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Marburg Tafel in Marburg: „Corona-Folgen schlagen durch“
Marburg Tafel in Marburg: „Corona-Folgen schlagen durch“
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13:58 11.06.2020
Fiona Banhofer bei der Ausgabe im Tafelzelt in Cappel Quelle: foto: Thorsten Richter
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Marburg

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Bekämpfung sorgen für einen Andrang bei der Marburger Tafel: Seit Anfang Mai ist die Zahl derer, die vor der Pandemie nicht als Bedürftige im Kundenbestand des Vereins waren, um mehrere Dutzend Haushalte gestiegen. Von den etwa 120 Haushalten – insgesamt hat die Tafel nach eigenen Angaben 3 600 Kunden, was rund 900 Familien entspricht – die fast täglich im provisorischen Ausgabe-Zelt nahe des Landratsamts von Ehrenamtlichen bedient werden, sind Ende vergangener Woche 47 Prozent Neu-Kunden gewesen.

Der vorherige Rekordwert (42 Prozent) stammt aus der Vorwoche, auf den Monat gerechnet sind mittlerweile mehr als ein Viertel aller Lebensmittelspenden-Bezieher vor der Corona-Bekämpfung nicht im Tafel-Register gewesen. „Bei uns schlagen die wirtschaftlichen und sozialen Corona-Folgen sichtbar durch. Schon jetzt sehen wir, dass eine ganz breite Schicht betroffen ist – von Zeitarbeitern und Studierenden bis zu Klinikangestellten", sagt Pascal Barthel, Tafel-Geschäftsführer auf OP-Anfrage.

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Auf Kante genäht

Neben einigen plötzlich arbeitslos gewordenen Stadt- und Landkreisbewohnern – die Zahl der Arbeitslosen ist im Vergleich zu Mai 2019 um 1 200 auf aktuell 6 200 gewachsen – seien vor allem viele Kurzarbeiter, von denen es im Landkreis Marburg-Biedenkopf aktuell 23 000 gibt, hinzugekommen. „Bei denen, wo es finanziell eh schon eng und vieles auf Kante genäht war, rutscht es jetzt ab – und wir fangen auf, wen und wie wir können“, sagt Barthel. Sorgen bereiten ihm neben den vielen ohne Nebenjob dastehenden Studierenden vor allem jüngste Aussagen von Marburgs Arbeitsagentur-Chef Volker Breustedt, wonach in der Region nun zunehmend längerfristig Beschäftigte ihren Job verlieren und der Einstellungs- sowie vor allem Ausbildungsmarkt praktisch zum Erliegen gekommen sei (OP berichtete). „Wir werden keinen Hilfsbedürftigen abweisen, aber wir werden angesichts der Zahlen nicht alles leisten können.“ Das Spendenaufkommen habe sich nach den Hamsterkauf-Wochen, in denen das Warenaufkommen bei der Tafel einbrach, zwar stabilisiert und vor allem Privatleute, Vereine und Schulklassen würden einzelne Produkte vermehrt abgeben. Aber für die Versorgung der immer weiter steigenden Zahl der Bedürftigen in der Universitätsstadt und im Landkreis reichten die Lebensmittelspenden schon seit Wochen nicht mehr aus. Entgegen aller Prinzipien kauft die Tafel mittlerweile selbst in Supermärkten ein.

500 Vereinsmitglieder

Bis heute bekommt die Marburger Tafel – wie die meisten rund 1 000 Tafeln in Deutschland – für ihren Betrieb praktisch keine Steuergelder, mit Ausbruch der Corona-Pandemie ist eine Nothilfe in Höhe von insgesamt 11 000 Euro von Stadt Marburg und Landkreis Marburg-Biedenkopf geflossen. Das Land Hessen hat im Mai für die landesweit 57 Tafeln eine „finanzielle Überbrückungslösung“ in Höhe von 1,2 Millionen Euro gewährt, so dass laufende Kosten gedeckt werden können. Konkret: Personal-, Strom-, Miet- aber auch die in Marburg und Umland für die Tafel zuletzt wegen der Lieferfahrten und Kunden-Korrespondenzen massiv gestiegenen Benzin- und Portokosten. Der Tafel-Bundesverband forderte bereits vor mehr als einem Jahr – und somit weit vor Corona – eine Grundfinanzierung durch den Staat, der bisher nur punktuell Einzelprojekte unterstützt. In Bayern, wo Tafelarbeit eigentlich auch kommunale Aufgabe ist, unterstützte das Land die insgesamt 169 Tafeln zuletzt. Betrag: 100 000 Euro.

Gestiegen ist indes nicht nur das Kundenaufkommen bei der Tafel. Von vor der Corona-Pandemie 440 ist die Zahl der Vereinsmitglieder auf nun rund 500 gewachsen. Bei Warenausgabe, dem Sortieren, Fahren oder Putzen helfen mittlerweile mehr Marburger denn je, vor allem aus Reihen der im März gegründeten privaten Corona-Nachbarschafts-Hilfe, dem Verein „Solidaburg“ kommen viele. „An Einsatzbereitschaft mangelt es nicht – das ist das Gute in und an dieser Zeit“, sagt Barthel.

Von Björn Wisker

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