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Marburg Weg aus dem Desinformationsspektakel
Marburg Weg aus dem Desinformationsspektakel
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08:47 03.05.2022
Tag der Pressefreiheit am 3. Mai.
Tag der Pressefreiheit am 3. Mai. Quelle: BDZV
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Marburg

Definieren wir doch einmal Pressefreiheit. Scheint einfach zu sein: In Deutschland landen Menschen nicht deshalb im Gefängnis, weil sie als regierungskritische Journalisten tätig sind. Thema erledigt – in Deutschland herrscht Pressefreiheit. Die kann man jedoch auch anders definieren, und dann ist das Bild schon gar nicht mehr so eindeutig. Denn die freie, die unabhängige und überparteiliche Medienlandschaft steht unter Druck. Wo gestern noch Qualitätsjournalismus draufstand, steht heute Lügenpresse. Wo sich Medienkonsumenten gestern noch Zeit für die eigene Meinungsbildung nahmen, lassen sie sich heute durchs Socialmedia-Laufrad jagen. Auch das hat, aus dem Blickwinkel Medienkonsumierender, etwas mit Freiheit zu tun – der Freiheit, sich entweder fundiert zu informieren oder dem hinterherzulaufen, der am lautesten schreit und am schnellsten seine Parolen raushaut.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen scheint Journalismus ein wenig aus der Zeit zu fallen. Dabei müsste es für Untergangsstimmung keinen Grund geben: In einer immer komplizierter werdenden Welt werden folgerichtig auch immer komplexere Fragen gestellt – eigentlich ideale Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten.

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Der Tübinger Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen macht noch ein weiteres Hoffnungssignal aus: „Es zeichnet sich, von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt, seit ein paar Jahren eine Art Graswurzelrevolution der Medienbildung ab, die aus dem Journalismus kommt.“ Pörksen beobachtet zum Beispiel ein wachsendes Interesse an medienpädagogischen Projekten. Die Grundidee dieser Medienbildungsoffensive von unten sei bestechend einfach, schreibt der Wissenschaftler in einem Essay zum Tag der Pressefreiheit: „Sie besagt: Journalismus ist viel mehr als ein Beruf. Denn in den journalistischen Idealen und Maximen – ,Prüfe erst, publiziere später!’, ,Analysiere deine Quellen!’, ,Höre auch die andere Seite!’, ,Orientiere dich an Relevanz und Proportionalität!’, ,Sei skeptisch!’ – liegt eine konkrete Kommunikationsethik, die heute alle angeht.“ Pörksen räumt kritisch ein: „Natürlich gibt es auch schlechten Journalismus, Herden- und Meutenverhalten, doofes Clickbaiting, sinnlose Skandalisierung, klar.“ Aber in der Kenntnis der journalistischen Regeln der Informations- und Quellenprüfung stecke tatsächlich eine Chance: „Hier findet sich ein Ausweg aus dem Desinformationsspektakel in Richtung einer redaktionellen Gesellschaft von Bürgerinnen und Bürgern, die medienmächtig sind und medienmündig.“

Von Carsten Beckmann

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