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Marburg Erinnerung an „feigen Brandanschlag“
Marburg Erinnerung an „feigen Brandanschlag“
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22:10 10.11.2021
Als ein Teil der Ausstellung zu "Feuerwehr in der NS-Zeit" steht derzeit auch ein originales Marburger Löschfahrzeug vor dem Rathaus, das in den tannengrünen Farben aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 gestrichen ist.
Als ein Teil der Ausstellung zu "Feuerwehr in der NS-Zeit" steht derzeit auch ein originales Marburger Löschfahrzeug vor dem Rathaus, das in den tannengrünen Farben aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 gestrichen ist. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

„Vor nun 83 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, wurde an diesem Ort durch einen feigen Brandanschlag die Marburger Synagoge zerstört“, sagte der Marburger Oberbürgermeister Dr. Spies (SPD) in seiner Ansprache am Ort der ehemaligen Synagoge in der Universitätsstraße. Neben ihrer beeindruckenden Architektur habe die Synagoge auch verdeutlicht, dass das Judentum in Marburg mitten in der Gesellschaft gestanden sei.

„In ihrer Schönheit, in ihrem Mittendrin, war die Synagoge ein Dorn im Auge der Rassisten und der Menschenfeinde, derjenigen, die dem Judentum in Deutschland keinen Platz in der Gesellschaft anerkennen wollten“, meinte Spies.

Am Abend des 9. November 1938 wurden in ganz Deutschland rund 1400 Synagogen in Brand gesetzt. „Es sind jedoch nicht fremde Menschen gewesen, die die Synagoge anzündeten, sondern Marburger, die gegen ihre eigenen Nachbarn, Bekannten, Freunde vorgingen“, betonte der OB. Darunter seien auch Angehörige der Feuerwehr gewesen.

Antisemitisches Verhalten

Deswegen zeigte sich Spies besonders beeindruckt davon, dass die Marburger Feuerwehr sich der Aufarbeit ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit aus eigenem Antrieb gestellt habe und auch neue Erkenntnisse zur Geschichte der Feuerwehr in der NS-Zeit an die Oberfläche gebracht habe. Zudem bestückten Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr in diesem Jahr die Zettelkästen am Garten des Gedenkens mit Zitaten.

So schrieb der ehemalige Stadtbrandinspektor Karlheinz Merle: „Auch Feuerwehrangehörige waren als Mitglieder der SA an der Brandstiftung der Synagoge beteiligt und haben den eigenen Wahlspruch „Gott zur Ehr’, dem Nächsten zur Wehr!“ missachtet. Das zeigt, dass unsere Gesellschaft, damals wie heute, anfällig für Ideologien ist. Umso wichtiger ist, Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten – damit sich das nie wiederholt“.

Feuerwehrchefin Carmen Werners Beitrag lautet: „Unvorstellbar! Es erfüllt mich mit Wut und Scham zugleich, dass unter den Brandstiftern der Synagoge auch Feuerwehrkameraden waren“. Und ein 10-jähriges Mitglied der Marburger Jugendfeuerwehr meint: „Ich fühle mich verwundert und erschrocken, wenn ich vom Synagogenbrand von 1938 höre. Wie kann man so dumm sein und ein Haus mitten in der Stadt anstecken und dann die Feuerwehr nicht zum Löschen zu rufen? Da kann doch rundherum alles brennen.“

Andreas Brauer, stellvertretender Leiter der Marburger Feuerwehr, schlägt in seinem Zitat den Bogen zur Gegenwart, in der antisemitisches Verhalten auf dem Vormarsch sei. Er schrieb: „Wir als Feuerwehr und Teil dieser interkulturellen und demokratischen Gesellschaft haben das Zündeln zu löschen, damit es nie wieder zu einem Flächenbrand werden kann“.

Noch bis zum 14. November ist im unteren Saal des Marburger Rathauses die Ausstellung „Als die Feuerwehrautos tannengrün wurden – Die Feuerwehr Marburg in der NS-Zeit“ (die OP berichtete) zu sehen.

Von Manfred Hitzeroth

09.11.2021
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