichtert.“ Sie informierte sich, ließ sich von einem Augenarzt untersuchen, um das Rezept zu bekommen, und stellte einen Antrag bei der Krankenkasse. Der wurde zunächst abgelehnt, doch Fuchs ließ nicht locker. Denn: Gesetzlich blind gilt man mit einer Restsehstärke von zwei Prozent, „ich liege etwas darunter“. Farben und Schemen kann sie noch erkennen, Hell und Dunkel ebenfalls, „und wenn jemand ganz nahe kommt, dann erkenne ich sogar noch mehr als nur Schemen“, sagt sie.

Einen gesetzlichen Anspruch auf einen Führhund gibt es sogar unter fünf Prozent Restsehschärfe – also legte Rebecca Fuchs Widerspruch ein und im zweiten Anlauf wurde der Antrag bewilligt. Das war 2018.

Sie hatte zuvor schon Kontakt zu einer Führhundschule in der Nähe von Konstanz aufgenommen. „Die Trainerin hat mich dann angerufen, dass sie einen interessanten Hund für mich hätte – ob ich den denn mal kennenlernen möchte“, erzählt Fuchs. Wollte sie und reiste in die Schule. „Dann haben Muffin und ich uns kennengelernt.“ Und obwohl die Trainerin der Marburgerin auch noch einen anderen Hund gezeigt hatte, stand fest: „Muffin war’s einfach – es hat harmoniert, habe mich wohl mit ihm gefühlt – und für ihn passte es auch.“ Das sei schon „sehr emotional“ gewesen.

Es folgte ein Wochenende des intensiveren Kennenlernens, erste Gänge im Geschirr und Training. Die erste Bewährungsprobe: „Wir waren unterwegs in einem Gebäude, und die Trainerin ist ganz kurz weggegangen“, erinnert sich Fuchs. „Ich saß auf einem Stuhl und Muffin hatte bei mir eingeparkt“, sagt sie lachend – so heiße es, wenn sich der Hund rückwärts zwischen die Beine lege. „Ich habe ihn ein wenig gestreichelt, mit ihm geredet – und er ist selbst dann bei mir liegen geblieben, als die Trainerin zurückkam – obwohl er mich noch nicht so gut kannte.“ Nach dem Wochenende stand endgültig fest: Muffin und Rebecca Fuchs sollten ein Team werden.

Sie fuhr zurück nach Marburg, Muffin wurde weiter ausgebildet – und dann kamen die „Einschulungswochen“: Eine Woche fuhr Rebecca Fuchs wieder an den Bodensee, um intensiv mit Muffin zu arbeiten, die Pflege zu erlernen „und eine Bindung aufzubauen“. Außerdem lernte sie die Befehle, die sie später benutzen muss – „und zwar auf Italienisch“, verrät sie. Das sei nicht nur der Tatsache geschuldet, dass die Trainerin aus der Schweiz stammt, „sondern hat auch den Vorteil, dass im Alltag in Marburg niemand aus Versehen einen Befehl gibt“. Es folgten zwei weitere Einschulungswochen in Marburg – und dann waren Fuchs und Muffin auf sich gestellt. Wie schwer war es für die 25-Jährige, nach einer langen Zeit am Blindenstock ihrem neuen Gefährten zu vertrauen? „Ein gewisses Grundvertrauen braucht man von Anfang an, sonst klappt es nicht“, sagt sie. Und nach und nach sei es „immer besser geworden. Ich habe mich aber sehr sicher gefühlt, weil wir ja vorher schon viel trainiert haben.“ Die ersten Wege seien „schon aufregend“ gewesen, „aber das hat Muffin gut gemeistert“.

Feierabend nur ohne Geschirr

Und wie ist es heute? Wobei hilft Muffin? „Morgens, nachdem wir Gassi waren, führt er mich erstmal zur Bushaltestelle, hilft mir dann beim Einsteigen“, erzählt Rebecca Fuchs. Im Bus nimmt sie ihm das Geschirr übrigens ab – ein Signal, dass er quasi nicht arbeiten muss und ausruhen kann. An der Haltestelle angekommen, zeigt Muffin seinem Frauchen den Weg zur Arbeit, „er zeigt mir auch die Eingangstür und kann mit seiner langen Schnauze sogar den Weg zum Schlüsselloch anzeigen, oder die Knöpfe im Aufzug“, sagt sie.

