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Marburg Der Sportlehrer ist jetzt Schwimmmeister
Marburg Der Sportlehrer ist jetzt Schwimmmeister
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11:17 10.08.2020
Khalil Kashkush kommt aus Syrien und arbeitet jetzt im Aquamar. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Es ist nicht der erste Termin mit der OP für Khalil Kashkush. Vor vier Jahren trafen wir ihn an Weihnachten auf den Lahnbergen. Seine Tochter Rittal wurde nämlich an Heiligabend geboren. Damals war das große Ziel des geflüchteten Syrers, dass er als Sportlehrer arbeiten darf. Das hat er erreicht, zumindest fast.

Nachdem er Mitte 2015 aus dem Libanon geflohen war, zog er nach kurzem Aufenthalt in Gießen nach Stadtallendorf. „Ich habe dort schon immer über YouTube-Videos versucht, Deutsch zu lernen“, berichtet er. Denn er hat ganz schnell erkannt, dass er nur über gute Deutschkenntnisse sein Ziel erreichen kann. Später kniete er sich im Deutschkurs richtig rein. Als dann die Anerkennung seiner Ausbildung abgelehnt wurde, musste der heute 28-Jährige einen neuen Plan schmieden. Im Rahmen einer sechsmonatigen berufsvorbereitenden Maßnahme bei „Arbeit und Bildung“ absolvierte er ein einmonatiges Praktikum im Aquamar in Marburg.

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Ausbildung zum Bademeister

Und dann hat es Klick gemacht. Sowohl bei ihm, als auch bei Betriebsleiter Marcel Dommermuth. „Khalil ist ein klasse Typ“, sagt dieser. „Mit 28 Jahren und seiner Vergangenheit hat er natürlich mehr Lebenserfahrung, als ein Schulabgänger. Das kommt uns hier sehr zugute. Er ist verantwortungsbewusst, sieht anfallende Arbeiten und erledigt diese ganz selbstverständlich“, ist der Aquamar-Betriebsleiter voll des Lobes. Er erinnert sich noch, wie der junge Syrer sich viele Dinge im Selbststudium beigebracht hatte und stundenlang deutsche Texte in Arabisch übersetzt hat, um sie besser zu verstehen. „Das hat mich sehr beeindruckt“, erinnert sich Marcel Dommermuth, der nun mit Khalil Kashkush seit kurzem einen neuen Kollegen hat.

Denn nach dem Praktikum kehrte der Neu-Marburger für eine Einstiegsqualifikation zurück ins Aquamar und absolvierte anschließend noch eine Ausbildung zum Schwimmmeister. Aufgrund seines Engagements und seines Wissenshungers wurde ihm das Jahr der Qualifikation angerechnet, so dass die Lehrzeit nur zwei Jahre dauerte. Für den mittlerweile zweifachen Vater war das ein großer Anreiz sich auch in die Ausbildung reinzuknien. „Klar hakte es hier und da mal“, gibt er zu. Aber mit seinen guten Mathematikkenntnissen konnte er immer auftrumpfen.

Kashkush fühlt sich wohl in Deutschland

Der permanente Kontakt zu den anderen Auszubildenden, den Kollegen, aber vor allem zu den Badegästen, halfen ihm, die Sprache noch besser zu lernen. „Es ist eine tolle Arbeit, die Kollegen sind sehr nett. Sie geben mir das Gefühl, dass ich dazugehöre. Das ist ein gutes Gefühl. Ohne das und ihre Unterstützung hätte ich die Ausbildung nicht geschafft“, sagt Khalil Kashkush ehrlich, der nun unter anderem täglich die Becken sauber macht, Filter spült sowie den Chlor- und den pH-Wert des Wassers misst. „Derzeit kommt noch das Desinfizieren mehrmals am Tag hinzu. Rutsche, Bänke, Duschköpfe, Griffe und das Drehkreuz“, zählt er auf. Und auch die Wassergymnastik findet wieder statt, bei der dem Bademeister sein Sportstudium wieder zugute kommt.

Khalil Kashkush fühlt sich wohl in Deutschland und auch in Marburg. Von der Oberstadt ist er mit seiner Familie an den Ortenberg gezogen. Er mag die Ordnung in seiner neuen Heimat und auch, dass Regeln durchgesetzt werden. Als Bademeister ist er nun auch einer, der beispielsweise die Bäderregeln im Aquamar durchsetzt. Und das, so seine Kollegen, sehr konsequent. Wenn Landsmänner sich weigern, „dann erkläre ich ihnen die auch schon mal auf Arabisch und mache ihnen klar, dass die Regeln hier für alle gelten. Da sind sie manchmal schon sehr verwundert“, berichtet er.

Und er hat schon wieder ein neues Ziel. Er will kurze Filme drehen, in denen er Flüchtlingen das Schwimmen beibringen will. „In Syrien beispielsweise gibt es keinen Schwimmunterricht in der Schule und generell auch wenige Schwimmbäder“, erklärt er, warum viele Flüchtlinge nicht schwimmen können. Das will er ändern. Gleichzeitig will er in den Videos auch die Regeln erklären, die in deutschen Schwimmbädern herrschen, „um vielleicht Missverständnisse vermeiden zu können“, so seine Idee. In der Stadtverwaltung traf er mit seiner Idee auf offene Ohren. Sie will ihm bei der Umsetzung nun helfen.

Arbeit und Bildung

Durch Beratung, Bildung, Schaffung von Arbeitsplätzen und Ausbildungsstellen sowie Weiterqualifizierung gelingt berufliche Integration und eröffnet neue Lebensperspektiven. Dies ist das wichtigste Ziel von Arbeit und Bildung als gemeinnützigem Verein der privaten Wohlfahrtspflege. Seit 30 Jahren sucht der eingetragene Verein in Mittelhessen Wege zur Überwindung der Arbeitslosigkeit. Er bietet Arbeitsplätze, gemeinnützige Beschäftigungen, Ausbildungsstellen, Berufsvorbereitungskurse, Fort- und Weiterbildungen, Arbeitsvermittlungen, Integrationsdienste, Schulabschlüsse, Netzwerke, Einzelberatungen, Coaching.

Bei den oft mehrmonatigen Vollzeit-Kursen für Flüchtlinge und Migranten geht es hauptsächlich darum, Perspektiven zu entwickeln, Ziele zu setzen und die nächsten Schritte zu planen. Menschen, die geflüchtet sind, kennen sich mit den deutschen Strukturen und Abläufen nur wenig aus. Für viele von ihnen sind beispielsweise befristete Jobs oft attraktiver, als eine Ausbildung zu absolvieren, weil es dieses Konstrukt in ihren Ländern gar nicht gibt. Ihnen die Chancen einer Lehre und die Möglichkeiten danach zu erklären sowie gemeinsam einen Ausbildungsplatz zu suchen, ist ein weiteres Themenfeld des Vereins. Arbeit und Bildung kümmert sich auch nach den eigenen Maßnahmen im Bedarfsfall weiter um die Klienten und bleibt Ansprechpartner für diese.

Kontakt: Arbeit und Bildung e.V., Krummbogen 3, 35039 Marburg,Telefon: 06421/9636-0, E-Mail: info@arbeit-und-bildung.de

von Katja Peters

09.08.2020
08.08.2020