Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Vorbildliche Integration – Asylantrag dennoch abgelehnt
Marburg Vorbildliche Integration – Asylantrag dennoch abgelehnt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:32 02.12.2019
Rasha Essa steht vor einem Plakat, das in der Arbeitsagentur Marburg für Respekt und Toleranz wirbt.  Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

Rasha Essa betritt strahlend den Konferenzraum. Freudig lachend begrüßt sie die Besucher, scherzt – und sagt dann: „Es geht mir so gut. Es war mein absoluter Wunsch, da zu sein, wo ich jetzt gelandet bin.“ „Gelandet“ ist sie bei der Arbeitsagentur, hat in diesem Jahr ihre Ausbildung zur „Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen“ abgeschlossen.

Rückblick: Im Oktober 2015 floh Rasha Essa aus Damaskus nach Deutschland, erhielt nach einem kurzen Aufenthalt im Cappeler Flüchtlingscamp ein Zimmer in einer Marburger Privatwohnung bei einer Familie. Schnell lernte sie hervorragend Deutsch – auch wenn die heute 34-Jährige immer noch mit ihren angeblich so schlechten Sprachkenntnissen unzufrieden ist.

In ihrer Heimat hatte Rasha Essa bereits ein Chemie-Studium absolviert, arbeitete­ im Vertriebsmarketing und gab Sprachunterricht in Englisch und Arabisch. Bei der Arbeitsagentur bot man ihr zunächst eine Einstiegsqualifizierung an. Diese mündete in einer Ausbildung – und die hat die junge Frau im Sommer abgeschlossen, hat seither eine feste Stelle bei der Marburger Arbeitsagentur.

Die Ausbildung hat ihr inhaltlich keine so großen Probleme bereitet, „sprachlich war es schon eine Herausforderung“, sagt sie – und auch, wenn der Satz in lupenreinem Deutsch mit lediglich einem Akzent rüberkommt, so ist die Syrerin mit ihren Sprachkenntnissen immer noch nicht ganz zufrieden. Das ringt auch ihrem Chef, Agenturleiter Volker Breustedt, ein Kopfschütteln ab. Doch zeigt die Einstellung, was für Rasha Essa wichtig ist: „Ich will immer noch besser werden“, sagt sie.

Dass die Ausbildung so gut lief, lag auch daran, dass sie kurz vor den Prüfungen eine Sorge weniger hatte: „Mein Mann ist kurz vor meiner Abschlussprüfung nach Deutschland gekommen – das war wie ein Geschenk für mich.“ Im Sudan habe er ausgeharrt, bis seine Einreise nach Deutschland bewilligt worden sei – und vor knapp fünf Monaten war das der Fall.

Essa wartete drei Jahre und sieben Monate auf Anhörung

Eigentlich also eine Vorzeige-Integration. Doch: „Mein Asylantrag wurde abgelehnt“, sagt Rasha Essa. Schon vor einigen Monaten, als Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) zu Gast in der Arbeitsagentur war, um sich über das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge zu informieren, hatte die Syrerin Braun gefragt, wie es sein könne, dass Anhörungsverfahren – wie auch ihres – so lange liefen. Die Antwort seinerzeit: Sie solle doch froh sein, dass sie hier sei – und in der Regel würden die Verfahren sehr schnell abgearbeitet. Heißt übersetzt: Pech gehabt.

Was ging Rasha Essa damals durch den Kopf? „Ganz ehrlich: Ich habe das gar nicht ernst genommen. Denn mehr als drei Jahre und sieben Monate kann man doch auf eine Anhörung gar nicht warten. Das ist extrem lang. Ich konnte wenigstens meine Ausbildung absolvieren. Aber für jemanden, der nichts zu tun hat, ist das schon extrem hart.“

Doch dann kam die Ablehnung – Essa klagte und verlor, der Richter sei der Meinung gewesen, dass Essa nicht politisch verfolgt würde. Denn: Weder ihr noch ihrem Mann sei in Syrien etwas zugestoßen. „Ich bin aus Angst geflohen – und habe dann hier dieses Urteil bekommen, das hat mich schon enttäuscht“, sagt Essa. Nun genieße sie subsidiären Schutz, und da in Syrien noch Krieg herrsche, fürchte sie auch nicht, abgeschoben zu werden. Dabei will Rasha Essa „nicht bis zum Ende meines Lebens in Deutschland bleiben: Syrien ist meine Heimat, meine Familie ist dort. Wenn Assad und sein Regime weg sind, dann möchte ich auch wieder zurück.“

Gleichwohl sei ihr auch Marburg eine gute Ersatzheimat geworden: „Ich habe hier alles wieder aufgebaut, mein Mann ist da, ich habe Freunde gefunden.“ Sie fühle sich ein wenig zerrissen – zwischen ihrer eigentlichen Heimat und Marburg, „das ein Stück von mir geworden ist“.
Dazu hat auch die Ankunft ihres Ehemanns beigetragen.

ass der nach Marburg kommen konnte, „ist ein kleines Wunder. Denn bei subsidiärem Schutz ist es fast unmöglich, die Familie nachzuholen“, weiß Essa mittlerweile. Drei Jahre hat sie auf einen Termin in der Botschaft in Beirut gewartet – dann gab es Probleme mit dem Reisepass ihres Manns, der nicht anerkannt wurde. „Wir mussten alle Unterlagen noch einmal herbeiholen, den Pass neu beantragen und unsere Eheschließung noch einmal übersetzen und beglaubigen lassen – das hat alles in allem fast 6 000 Euro und jede Menge Zeit und Nerven gekostet.“

Marburg ist so ruhig 
„wie eine Reha-Klinik“

Wie geht es ihrem Mann nun hier? „Sehr gut, aber anfangs hat er gedacht, dass Marburg wie eine Reha-Klinik ist“, sagt die Syrerin lachend. Denn im Gegensatz zu dem geschäftigen Treiben in Damaskus sei Marburg „sehr, sehr ruhig“. Das sei sehr gewöhnungsbedürftig gewesen.
Nun muss auch Rasha Essas Mann Deutsch lernen, absolviert einen Sprachkurs.

Und auch wenn Essa sich selbst als „eigentlich die falsche Quelle“ bezeichnet, so reden die beiden zu Hause doch hauptsächlich Deutsch. „Wir machen Sprach-Fasten“, sagt Essa – „tagsüber gibt es nur Deutsch. Und ab 20 Uhr dürfen wir dann Arabisch reden“. Ihr Mann war Beamter in Syrien, müsse nun – wie sie selbst – auch wieder bei null anfangen. „Das ist die Liebe – er wollte mich heiraten. Das hat er nun davon“, sagt Essa mit dem ihr eigenen Humor. Und das Lachen kommt trotz der manchmal schweren Umstände auch in ihren Augen an.

von Andreas Schmidt