„Wenn ich ihm sage, er soll die ,Scala’ suchen, dann geht er zur Treppe und stellt sich mit den Vorderpfoten auf die erste Stufe“, so Fuchs. Muffin kennt die Befehle für links und rechts, kann am Bordstein innen oder außen gehen, zeigt Hindernisse an, „er kann auch eine Sitzbank oder eine Ampel suchen.“ Und: „Er kann mich auch an einen Schalter oder eine Kasse führen – und selbst, wenn ich Glascontainer suche, hilft er mir.“ Zebrastreifen kennt Muffin auch, „und natürlich auch Sitz und Platz“, sagt Fuchs lachend.

Was sollten Passanten bei einem Blindenhund machen? „Am besten sollten sie ihn ignorieren, damit er nicht abgelenkt wird. Denn er arbeitet ja.“ Manchmal, wenn sie von Passanten angesprochen werde und über Muffin erzähle, „dann nehme ich auch mal das Geschirr ab, damit man Muffin streicheln kann. Aber das sollte nicht alle fünf Meter passieren.“ Für Muffin sei das Signal: So lange er das Geschirr trägt, hat er keinen Feierabend.

Und wie schaut es aus, wenn Muffin sein „großes Geschäft“ erledigen muss? „Er ist so trainiert, dass er das nicht auf dem Bürgersteig, sondern auf Grünflächen macht“, sagt Rebecca Fuchs. Solle es dennoch mal vorkommen, „weil etwa keine Grünfläche da ist, dann ist ihm das richtig unangenehm.“ Sie habe dann eine Technik entwickelt, wie sie den Hundehaufen mit ihrer Rest-Sehkraft nicht nur erkenne, sondern auch in eine Tüte bugsiere. Das könne jedoch nicht jeder Blinde – daher gebe es für Assistenzhunde eine Ausnahmegenehmigung.

Für die Marburgerin steht fest: „Ein Leben ohne Muffin kann ich mir nicht mehr vorstellen“ – als ein Freund ihn mal Gassi geführt habe, „habe ich ihn sofort vermisst – dann fehlt einfach was.“

Von Andreas Schmidt

Das gilt für Blindenhunde

In Deutschland lebende blinde Menschen haben unter Umständen einen Anspruch auf einen speziell ausgebildeten Assistenzhund, der ihnen eine gefahrlose Orientierung sowohl in vertrauter als auch in fremder Umgebung gewährleisten soll.

Nach Paragraph 33 des Sozialgesetzbuchs V gelten Blindenhunde in Deutschland als Hilfsmittel, dessen Kosten von den Krankenkassen übernommen werden – unter den richtigen Voraussetzungen. Die Anschaffung solcher Hunde ist mit 20 000 bis 30 000 Euro aber sehr kostenintensiv, weshalb sich Krankenkassen oft weigern zu zahlen.

Einer blinden Frau hat ein Gericht einen Assistenzhund zugesprochen, obwohl die Krankenkasse zunächst nicht zahlen wollte. Es gab weder Hilfs- noch Betreuungspersonal im sozialen Umfeld der Betroffenen und um ihren Alltag möglichst aktiv und selbstständig gestalten zu können, pochte sie auf einen Blindenhund. Doch aufgrund ihrer guten Ortskenntnisse war ihre Kasse der Ansicht, ein Blindenlangstock reiche aus. Dem widersprachen die Richter (LSG Rheinland-Pfalz, Az.: L 5 KR 99/13).

Es gibt einige Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um einen Blindenführhund zu bekommen: Die Rest-Sehstärke muss laut Arag-Versicherung unter fünf Prozent betragen und der Blinde sollte körperlich fit sein. Zudem muss genügend Wohnraum zur Verfügung stehen und der Vermieter der Tierhaltung grundsätzlich zustimmen. Zunächst folgt ein Einweisungslehrgang, in dem Mensch und Tier den Umgang miteinander lernen. Erst nach erfolgreicher Prüfung darf der Blinde das Tier mit nach Hause nehmen.

Blinde sollten übrigens laut Arag einen Blindenführhundausweis beantragen und bei sich tragen. Er dient zur Vorlage, wenn zum Beispiel Betreiber von Geschäften unter Berufung auf ihr Hausrecht den Zutritt mit Hund verweigern wollen. Der Ausweis selbst besitzt allerdings keine Rechtsgültigkeit.

Quelle: Arag-Versicherungen

28.01.2021
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